Allgemeine Berichte | 01.03.2022

„Ich gehe davon aus, dass im Ahrtal rund 4.000 der etwa 50.000 von der Flut betroffenen Menschen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden“, sagt der Diplom-Psychologe Christian Falkenstein

Psyche: Die schwerste Zeit für die Flutopfer kommt erst noch

Ahrweiler am Tag nach der Flut.  Foto: DU

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ein Hochwasser verwüstete im Juli 2021 Bad Neuenahr-Ahrweiler. Der Wiederaufbau der rheinland-pfälzischen Stadt und der ebenfalls betroffenen umliegenden Orte wird Schätzungen zufolge etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen. Doch es sind nicht nur zerstörte Gebäude und Straßen, die erneuert werden müssen. Auch der Bedarf an seelischer „Reparaturarbeit“ ist immens, schließlich haben manche Menschen in der Flut alles und sogar ihre Liebsten verloren. Der Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie vergrößern ohnehin vorhandene Ängste. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit einem Hospiz und einem Inklusionshotel vertreten, unterstützen vor Ort den Aufbau einer Trauma- und Trauerkoordination.

„Ich gehe davon aus, dass im Ahrtal rund 4.000 der etwa 50.000 von der Flut betroffenen Menschen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden“, sagt der Diplom-Psychologe und Psychologische Psychotherapeut Christian Falkenstein, der seit dem 1. Februar dem Team der neuen Trauma- und Trauerkoordination angehört. Psychotherapeutische Versorgung ist also dringend erforderlich – zumal zwei psychiatrische Fachkliniken in Bad Neuenahr-Ahrweiler vom Hochwasser zerstört wurden.

In den ersten Monaten nach der Flut waren die Betroffenen mit Aufräumarbeiten beschäftigt, danach bemühten sie sich um Heizungen und warme Kleidung. „Sie haben einfach funktioniert. Aber jetzt kommen manche der verdrängten Probleme erst so richtig hoch“, weiß Ulrike Dobrowolny. Sie ist die Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, an den das neue Trauma- und Trauer-Angebot angebunden ist. „Es ist wie beim Tod eines geliebten Menschen: Der echte Tiefpunkt kommt bei vielen etwa neun Monate nach dem Ereignis. Das heißt: Die schwerste Zeit steht uns noch bevor.“

Christian Falkenstein schult mit seiner Kollegin Christa Kosmala das Personal von Pflegeeinrichtungen für den Umgang mit Betroffenen. Sie bieten zudem Supervisionen für selbst betroffene Fachkräfte an. „Es geht darum, diesen Menschen ein Partner zu sein, der ihnen hilft, Empathie für sich selbst zu aktivieren“, verdeutlicht Christa Kosmala. „Damit sie sich wieder erlauben, erschöpft zu sein, zu weinen. Sie müssen lernen, auf sich selbst zu achten. Denn nur wer das tut, kann auch anderen helfen.“ Sich dabei auf Multiplikatoren zu beschränken sei nur realistisch, betont Christian Falkenstein: „Wir haben nicht die Kapazitäten, uns persönlich jedem Einzelnen zu widmen.“

Manche Opfer würden von ihrem Umfeld mit der unrealistischen Erwartungshaltung konfrontiert, ein halbes Jahr nach der Flut endlich zurechtkommen zu müssen, berichtet Christian Falkenstein. Die Pandemie verstärke alle ohnehin vorhandenen Schwierigkeiten. „Die Betroffenen erleben ständige Wiederbelastungen“, weiß der Psychologe. „Ihr Gefühl ist: Man steckt gerade den Kopf aus dem Schlamm, und sofort bekommt man wieder einen drauf.“

Zudem stehen viele Betroffene vor Herausforderungen wie etwa komplizierten Versicherungsanträgen. Auch hierfür bietet Bethel konkrete Hilfe an: Mitarbeitende mit Zuständigkeit für soziale Beratung und finanzielle Hilfen sind im gesamten Ahrtal unterwegs. Gerade ältere Menschen tun sich erfahrungsgemäß schwer, Formulare auszufüllen und notwendige Unterlagen zusammenzustellen. Die mobilen Helfer schauen mit den Betroffenen, welche Schäden Versicherungen und das Land übernehmen können. Pro Haushalt stehen zudem bis zu 5.000 Euro aus Spendengeldern der Diakonie zur Verfügung. „Dieses Geld aus den Haushaltsbeihilfen ist für Haushaltsgeräte und Baumaschinen vorgesehen, um den Wiederaufbau leisten zu können“, erläutert Bethel-Mitarbeiter Stephan Zöllner.

Der Schwerpunkt der neuen Trauma- und Trauerkoordination liegt auf der Hilfe für Helfende im Seniorenbereich. „Das ist schließlich das, womit wir uns im Hospiz gut auskennen“, erläutert Ulrike Dobrowolny. Zur Finanzierung tragen neben Bethel auch der Verein Apotheker Helfen, der Deutsche Hospiz-und Palliativverband und die Deutsche Hospiz- und Palliativstiftung bei.

Pressemitteilung v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Ulrike Dobrowolny (v. l.), Christian Falkenstein, Christa Kosmala und Claudia Hoffmann bilden das Team der Trauma- und Trauerkoordination in Bad Neuenahr-Ahrweiler.  Foto: Sarah Jonek

Ulrike Dobrowolny (v. l.), Christian Falkenstein, Christa Kosmala und Claudia Hoffmann bilden das Team der Trauma- und Trauerkoordination in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Foto: Sarah Jonek Foto: Sarah Jonek

Ahrweiler am Tag nach der Flut. Foto: DU

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Anne: Ein Faustschlag mitten ins Gesicht und ein Dolchstoß mitten ins Herz aller Flutopfer…nicht nur der Toten und deren Angehörigen und Freunden, sondern insbesondere der unzählig vielen traumatisierten Menschen...
  • Betroffener: Wiedermal ein Totalversagen der Justiz und es werden Täter geschützt ! Inzwischen darf man sich wirklich fragen ob diese Justiz überhaupt noch der Gerechtigkeit und dem Volk dient oder einfach nur noch die Politiker zu schützen versucht !
  • Anne: Es ist das kalte Grauen. Wahrscheinlich denkt sich der Täter in Anlehnung an den Mordprozeß im Fall Anna K. aus Gimmigen mit einem ähnlich milden Urteil davon zu kommen. In was für einer Zeit leben wir...
  • Graf: Ja, sehr GUT Ukraine, ist doch bekannt , dass koruptestes Land in Europa ist. Mit den Politiker, sind unsere bezahlt worden? Wunderbar !
Image Anzeige
vorab überwiesen am 22.05.2026
Kooperation Familienkonzert
Auftrag, Nr. AF2025.000354.0, Juni 2026
Sprudelndes Sinzig
sprudelndes Sinzig
Feuerwehrfest in Heimersheim
Sonderseite Jahn Eleven
Empfohlene Artikel
Das Schießen mit dem großen Katapult sorgte für staunende Gesichter und viel Jubel.  Foto: Astrid-Lindgren-Schule
26

Rheinbrohl. Zum krönenden Abschluss ihrer Grundschulzeit unternahmen die 4. Klassen einen ganz besonderen Ausflug zur Ehrenburg. Passend zum Unterrichtsthema „Ritter und Burgen“ tauchten die Kinder dort tief in das Leben des Mittelalters ein und erlebten einen aufregenden Tag voller Spiel, Spannung und Geschichte.

Weiterlesen

Spielerisch übten die Kinder, Straßen sicher zu überqueren. Foto: privat
22

Rheinbrohl. Wie verhalte ich mich richtig an einer Straße? Worauf muss ich beim Überqueren einer Fahrbahn achten? Und warum ist Aufmerksamkeit im Straßenverkehr so wichtig? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigten sich die Erstklässler der Astrid-Lindgren-Schule Rheinbrohl im Rahmen des ADACUS-Verkehrssicherheitsprogramms der ADAC Stiftung.

Weiterlesen

14

Die bekannte Lifestyle-Messe LebensArt kommt erneut nach Bad Neuenahr-Ahrweiler. Vom 12. bis 14. Juni verwandelt sich erstmals der Dahliengarten in eine Oase der schönen Dinge für Haus und Garten. Der Umzug in den Dahliengarten als neuer Standort der LebensArt wurde durch die bauliche Umgestaltung des Kurparks notwendig. Die beiden Projektleiterinnen Sabine Prothmann und Eva Johann vom Lübecker Veranstalter...

Weiterlesen

Weitere Artikel
Rock am Ring 2026: Riesen-Überraschung für die Fans!
1248

Mit diesem Star-Gast hätte wohl niemand gerechnet:

Rock am Ring 2026: Riesen-Überraschung für die Fans!

Nürburgring. Mit dieser Begegnung hatten wohl die wenigsten Festivalbesucher gerechnet: Mitten im Trubel von Rock am Ring 2026 tauchten plötzlich Robert Geiss und Carmen Geiss auf. Das prominente TV-Ehepaar sorgte damit für eine echte Überraschung auf dem Gelände am Nürburgring.

Weiterlesen

Rock am Ring 2026: Mehnersmoos rockt den Ring!
990

Am Ring geht es weiter im Programm:

Rock am Ring 2026: Mehnersmoos rockt den Ring!

Nürburgring. Mehnersmoos ist ein deutsches Rap-Duo aus Frankfurt am Main. Die Gruppe besteht aus den Rappern Frederik Moos und Tobias Mehner. Der Bandname setzt sich aus ihren Nachnamen „Mehner“ und „Moos“ zusammen.

Weiterlesen

Orignale Linkin Park-Klampfe - die gibt es nur in der besonderen Ausstellung! Foto: Axel Live Pictures
332

Ringrocker sollten sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen:

Rock am Ring 2026: Heißer Tipp abseits der Bühnen!

Nürburgring. Pünktlich zu Rock am Ring 2026 erwartet die Festivalbesucher eine besondere Überraschung: Die US-Rockband Linkin Park bringt eine zeitlich begrenzte Sonderausstellung exklusiv an den Nürburgring. Die Ausstellung gewährt seltene Einblicke in die Geschichte einer der erfolgreichsten Rockbands der vergangenen Jahrzehnte und präsentiert zahlreiche Originalstücke aus verschiedenen Schaffensphasen der Gruppe.

Weiterlesen

Monatliche Anzeige
Dauerauftrag 2026
Rund ums Haus
Sonderpreis Outdoor Tage wie vereinbart
Premium-Titel 2
SB Wirtschaftsförderung
Schulhausmeister/in (w
Pädagogische Fachkräfte
Kooperation
Sprudelndes Sinzig
Sprudelndes Sinzig
Wertstoffhof - Kaffee Anzeige
neue Heizung?
Servicekräfte
Titel
Sonderseite Jahn Eleven