Allgemeine Berichte | 04.09.2021

Der Friseur Heinz-Peter Hammer hat seinen Salon in Bad Neuenahr in den Fluten verloren – Aufgeben ist für ihn und seine Kollegen aber keine Option

Aufräumen nach der Flut: „Wir brauchen Männer und andere Schuhe!“

Derzeit arbeitet der Friseurbetrieb in Containern

Vieles verloren und trotzdem gut gelaunt: Das Team des Friseursalons geht optimistisch in die Zukunft. Foto: ROB

Bad Neuenahr/Oeverich. Der Wadenheimer Platz im Herzen von Bad Neuenahr ist ein Ort der Geselligkeit. Die Einwohner der Kurstadt können dort auf einer Bank neben einem Blumenbeet sitzen und Füße und Seele baumeln lassen. Gleich daneben schneidet Heinz-Peter Hammer seinen Kunden in seinem Salon die Haare. Dort geht’s ganz familiär zu, so wie man sich einen Friseursalon eben vorstellt. Die Kunden bringen das Kleinstadtgespräch mit und von Hammer gibt’s das passende Styling. Kollegin Melanie Schmickler und auch die Töchter Hammers packen mit an – das Friseurhandwerk ist in der Familie eben genetisch bedingt, schon der Vater Hammers hatte es mit der Schere. Der Meisterbrief von 1938 hängt sauber eingerahmt hinter einer Glasscheibe an der Wand, der ganze Stolz von Chef Heinz-Peter. In der sechsten Generation schneidet die Familie Hammer den Menschen die Haare.

In der Nacht des 15. Juli war es vorbei mit dem Idyll. Das Hochwasser stieg im Salon auf eine Höhe von 2,40 Meter. Die Straße davor war „zusammengeklappt wie ein Sandwich“, beschreibt es Heinz-Peter Hammer. Die Gewalt des Wasser hatte den Asphalt angehoben und praktisch übereinander gestapelt. Auch der Wadenheimer Platz ist stark lädiert. Dass die Flut den Salon überhaupt hätte treffen können, habe man gar nicht vermutet. „Wir hatten bis 19.30 Uhr sogar noch ein Vorstellungsgespräch“, sagt Melanie Schmickler über die damalige Seelenruhe. Anschließend ging es zu zurück nach Kripp, dem Wohnort der Friseure und das recht ungestresst, wie sie im Nachhinein sagen. „Gut, die Ahr war eben was hoch“, so Schmickler. Aber nervös wurde man nicht, zumindest nicht am Vortag der Flut. Als jedoch die Meldungen eintrafen, dass sich die Lage immer mehr verschlimmert, ahnten Hammer und Schmickler nichts Gutes. Am nächsten Morgen schauten sie nach dem Salon. „Es war alles kaputt“, sagt Hammer und betont das „alles“ besonders. Tatsächlich war kein Möbel mehr zu gebrauchen. Die stapelten sich bis zur Decke im Aufenthaltsraum des Friseur-Teams. Im Salon gab es einige liebgewonnen Dekormaterialien: Alte Puderquasten und Rasiermesser von annodazumal – alles weg. Und dann war da noch der Schlamm. Heinz-Peter Hammer hält seine Hand an die Mitte des Schienbeins. „So hoch stand da der Dreck“, sagt er. Schnell war allen klar: „Wir packen das alleine nicht.“ Das Ausmaß des Chaos war gigantisch. Melanie Schmickler hatte angesichts der Zerstörung nur einen Gedanken. „Wir brauchen hier Männer und andere Schuhe.“ Sie lacht dabei. Denn nach der Flut betrat sie den völlig kaputten Salon mit Turnschuhen- ein bisschen blauäugig wie sie zugibt. Schnell wechselte das Schuhwerk zu Gummistiefeln. Aber Friseurmeister Hammer bleibt dabei: Einen solchen Schaden hätte man nicht erwartet. Der summiert sich auf etwa 150.000 bis 200.000 Euro. Besonders teuer waren die Echthaarteile. „Die kosten richtig viel Geld“, sagt Hammer. Und es wurde noch bitterer. Seit 2007 ist der Salon Hammer in Bad Neuenahr zu finden. Die Corona-Pause kostete schon Nerven, aber immerhin nutzte man den Stillstand als Chance. Vor einem Jahr wurde der Salon topmodern saniert. „Das wird mein letzter Salon“, erinnert sich Hammer an den Tag, als er stolz die Pforten für die Kundschaft öffnete. Und heute? Heute ist alles anders, sagt er. Ob er aufgeben wollte? „Klar. Angesichts der Zerstörung ging uns das allen durch den Kopf.“ Doch dann beim Schlammschippen, gab es ein besonderes Erlebnis. Heinz-Peter Hammer bekam im Morast etwas zu greifen, etwas Schweres aus Glas. Es war der eingerahmte Meisterbrief seines Papas von 1938. „Das war ein Moment, den ich nicht beschreiben kann“, sagt der Friseur. Für mich war das unfassbar emotional. „Zu diesem Punkt wusste ich, dass wir weitermachen werden.“ Bevor es ans weitermachen ging, wurde auf den Beschluss angestoßen. Irgendwo wurde noch ein Piccolo gefunden und die Feuerwehr spritzte eine volle Bierkiste sauber, „damit auch die Männer etwas zu trinken haben“, erinnert sich Melanie Schmickler an den wohl wichtigsten Moment nach der Flut. Viele Helfer, Nachbarn, Mitarbeiter, Freunde und natürlich die Mitglieder des THW und der Feuerwehr halfen beim Ausräumen. Auch zwei Friseurberater unterstützten Hammer beim kompletten Neuanfang. „Das sind allesamt großartige Menschen, ohne die wir das niemals geschafft hätten.“ Das Friseurgeschäft startete zunächst in Hammers Wohnhaus in Kripp. Dorthin wurde alles an Werkzeug und Haarpflegemitteln verfrachtet, was da war. Wo sonst das Abendbrot der Familie serviert wurde, gab es nun Herrenhaarschnitte. Schon nach wenigen Tagen konnte der Betrieb also weitergehen. Das schätzten die Kunden. Viele ließen ein paar Euro mehr da, um den liebgewonnen Salon beim Neustart zu unterstützten. Mitte August machte der Plan für die Zukunft einen gewaltigen Satz. Am 16. August eröffnete der neue Standort in Oeverich. Dort stehen nun zwei Container, in dem sich die Kunden die Haare waschen, schneiden und föhnen lassen können. Ein bisschen wirkt die Szene wie Campingurlaub. Der Wartebereich besteht aus einigen Campingstühlen unter einem Pavillon. Über den Container sind Hammer und Schmickler sehr dankbar. Denn einer der wichtigsten Helfer ist der Eigentümer des Hauses in Bad Neuenahr. Dem Salonvermieter gehört die Fläche, wo nun der Container parkt. „Wahrscheinlich bleiben wir bis Karneval oder Ostern hier“, vermuten Hammer und Schmickler. Denn solange wird es wohl dauern, bis es in Bad Neuenahr wieder Gas zum Heizen gibt. Dorthin möchten sie aber wieder zurück. Denn: „Jeder Neuanfang ist auch eine Chance“, sagt Heinz-Peter Hammer. ROB

Vieles verloren und trotzdem gut gelaunt: Das Team des Friseursalons geht optimistisch in die Zukunft. Foto: ROB

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