Allgemeine Berichte | 19.05.2026

Archäologie und Geschichte

Remagen. Wer in der Kirchstraße 9 die schlichte Tür der ehemaligen St.-Magdalenen-Kapelle öffnet, betritt zugleich den Boden eines römischen Militärlagers. Drei Epochen treffen hier auf wenigen Quadratmetern aufeinander: das Kastell Rigomagus aus römischer Zeit, eine spätmittelalterliche Kapelle aus dem 15. Jahrhundert und das daraus hervorgegangene Heimatmuseum, das im Jahr 1905 eröffnet wurde. Genau diese Schichtung macht das Römische Museum Remagen zu einem der ungewöhnlichsten archäologischen Orte am Rhein.

Eine Entdeckung knapp unter dem Fußboden

Den entscheidenden Anstoß gab das Jahr 1900: Beim Neubau der Pfarrkirche St. Peter und Paul kamen umfangreiche Reste des römischen Kastells zutage. Hans Lehner, damals Leiter des Provinzialmuseums Bonn, regte daraufhin gemeinsam mit dem Remagener Apotheker und Altertumsforscher Eugen Funck (1862–1935) ein eigenes Museum an. Als von 1903 bis 1905 die baufällige Kapelle in der Kirchstraße nach Plänen des Bonner Architekten Carl Hupe umgebaut wurde, stießen die Arbeiter unmittelbar unter dem Fußboden auf drei mächtige Säulenbasen – die Eingangshalle der Principia, des Stabsgebäudes des Kastells. Sie blieben in originaler Lage erhalten und sind bis heute durch einen Kriechkeller mit Sichtfenster zu besichtigen. Den Großteil der Kosten trug der Industrielle Max von Guilleaume, der der Stadt zudem die Kapelle schenkte. Am 10. Juni 1905 wurde das Haus als „Heimatmuseum“ eröffnet.

Rigomagus – Roms südlichster Posten am Niedergermanischen Limes

Das Kastell selbst entstand um die Zeitenwende. Bei Ausgrabungen geborgene Eichenhölzer ließen sich dendrochronologisch auf die Jahre zwischen 6 v. Chr. und 6 n. Chr. datieren. Es bestand bis ins ausgehende 4., wahrscheinlich noch ins 5. Jahrhundert. Im Kastell lag eine Cohors equitata, eine gemischte Einheit aus Infanterie und Reiterei mit einer Sollstärke von 480 Fußsoldaten und 120 Berittenen. Inschriften und Grabsteine belegen, dass die Mannschaften aus Pannonien, Thrakien und Spanien stammten. Während des Bataveraufstands 69/70 n. Chr. wurde das ursprüngliche Holz-Erde-Kastell zerstört und in Stein neu errichtet. Der spätantike Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus erwähnt, dass „Rigomagum oppidum“ den Germaneneinfall des Jahres 355 unzerstört überstand.

Strategisch sicherte Rigomagus den Übergang zur Niederrheinebene und die Straßenverbindung in Richtung Köln und Mainz. Es markiert den südlichen Endpunkt des sogenannten Niedergermanischen Limes, einer rund 400 Kilometer langen „nassen“ Flussgrenze, die vom Vinxtbach nahe Bad Breisig bis nach Katwijk an der niederländischen Nordseeküste reichte. Am 27. Juli 2021 hat das UNESCO-Welterbekomitee diesen Grenzabschnitt mit insgesamt 44 archäologischen Fundplätzen in den Niederlanden, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Welterbe „Grenzen des Römischen Reiches – Niedergermanischer Limes“ anerkannt. Remagen ist der einzige rheinland-pfälzische Standort dieser seriellen Welterbestätte.

Drei Ebenen, ausschließlich Funde aus Remagen

Das Museum gliedert sich in drei Ebenen. Im Keller stehen Besucher zwischen den originalen Säulenfundamenten und sehen acht detailliert rekonstruierte Grabinventare aus dem 1. und 2. Jahrhundert. Im Erdgeschoss dokumentieren zahlreiche lateinische Inschriften das tägliche Leben der Garnison. Auf der Empore zeigen Keramik, Terra Sigillata, Glas und Metall die Handwerkskunst der Provinz Niedergermanien. Die Besonderheit: Sämtliche Ausstellungsstücke wurden im Stadtgebiet von Remagen oder in unmittelbarer Umgebung geborgen.

Ein unscheinbares, aber wissenschaftlich bemerkenswertes Stück liegt auf der Empore: der Boden eines kleinen Tongefäßes mit einer in römischer Kursivschrift in den noch feuchten Ton geritzten Inschrift – „quisquis amat pueros sine finem puellas, rationem sacli no refert“. Der Bonner Altphilologe Franz Bücheler übersetzte sie 1907 frei mit den Worten: „Wer Knaben liebt und Mädchen ohne End, mit dessen Beutel geht es bald zu End.“ Bücheler verwies auf vergleichbare Graffiti aus Pompeji. Eine in der Forschung diskutierte Deutung lautet, dass der Krug als Spardose gedient haben könnte – die Inschrift wäre dann eine augenzwinkernde Mahnung an den Besitzer.

Krieg, Plünderung und ein langer Wiederaufbau

Die Geschichte des Hauses im 20. Jahrhundert ist auch eine Verlustgeschichte. 1939 verzeichnete das Inventar 2058 Objekte. Von 1935 bis 1945 leitete der Maler Karl Maria Funck, Sohn des Gründers, das Haus. Zwar wurden besonders wertvolle Stücke ins Kloster Marienstatt im Westerwald ausgelagert, der Bau selbst erlitt jedoch bei den Bombardierungen Remagens im Winter 1944/45 schwere Schäden. In den Nachkriegsjahren ging der Großteil der in städtischen Kellern eingelagerten Sammlung durch Plünderungen verloren; rund 80 Prozent der ursprünglichen Bestände gelten als unwiederbringlich verloren.

Mit der Beseitigung der Kriegsschäden wurde 1948 begonnen. Bürgermeister Hans Kemming wandte sich am 17. Dezember 1954 mit einem öffentlichen Aufruf an die Remagener Bürger, etwa noch vorhandene Stücke zurückzugeben. 1955 richtete der aus Breslau stammende Prähistoriker Siegfried Gollub eine erste Nachkriegsausstellung ein. In den 1970er Jahren musste das Haus wegen Bauschäden erneut schließen. Erst am 9. Mai 1989 wurde es nach umfassender Sanierung als „Römisches Museum Remagen“ wiedereröffnet. Seit 1994 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Was als Nächstes kommt

Mit der UNESCO-Anerkennung 2021 sind in Remagen weitere Vorhaben in Planung. Vorgesehen sind eine inhaltliche Modernisierung des Museums sowie der Bau eines Welterbe-Informationszentrums im Bereich des ehemaligen Kastells. Außerdem soll die sehr gut erhaltene römische Hypokaustanlage – eine antike Fußbodenheizung – im Keller der benachbarten Kulturwerkstatt in der Kirchstraße 5 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Auf einen Blick

Römisches Museum Remagen, Kirchstraße 9, 53424 Remagen, Tel. 02642 / 20187. Eintritt frei.

Öffnungszeiten: März bis Oktober: Di–Fr 14–17 Uhr, Sa, So und Feiertage 11–17 Uhr; November bis Februar: Sa, So 11–17 Uhr. Geschlossen an Neujahr, Karfreitag, Allerheiligen sowie am 25./26. Dezember. Gruppen nach Vereinbarung.

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