Shakespearestück als fesselnde, kurzweilige Performance
„Viel Lärm um nichts“
Bochumer Theater-Ensemble entführte sein Publikum von Waldorf nach Sizilien
Waldorf. Das Theater Total Team gastierte mittlerweile schon traditionsgemäß zum 15. Mal in der Vingxtbachhalle. Aufgrund der großen Nachfrage gab es in diesem Jahr erstmals fünf Vorstellungen, davon zwei speziell für Schulklassen. Alles ist ganz still. Erste sizilianische Gitarrenakkorde erklingen, schmeichelnd setzt das Cello mit ein, und noch ehe der Zuschauer in Gedanken an eine vergangene italienische Reise dahinschwinden kann, fesseln ihn die jungen Schauspieler des Theater Totals lediglich durch ihre Mimik. Theater Total - das ist ein Off-Theaterprojekt aus Bochum unter der Leitung von Barbara Wollrath Kramer - bekannt für seine speziellen Inszenierungen und die Intensität der Auseinandersetzung der Darsteller mit den Charakteren. 30 junge Leute im Alter von 18 bis 24 Jahren sind es in diesem Jahr, die sich für Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, einer Komödie voller Verstrickungen, entschieden haben. Nach kriegerischen Gefechten zurück in Messina, verliebt sich der junge Claudio unsterblich in Hero, die Tochter des Gouverneurs. Jegliche Hochzeitsplanungen werden jedoch vom im Krieg besiegten, missgünstigen Don Juan durch eine fatale Intrige zunichte gemacht. In einem parallelen Handlungsstrang wird der widerspenstige, wortgewandte Benedikt zu seiner Liebe mit der spitzzüngigen Beatrice getrieben. Nachdem die unbeholfenen Wachen die Intrigen Juans aufklären konnten, kommt es schließlich zur Doppelhochzeit der jungen Paare. Was zunächst nach einer sizilianischen Schnulze klingt, wird allein schon durch die Sprachgewandtheit des Altmeisters Shakespeare zu mehr. Wie viele Alltagsfloskeln von ihm stammen - beispielsweise „Kleider machen Leute“ - wurde den Anwesenden beim Besuch der Inszenierung bekannt. Dabei fand das Ensemble das richtige Maß dafür, Passagen kunstvoll zu modernisieren, ohne dem Stück seinen elisabethanischen Charakter zu rauben. Besonders beeindruckte dabei die Leistung des Schauspielers Florian Paul, der gemeinsam mit Christopher Hans die musikalische Leitung des Stückes übernahm. Die Beiden verstanden es, die federleicht italienische Musik nahezu unterbewusst in das Gehör der Zuschauer zu hauchen- eine Meisterleistung. Das Bühnenbild bestand aus zwei dreh- und kippbaren Bühnenelementen, die ambivalent von der Gartenlaube bis zur Stadtmauer dienten und durch perfekte Beleuchtung stimmungsvoll in Szene gesetzt wurden. Durch seine schauspielerische Meisterleistung und seinen Charme entwickelte sich Hanno Lauterbach, Darsteller des Benedikts, im Nu zum Publikumsliebling. Anfangs spitzzüngig -“Dass ich meine Freiheit aufgebe für die Liebe? Niemals!“,- durchlebte er wohl die größte Wandlung und beantwortete jene entscheidende Frage, unter dessen Fokus die junge Truppe ihr Stück inszenierte- „Was ist Liebe und warum stimmt sie uns trotz allem Leid glücklich?“ In einer fesselnden, kurzweiligen Performance blieb dem Zuschauer bei all den spektakulären Tanzeinlagen, Musikpassagen und schauspielerischen Meisterleistungen kaum Zeit, diese Frage für sich selbst zu beantworten. Dies nahm ihm Benedikt schließlich selber ab. Er erkennt, dass der Mensch ein wandelbares Geschöpf sei und gesteht gegenüber Beatrice: „Ich liebe euch von ganzem Herzen. Ist das nicht seltsam?“ Nein, seltsam schien hier nichts mehr, angesichts der Symbiose aus Musik, Tanz und Schauspiel, die vor Lebendigkeit nur so strotzte. Auf ihrer selbst organisierten Tournee durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz, sind die jungen Akteure schon ganz schön herumgekommen. Am kleinen Örtchen Waldorf gefällt ihnen nach eigener Aussage besonders die Idylle und die Nähe zum Publikum, die ihrer Leitphilosophie „Lernen durch Erfahrung“ folgt. Dass dieses Motto auch gelebt wird, bewiesen die Akteure unmittelbar nach Aufführen des Stückes. Nur schnell aus den selbst geschneiderten Kostümen herausgeschlüpft, standen die jungen bodenständigen Schauspieler für Fragen und Gespräche zur Verfügung und ließen sich dafür viel Zeit. Im Gespräch erfuhren die Besucher, dass ein Großteil der Akteure zwei Rollen gelernt hat und es während der Tournee eine Art rotierendes System gibt: „Das ist für uns sehr wichtig, denn so ist jede Aufführung noch individueller und die Gruppenerfahrung jedes Mal eine ganz andere“, erklärte Musiker und Don Juan-Darsteller Lukas Weber. Diese Individualität und Schaffensfreude beim Aufführen stand den Schauspielern auch bei ihrer Darbietung in Waldorf ins Gesicht geschrieben. Sie schafften es, gerade das junge Publikum durch die Leichtigkeit, mit der sie die großen Fragen dieser Welt beantworteten, zum Nachdenken anzuregen und in ihren Bann zu ziehen. Denn trotz aller Professionalität handelt es sich um „ganz normale“ Jugendliche. „Viel Lärm“ sollte man im nächsten Jahr wieder machen, wenn die junge Truppe aus Bochum mit 30 neuen Akteuren wieder in Waldorf gastieren wird. Denn eins ist sicher: Ein spezielles Erlebnis für Schauspieler und Publikum wird es in jedem Falle wieder werden.
Die Akteure auf der Bühne.Foto: privat
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