„Heimat?Land!“ #011: Der Schängelbrunnen in Koblenz
Mitten in der Altstadt von Koblenz, dort wo Touristen und Einheimische gerne stehen bleiben, steht er: der Schängelbrunnen. Seit 1941 plätschert er auf dem Willi-Hörter-Platz in der Altstadt vor sich hin. Oder besser gesagt: er spuckt sich tapfer durch die Jahrzehnte.
Dieser Brunnen ist aber kein stilles Wasserspiel, sondern wie ein echter Koblenzer ein wahres Original. Original: frech, unbeeindruckt und leicht verschmitzt.
Der Schängelbrunnen ist dem gewidmet, was die Koblenzer Welt im Innersten zusammenhält: dem Schängel selbst. Doch für alle, die nicht aus Kowelenz stammen und beim Wort „Schängel“ erstmal googlen müssen, kommt hier der Hintergrund des Schängels. Der Begriff geht zurück auf die französische Besatzungszeit zwischen 1794 und 1814, als Koblenz eine etwas ungeplante, aber historisch durchaus interessante Liaison mit Frankreich einging. Aus dem französischen „Jean“ wurde im lokalen Dialekt erst „Schang“ und weil die Koblenzer bekanntlich nie um eine sprachliche Weiterentwicklung verlegen sind, irgendwann liebevoll der Schängel.
Heute ist das kein Fremdwort mehr, sondern ein Ehrentitel. Wer in Koblenz geboren ist, darf sich mit einem gewissen Stolz „Schängel“ nennen. Und wenn es besonders herzlich gemeint ist, sogar „Schängelche“, was faktisch ein Verniedlichung der Verniedlichung ist, denn der Begriff Schängel allein ist schon eine Verniedlichung. Noch niedlicher wird’s also nicht mehr.
Und genau so ein kecker Junge steht da oben auf dem Brunnen: Seitenscheitel akkurat, kurze Hose ordentlich und einer Haltung, die einem Lausbub gerecht wird. Mit beachtlicher Ausdauer speit er eine Wasserfontäne aus dem Mund. Natürlich hinterlässt so viel Einsatz Spuren. Der Bereich rund um sein Mundwerk zeigt inzwischen eine gewisse Patina – man könnte auch sagen: eine Mischung aus Zeitgeschichte und Koblenzer Wasser. Ein kosmetischer Feinschliff wäre vielleicht mal wieder angebracht. Aber ehrlich: Ein Schängel ohne kleine Gebrauchsspuren wäre ungefähr so glaubwürdig wie ein Rhein ohne Schiffe. So bleibt der Schängelbrunnen, was er immer war: kein stilles Denkmal, sondern ein lebendiger Spaßmacher mit rheinischem Augenzwinkern. Und folglich ein echter Kowelenzer.
Wo gehts hin: Zum Schängelbrunnen in Koblenz
Wo muss ich hin: Von der B9 auf Wöllershof, weiter auf Pfuhlgasse, dann auf Clemenstraße und dann links auf Casinostraße abbiegen.
Was nehme ich mit: Zeit für einen Rundgang: Die komplette Koblenzer Altstadt ist sehenswert.
Über Heimat? Land!
In der Kolumne „Heimat?Land!“ schreibt Daniel Robbel, BLICK aktuell-Journalist und prämierter Reisebuchautor (111 Orte im Ahrtal die man gesehen haben muss, 111 Orte im Westerwald die man gesehen haben muss, 111 Orte an der Sieg die man gesehen haben muss) über die schönsten Ecken in der Region, inklusive Eifel, Mittelrhein, Ahrtal, Westerwald und Siegtal.
Weitere Themen
Dieser Lausbub hat nur Blödsinn im Kopf. Foto: AP