Allgemeine Berichte | 04.09.2018

Sinziger Stadtgeschichte

Der große Stadtbrand im Jahre 1758

von Hans Josef Moeren

Altes mit einem Außenputz versehenes Fachwerkhaus am Markt.Foto: Foto Flück

Während der letzten Sommerwochen konnten wir es wieder erleben, wie gefährlich und teilweise unbändig das Feuer auf trockenem Gelände wüten kann. Da wurden uns über das Fernsehen Bilder von Meter hohen Flammenwänden, verkohlten Landschaften und ausgebrannten Häusern und Dörfern in Griechenland in unser Wohnzimmer übermittelt. Da waren Reste von Häusern zu sehen, wo z.B. neben einem ausgebrannten Wohnhaus noch die geschwärzten Umrisse einer Waschmaschine von den Flammen des Feuers übrig blieben. Verzweifelte Menschen beklagten den Verlust von Hab und Gut. Sie standen innerhalb kürzester Zeit vor dem Nichts ihres Vermögens.

So oder ähnlich kann man sich den Ablauf und die Folgen des Stadtbrandes in Sinzig am Fron-leichnamstag des Jahres 1758 vorstellen, als ein Knabe ohne Wissen der Eltern sich einer glühenden Kohle zum Abfeuern einer Schlüsselbüchse bediente, die den Brand auslöste.

Zu der damaligen Zeit wurde das Straßenbild in Sinzig noch von zweistöckigen kleinen Fachwerkhäusern geprägt, die meist dicht an dicht an den Straßen standen. Diese alten Fachwerkhäuser waren aus Holzwerk errichtet, zwischen dessen einzelnen Feldern ein Geflecht aus Zweigen gespannt war, das mit einem Gemenge von Lehm und Stroh überdeckt wurde. Die Zwischendecken bestanden aus Balken mit aufgenagelten Bodendielen. In diesen Häusern lebten nicht nur Handwerker mit ihren Werkstätten und sonstige Gewerbetreibende, sondern es waren auch Häuser von Bauern dabei, die hier ihren landwirtschaftlichen Betrieb mit Stallungen und Scheune hatten. Häuser in Massivbauweise gab es nur vereinzelt. Die heute noch vorhandenen alten Massivhäuser stammen meist aus der Zeit nach dem Stadtbrand. Die dichteste Bebauung war an Mühlenbach-, Bachoven- und Ausdorferstraße sowie an der Kirchgasse gegeben.

In der Stadt lebten im Jahre 1743 160 Familien und 850 Personen.

Zum Schutz vor Regen waren diese Häuser meist mit einem Stroh- oder Reetdach versehen wie sie heute noch vereinzelt in Norddeutschland zu finden sind. Nur die wenigsten Häuser hatten schon ein Dach mit Tonpfannen. Die Bevölkerung schätzte noch allgemein die Strohdächer, weil sie viel billiger als Pfannendächer waren und weil sie im Sommer das Haus kühl, im Winter aber warm hielten.

Man kann sich leicht vorstellen, wie groß bei einer solchen Bauweise die Feuergefahr war. Hatte sich auf einem Strohdach einmal ein Feuer entzündet, so breitete es sich nicht nur auf dem Dach eines einzelnen Hauses aus, sondern in Windes Eile auch auf die Strohdächer der Nachbarhäuser insbesondere durch Funkenflug. Mit der gleichen Eile fraßen sich die Flammen aber auch nach unten in das Strohdach und dann ungebremst auf den Speicher des Hauses und dann weiter durch Holzfußboden und Holzdecke in die unteren Stockwerke. Schnell brannten im Haus Dach, Decken und Wände. Reichlich Nahrung fand das Feuer auch in dem in den Scheunen und Ställen gelagerten brennbarem Material wie Stroh, Heu und Reisigbündel.

Die Brandbekämpfung

Schon immer war das Wasser das wichtigste Mittel im Kampf gegen das Feuer. Deshalb gab es in Sinzig zwei Brandweiher, einer befand sich auf dem Gelände des heutigen Brunnenplatzes an der Ausdorferstraße und einer „auf der Maas“ (heute westliche Ecke Rheinstraße/Koblenzer Straße). Hinzu kam Wasser aus den Pumpen einzelner Privathäuser und öffentlicher Pumpen. Das Wasser musste von den Brandweihern und Brunnen in Eimern in einer Menschenkette zur Brandstelle weitergereicht werden.

Zu jener Zeit fand die Feuerbekämpfung neben mit Wasser nur mit einfachen Hilfsmittel wie Eimer, Leitern und Feuerhaken statt. Die Feuerhaken dienten dazu, Gebäude einzureißen, wenn bei einer sehr dichten Bebauung sich das Feuer durch Funkenflug rasend schnell auf angrenzende Gebäude ausdehnen konnte und das Einreißen von einzelnen oder mehreren Häusern die einzige Möglichkeit war, um eine Schneiße zu schaffen und so zu versuchen, das Ausbreiten des Feuers zu verhindern. Um ihren Zweck zu erfüllen, waren die Holzstiele der Feuerhaken teilweise so lang, dass man mit ihnen auch bis zum First eines hohen Daches reichen konnte, um brennende Gebäudeteile abzureißen. Das Niederreißen eines brennenden Gebäudes hatte jedoch so zu geschehen, dass das Gebäude in sich zusammenstürzte, damit nicht die Flammen vermehrt und Flugfeuer gebildet wurden.

Die Brandbekämpfung mit Feuerhaken war jedoch nicht ungefährlich. So wurde 1824 der zur Sinziger Löschmannschaft gehörende 43-jährige Karl Josef Deutsch bei Löscharbeiten in Waldorf von einem herabfallenden Balken erschlagen. In einer Statistik des Kreises Ahrweiler wird zum Brandschutz in der Zeit um 1860, also der Zeit rund einhundert Jahre nach dem Stadtbrand, festgestellt: „Eine Feuerwehr ist nirgends organisiert, dagegen sind in allen Gemeinden zuverlässige Leute bestellt, die bei einem Brand die Löschgeräte herbeischaffen, die Spritzen bedienen, die Rettung von Mobilien bewirken. Jede Spritze hat ihren Spritzenmeister. Ferner wird in der Statistik der Bestand an Feuerlöschgeräten in Sinzig aufgelistet mit

2 Spritzen, 1 Handspritze, 6 Hacken, 250 lederne Eimer, 4 Leitern.“

Wenn es in Sinzig auch noch keine Feuerwehr mit gut ausgebildeten Mitgliedern gab, so bestand hier jedoch schon eine Löschmannschaft, die z. B. bei einem Brand in Leubsdorf auf der anderen Rheinseite. am 05. August 1818 nach eineinhalbstündiger Anfahrt beim Löschen eines Häuserrandes im Einsatz war.

Ausbruch des Brandes

Es war am Fronleichnamstag, das heißt an einem Tag mit einer sommerlichen Wetterlage. Da fing der auf einem Strohdach gelandete Funke sofort Feuer, das sich auf dem Strohdach schnell verbreitete und für die Leute sichtbar wurde. Das löste zunächst ein lautes Rufen und Schreien: „Feuer, Feuer“ oder „Es brennt, es brennt.“ aus. Wer von den Anwohnern noch nicht auf der Straße war, eilte nach draußen. Die vom Feuer schon Betroffenen und die näheren Anwohner eilten in die Ställe und trieben das Vieh nach draußen und versuchten mit Hilfe von beherzten Mitbürgern aus ihren Wohnungen noch zu retten was zu retten war. Schnell erklang auch die Brandglocke der Kirche.

Das Feuer löste eine Panik in der Stadt aus: lodernde Flammen, brennende Häuser, auf den Straßen schreiende Menschen, weinende Frauen und Kinder, brüllendes freilaufendes Vieh – ein Chaos! Und dann bei vielen noch die Angst und Ungewissheit, erfasst das Feuer auch mein Haus. Andere sahen wie die Flammen aus ihrem Haus loderten und das Gebäude immer mehr von den Flammen erfasst wurde.

Andere Mitbürger die in der Brandbekämpfung schon Erfahrung hatten. eilten mit Feuerhaken und Leitern zur Brandstelle, um mit den Feuerhaken brennende Gebäude einzureißen, damit bei der dichten Bebauung sich das Feuer nicht durch Funkenflug rasend schnell auf angrenzende Gebäude ausdehnen konnte. Allen war auch klar, dass Wasser so schnell wie möglich zur Brandbekämpfung herbeigeschafft werden musste. Deshalb war schnell eine Menschenkette gebildet von der die Eimer weitergereicht wurden.

Die lodernden Flammen und der aufsteigende Qualm blieben auch in den umliegenden Orten nicht unbe-merkt. Auch von dort machten sich Helfer auf den Weg nach Sinzig, um bei der Brandbekämpfung zu helfen.

Erfolglosigkeit

Wo bei Fachwerkbauten Holz das wichtigste Baumaterial war und die Häuser sehr dicht beieinander gebaut und mit Strohdächern ausgestattet waren, war mit diesen zur Brandbekämpfung zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln nicht mit effektiver Eindämmung der Flammen zu -erwarten. Deshalb dauerte der Brand an diesem Fronleichnamstag auch Stunde und Stunde. Gespenstig wurde es als es dunkel wurde und die Straßen durch die lodernden Flammen und verklimmenden Holzteile der verbrannten Gebäude in ein besonderes Licht versetzt wurden. Wie lange das Feuer gewütet hat ist heute nicht bekannt. Es muß jedoch sein vernichtendes Werk über Stunden, eher über Tage fortgesetzt haben, denn angeblich soll die ganze Stadt mit Ausnahme der Martelsburg abgebrannt sein. Dieser Umfang des Brandes wird jedoch stark ange-zweifelt.

Folgen für die Bevölkerung

Was es bei der damaligen Bauweise der Häuser in Fachwerk bedeutete, wenn ein Haus nach einem Brand „eingeäschert“ war, lässt sich kurz beschreiben mit „einem Haufen klimmender Balken, Asche und ausgetrocknetem Lehm“.

Da es eine Feuerversicherung damals noch nicht gab war für die Menschen die Vernichtung von Haus und Hof durch Feuer fast immer mit der völligen Verarmung der betroffenen Familien verbunden. Die Brandgeschädigten waren dann auf freiwillige Spenden der Nachbarn und auf Unterstützungsleistungen der Behörden, etwa in Form von Baukostenzuschüssen oder Steuervergünstigungen oder von Gewährung kostenlosen Bauholzes angewiesen.

Da auf eine Schadensregelung mit einer Versicherung nicht gewartet werden musste und die Leute wieder ein Dach über dem Kopf haben wollten, begann so schnell wie möglich der Wiederaufbau neuer Behausungen für Menschen und Tiere.

Altes mit einem Außenputz versehenes Fachwerkhaus am Markt. Foto: Foto Flück

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