Allgemeine Berichte | 19.05.2026, 15:31 Uhr

Fischfang an der Ahr: eine fast vergessene Tradition!

Fischfang an der Ahr in Dernau.  Foto: privat
1646

Ahrtal. Wer heute an der Ahr entlang wandert, begegnet ihnen wieder vereinzelt: Angler, die geduldig am Ufer stehen oder im Fluss ihre Angel auswerfen, als wäre alles wie früher. Doch die Flut von 2021 hat den Fluss und das Tal tiefgreifend verändert. Das Bett der Ahr wurde neu geformt, Uferzonen verschwanden oder entstanden neu, das Wasser erwärmte sich, und der Fischbestand geriet aus dem Gleichgewicht. Was heute als Hobby gilt, war für frühere Generationen im Tal teilweise ein wichtiger Bestandteil des Lebensunterhalts – und oft ein hart umkämpftes Recht.

Schon frühe Quellen aus der Grafschaft Saffenburg und dem Ahrweiler Schöffenweistum zeigen, wie der Fischfang geregelt war. In Ahrweiler heißt es etwa: „… unsere Bürger haben allezeit das Recht gehabt, dort (in den Mühlenteichen) zu fischen, sofern niemand widerspricht.“ Gleichzeitig waren Fischerei- und Wasserrechte ein ständiger Zankapfel. 1716 protestierten die Gemeinden Mayschoß, Rech und Laach gegen die Sperrung der Ahr durch herrschaftliche Fischer – ein Konflikt, der viel über die sozialen Spannungen jener Zeit erzählt.

Mit den napoleonischen Reformen um 1800 verschoben sich die Machtverhältnisse. Die Rechte des Adels wurden beschnitten, die der Bürger gestärkt – auch beim Fischfang. Ein Druck des Malmedyer Künstlers Jean Nicolas Ponsart zeigt Menschen im Ahrtal jener Zeit mit ihren typischen Arbeitsgeräten: eine Frau trägt Weinlaub in einem Tuch auf dem Kopf, ein Winzer schultert einen Bottich mit Dünger für die Weinberge und ein Fischer trägt sein kleines Senknetz, den „Hewer“, wie er im Tal genannt wurde.

Rümpchen -kleine Fische, große wirtschaftliche Bedeutung

Was damals mit den auf dem Druck gezeigten Senknetz gefangen wurde, wissen wir aus Familienüberlieferungen und aus Reiseberichten wie denen von Gottfried Kinkel. Er beschreibt um 1850 die „Rümpchen“, kleine Ahrfischchen, die am Niederrhein, Köln und Bonn heiß begehrt waren. Die kleinsten, das „Gesäme“, kaum ein Fingerglied lang, galten als Delikatesse. Sie wurden kurz in Salzwasser abgekocht, in Weidenrinde verpackt und später mit Öl und Essig serviert. Die meisten gehörten zur Art Phoxinus phoxinus, der Elritze – doch unter ihnen fanden sich auch Jungfische größerer Arten, etwa Forellen. Bereits Kinkel weist darauf hin, dass diese Fangmethode dem Bestand an Forellen schaden könnte.

Eine Dernauer Winzerin, geboren 1876, berichtete später, wie ihre Familie zwischen 1840 und 1870 vom Rümpchenfang ein erhebliches Zubrot verdienen konnte. Während viele Winzer wegen Missernten und niedriger Preise in diesen Jahren auswandern mussten, trug der Fischfang hier zum Überleben bei; kein einziges Mitglied der Familie wanderte aus. Ein Pfund Rümpchen brachte in Bonn mehr ein, als ein Tagelöhner am ganzen Tag verdiente. Die Fische wurden in Dernau gefangen, abgekocht, verpackt und zu Fuß nach Bonn getragen – zu preußischen Beamten, Richtern und anderen zahlungskräftigen Kunden. Der Verdienst daraus erleichterte der Familie sogar den Bau eines Hauses und ermöglichte den Kauf von Weinbergen in guten Lagen.

Auch auf Märkten in Köln und am Niederrhein wurden große Mengen dieser kleinen Fische verkauft, wie wir aus alten Zeitungsartikeln wissen. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbot die preußische Regierung diese Fangmethode – zu viele Jungfische edler Arten gingen als Beifang verloren.

Schleppnetze, Senknetze und ein Gemeinschaftsritual

Bis in die 1970er-Jahre blieb das Fischen mit Schleppnetzen an der Mittelahr vereinzelt verbreitet. Mehrmals im Sommer zogen die Dernauer Fischer von der Recher Grenze bis zum Einlauf des Hubachs in Marienthal an der Grenze zu Ahrweiler. Zwei oder drei Netze sperrten den Fluss ab, Wurzelwerk der Bäume am Flussufer wurde gezielt umstellt, wenn man dort Fische vermutete. Dann fingen einige der Fischer im Geflecht der Wurzeln die sich versteckenden Fische mit den bloßen Händen. Ein solcher Fischzug dauerte oft den ganzen Tag. Gefangen wurden Bach- und Regenbogenforellen, Äschen, Barben, Döbel, Hasel, manchmal Aale oder auch mal ein Neunauge.

Zur Mittagszeit brachten die Frauen der Fischer das Essen an den Fluss – und prüften, ob es ein guter Fangtag war. Am Abend wurde der Fang, oft mehr als ein Zentner Fische, im Hof eines der Fischer aufgeteilt. Dann begann die Arbeit: Netze reparieren, Fische ausnehmen, entschuppen, braten. Was am ersten Abend nicht gegessen wurde, kam in Essiglake – eine seit Jahrhunderten bewährte Methode, um Fisch wochenlang haltbar zu machen.

Ein Tal, das seine Traditionen verliert

Diese Traditionen sind heute nahezu verschwunden. Die Ahr war einst ein unmittelbarer Teil des Lebens: Spielplatz, Nahrungsquelle, Einkommensquelle – und immer wieder auch Gefahr, wenn die mehr oder weniger regelmäßigen Hochwässer die Felder, Weinberge und Keller der Häuser fluteten. Zu oft wurde diese Tatsache verdrängt bis die große Flut von 2021 nicht nur die Bewohner, sondern auch die Behörden, Planer und Genehmigungsinstanzen zwang, sich der Realität zu stellen.

Auch für die Fische brachte die Flut einschneidende Veränderungen. Fast alle schattenspendenden Bäume und ihr Wurzelwerk wurden von der Flut weggerissen, das Wasser erwärmt sich nun schneller, Lebensräume verschwinden. Arten wie Bachforelle, Äsche oder die empfindliche Elritze, die kühles, sauerstoffreiches Wasser brauchen, dürften sich in andere höhergelegene Flussabschnitte zurückziehen. Wie es dem in der Ahr wiederangesiedelten Lachs ergeht, wird sich wohl erst in den kommenden Jahren zeigen.

Grund genug, vorsichtig und behutsam mit der Natur umzugehen und sich der alten Traditionen der Vorfahren zu erinnern.

Matthias Betram

Fischfang an der Ahr in Dernau. Foto: privat

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Dauerauftrag 2026
Wir helfen im Trauerfall
Bestellung Nr.: 4300003040-W100-606 / Kampagne Rheinschiene, KW 30-51
Imageanzeige
Vorabrechnung, Nr. AF2026.000438.0, Oktober 2026
Heimat aktiv erleben
Heimat aktiv erleben
Empfohlene Artikel
Heimatwurzeln. Zukunftspreis Energie am 6. Oktober 2026 im Allianz Forum Berlin. Fotografie: FrankNuernberger.de.
12

Als die Ahr 2021 zum reißenden Strom wurde, zerstörte die Flut große Teile vom Dernauer Ortsteil Marienthal. Die Menschen standen buchstäblich vor dem Nichts. „Alle Leute hatten viel verloren, es gab ja keine Infrastruktur mehr,“ erinnert sich Rolf Schmitt, der den Zukunftspreis Deutsche Energie für den Hochwasserhilfeverein Marienthal e.V. entgegennahm. Mehr dazu im RegioMAGAZIN.

Weiterlesen

achtung baustelle
855

Meckenheim. In Meckenheim wird die Verkehrsführung auf der A565, zwischen den Anschlussstellen Meckenheim-Merl und Bonn-Hardtberg, im Rahmen der laufenden Fahrbahnsanierung angepasst. Ab dem heutigen Freitag, dem 16. Oktober, steht im Baustellenbereich in Fahrtrichtung Koblenz nur noch ein Fahrstreifen zur Verfügung. Diese Maßnahme wird voraussichtlich bis zum 13. November andauern.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Symbolbild.
8006

Astrologische Vorschau für die KW 44: Gesundheit, Liebe und Erfolg im Fokus bei den Sternzeichen

Sterne im Blick: Horoskop für die Woche 26. Oktober bis 1. November – Zwischen Neuanfang, Gefühlschaos und Erfolgsmomenten

Die Tage werden kürzer, die Abende gemütlicher und mit der Umstellung auf die Winterzeit am Sonntag, dem 25. Oktober, beginnt die dunklere Jahreszeit endgültig. Die zusätzliche Stunde Schlaf klingt verlockend, doch der veränderte Tagesrhythmus kann auch die Stimmung beeinflussen. In der Kalenderwoche 44 stehen die Zeichen auf Veränderung: Während in der Liebe längst überfällige Gespräche für Klarheit sorgen können, verlangen berufliche Herausforderungen nach Geduld und klugen Entscheidungen.

Weiterlesen