Allgemeine Berichte | 09.08.2021

Unwetterkatastrophe im Ahrtal: Staatsanwaltschaft Koblenz leitet Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung und Körperverletzung aufgrund verspäteter Warnungen ein

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen AW-Landrat Dr. Jürgen Pföhler

Die Staatsanwaltschaft Koblenz informierte im Rahmen einer Pressekonferenz über die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen zwei Männer mit dem Anfangsverdacht der fahrlössigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen im Amt. Fotos: KH

Koblenz. Paragraph 222 des Strafgesetzbuches regelt es unmissverständlich: Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Durch die Unwetterkatastrophe fanden nach derzeitigen Stand 141 Menschen den Tod. Über 700 Menschen wurden verletzt. Es war daher damit zu rechnen, dass die Staatsanwaltschaft Koblenz überprüft, ob Verstöße gegen das Strafgesetzbuch wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung vorliegen. Hätten bei einer früheren Warnung eventuell Menschenleben gerettet werden können? Zwei Tage nach dem Besuch der Staatsanwaltschaft im Hause der Kreisverwaltung Ahrweiler äußerte sich der Leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse im Rahmen einer Pressekonferenz zur Einleitung der Ermittlungen im Polizeipräsidium Koblenz.

Oberstaatsanwalt Harald Kruse betonte gleich mehrere Male, dass derzeit lediglich ein Anfangsverdacht bestehe, der die Einleitung des Ermittlungsverfahrens begründet. Es gelte daher die Unschuldsvermutung. Bei der Staatsanwaltschaft seien gleich mehrere Anzeigen eingegangen. Diese betreffen Personen unterschiedlichster Ebenen, bis hin zur Bundeskanzlerin.

Ermittlungen gegen zwei Personen

Der Anfangsverdacht richtet sich derzeit gegen zwei Personen. Zum einen sei dies der Landrat des Kreises Ahrweiler, weil dieser nach den Regelungen des Landesbrand- und Katastrophenschutzgesetzes Rheinland-Pfalz möglicherweise die Einsatzleitung und alleinige Entscheidungsgewalt hatte. Bei den ersten Durchsuchungen am Freitag in der Kreisverwaltung habe der Landrat ein Schreiben vorgelegt. Aus diesem gehe hervor, dass er die Leitung des Krisenstabes bereits im Jahr 2016 dauerhaft delegiert habe. Die Ermittlungen richten sich daher auch gegen diese Person. Da es sich nicht um eine politisch besetzte Position handelt, wurden weder Namen noch Funktion von der Staatsanwaltschaft genannt. Landrat Jürgen Pföhler habe beim rund dreistündigen Besuch des Oberstaatsanwaltes in der Kreisverwaltung „gefasst“ auf die Einleitung der Ermittlungen reagiert, zumal die Einleitung der Ermittlungen gegen ihn keine Überraschung gewesen sei. Anders hingegen habe dies bei der zweiten Person ausgesehen: Diese sei „bestürzt“ gewesen, so der leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse.

Ermittlungen auch gegen Krisenstab oder Minister?

Da es sich beim Katastrophenschutz um eine kommunale Pflichtaufgabe handele, sieht man die Verantwortung in erster Linie bei der Kreisebene. Das Gesetz weise in einem Katastrophenfall die Aufgabe sehr eindeutig der kommunalen Seite zu. Daher bestehe kein Anfangsverdacht gegen Akteure, die im Staatsaufbau oberhalb der Kreisebene angeordnet sind.

Auf Nachfrage, ob denn auch andere Mitglieder des Krisenstabs mit einem Ermittlungsverfahren zu rechnen habe, beispielsweise die dortigen Vertreter der Polizei, führte Kruse aus, dass es sich nicht um ein demokratisches Gremium handele. Vielmehr gebe es eine hierarchische Struktur, so dass die Leitung verantwortlich entscheide. „Als Einsatzleiter hat er nach dem Gesetz die alleinige Entscheidungsgewalt, während alle anderen Mitglieder des Krisenstabs lediglich zuarbeiten“, so Oberstaatsanwalt Harald Kruse

Wo war der Landrat in der Krisen-Nacht?

Landrat Pföhler habe angegeben, am Abend „überwiegend“ nicht in der Kreisverwaltung gewesen zu sein. Er habe jedoch telefonisch in Kontakt mit dem Krisenstab gestanden. Aufgrund einer Pressemitteilung stehe fest, dass er gemeinsam mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz zumindest gegen 19 Uhr den Krisenstab besucht habe. Ob und welche weitere Kommunikation zwischen dem Landrat und dem Krisenstab erfolgte, werde noch ermittelt. Der Landrat sehe bei sich keine strafrechtliche Verantwortung für mögliche Einsatzfehler, nicht zuletzt aufgrund der vorgenannten Delegation. Befragt, ob es private Gründe für die Nicht-Anwesenheit im Kreishaus gebe, zum Beispiel eine eigene Betroffenheit, konnte und wollte Oberstaatsanwalt Harald Kruse keine Antwort geben. Dies werde im Rahmen der Ermittlungen ausgewertet, auch anhand der getätigten Telefonate.

Deutliche Warnung erst um 23.09 Uhr

Ausgewertet wurden und werden von der Staatsanwaltschaft auch die Wettermeldungen, anhand dessen man auf die Gefahren hätte schließen können. Bereits um 17 Uhr war es in der Ortsgemeinde Schuld zu Sachschäden gekommen. In Sinzig sei die Flutwelle hingegen nachts gegen 2.30 Uhr angekommen. Die deutliche Warnung an die Bevölkerung erfolgte erst um 23.09 Uhr. Und zwar nicht, wie man bislang ausgegangen sei, durch den Landrat, sondern durch die zweite Person. Es haben sich für die Staatsanwaltschaft tatsächliche Anhaltspunkte dafür ergeben, dass am 14.07.2021 spätestens ab etwa 20.30 Uhr Gefahrenwarnungen und möglicherweise auch die Evakuierung von Bewohnern des Ahrtals, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht von der Flutwelle betroffen waren, geboten gewesen wäre.

Eine Auswertung der bei der Staatsanwaltschaft geführten Todesermittlungsverfahren hat ergeben, dass sich die Todesfälle überwiegend ahrabwärts von Ahrbrück aus mit einem großen Schwerpunkt in der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ereignet haben. Eine zentrale Frage bei den weiteren Ermittlungen dürfte sein, ob der Tod von zwölf Menschen in einem Haus der Lebenshilfe in Sinzig hätte vermieden werden können.

Noch lange Ermittlungen

Der Leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse machte unmissverständlich klar, dass nicht mit schnellen Ergebnissen zu rechnen sei. Der Ablauf der Katastrophe müsse möglichst detailliert und genau nachgezeichnet werden: „Wann hat es wo, welche Flutfolgen gegeben? Wann und wie sind welche Teile der Infrastruktur ausgefallen? Das sind Fragen, die sich stellen werden“, so Oberstaatsanwalt Kruse. Ein weiterer wichtiger Teil der Ermittlungen sei auch die Frage, welche genauen Kenntnisse die im Krisenstab handelnden Personen zu welchem Zeitpunkt gehabt hätten. Und natürlich, welche Schlussfolgerungen sie daraus gezogen hätten.

Es gebe derzeit rund 60 bis 70 Hinweise aus der Bevölkerung. Außerdem müssen die Unterlagen des Krisenstabs ausgewertet werden „Es fehlen noch viele, viele Informationen“, so Oberstaatsanwalt Kruse. So haben beispielsweise Feuerwehren in manchen Orten Warnungen ausgesprochen. Es müsse noch ermittelt werden, auf wessen Veranlassung dies erfolgt ist. Zudem befinde man sich im Austausch mit anderen Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen, was überörtliche Dinge betrifft. Wer hat was zu welcher Zeit gewusst – und was ist daraus geworden?

Wichtige Fragen müssen geklärt werden

Ein mögliches Ergebnis der Ermittlungen kann sein: Mehr, als das was getan wurde, hätte man nicht tun können. Eine wichtige Frage in Richtung des Landrates dürfte aber auch sein: „Hätte man nicht, denjenigen, an den man delegiert hat, besser kontrollieren müssen?“ Ob diese Frage strafrechtlich relevant ist, wird die Staatsanwaltschaft prüfen müssen, wenn man die genauen Abläufe kennt, betonte Oberstaatsanwalt Kruse. Die polizeilichen Ermittlungen in dem Verfahren übernimmt das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz.

Auch viele Fernsehsender berichteten von der Pressekonferenz zur Einleitung von Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe im Ahrtal.

Auch viele Fernsehsender berichteten von der Pressekonferenz zur Einleitung von Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe im Ahrtal.

Harald Kruse, Leitender Oberstaatsanwalt, berichtete im Rahmen der Pressekonferenz auch über seinen dreistündigen Besuch in der Kreisverwaltung Ahrweiler.

Harald Kruse, Leitender Oberstaatsanwalt, berichtete im Rahmen der Pressekonferenz auch über seinen dreistündigen Besuch in der Kreisverwaltung Ahrweiler.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz informierte im Rahmen einer Pressekonferenz über die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen zwei Männer mit dem Anfangsverdacht der fahrlössigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen im Amt. Fotos: KH

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
11.08.202121:31 Uhr
Wolfgang Merkens

Hallo Herr Beck!
Sie sprechen mir aus der Seele!
Unglaublich

11.08.202115:04 Uhr
Reinhard Beck

Ein unglaublicher Vorgang. Mich schaudert es jetzt noch; mit welch aalglatter Kaltschnäuzigkeit Landrat Dr. Jürgen Pföhler sich diese schweren Vorwürfe aus dem Pelz bürstet.
Warum auch war er nicht zu sehen in den ersten 12 Tagen nach der Katastrophe? Es ist nicht zu fassen.

Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Tanja Busch : Ich kaufe am liebsten nachhaltig und finde es mehr als schade, dass Inpetto schließen musste. Es war immer ein Erlebnis dort einzukaufen und ich würde mir wünschen, dass sich ein neuer Platz in Bendorf anbietet für Second Hand Ware.

Illegale Müllentsorgung sorgt erneut für Ärger

  • Heuschrecke: Das ist leider nicht nur in Kesselheim es sieht leider überall an den Container so aus
  • Boomerang : Schlimme Zustände. Allerdings wird da anscheinend auch nicht oft genug geleert. Und der Wertstoffhof war zwischen den Jahren komplett zu.

Karriere - und Laufbahnberatung für Frauen

  • Boomerang : Ist schon lustig.In gut bezahlten Führungsberufen ist die Frauenquote Gaaanz wichtig und wird gefördert und gefordert.Was ist mit dieser Quote bei LKW Fahrern , Dachdeckern, Maurern usw? Es geht nicht um Gleichberechtigung es geht um Geld Neid.
Sonderseite Gesundheitsexperten Bad Neuenahr-Ahrweiler
Hausmeister, bis auf Widerruf
Vorabrechnung, Nr. AF2025.000354.0, Januar 2026
Innovatives aus der VG Weißenthurm
Unternehmen erfolgreich
Titelanzeige
Unternehmen erfolgreich regional
Schichtführer Dosenanlage
Stellenanzeige ZFA
Empfohlene Artikel

Remagen. Eine Super-Prunksitzung feierte die KG Narrenzunft Remagen um Vorsitzenden Wolfgang Reisdorff und Sitzungspräsidentin Corinna Schilling am Samstag in der ausverkauften Rheinhalle. Rund 480 bunt kostümierte Narren hatten sich die Prunksitzung zu Ehren des Remagener Prinzenpaares Daniel und Sabrina Scheil nicht entgehen lassen. Mit dabei waren auch viele aktive Narren aus den Ortsteilen sowie die Prinzenpaare und Prinzen aus Oedingen und Sinzig.

Weiterlesen

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Uferlichter und die Eisbahn im Kurpark Bad Neuenahr-Ahrweiler waren auch in diesem Winter ein voller Erfolg. Das teilten die Ahrtal Marketing GmbH (AMG) und der Uferlichter e.V. jetzt mit. An fünf Wochenenden sowie an den Tagen „zwischen den Jahren“ strömten zehntausende Besucherinnen und Besucher zu den Uferlichtern in den Kurpark, um die stimmungsvoll beleuchteten Floralelemente, die einladenden Gastronomie-Angebote und die vielfältigen Stände zu genießen.

Weiterlesen

Ahrweiler. Die Ahrweiler Karnevals-Gesellschaft (AKG) ist zuversichtlich und freut sich auf den kommenden Rosenmontag am 16.02.2026. Nach Rücksprache mit der Stadtverwaltung und auf Grundlage des närrischen Paragrafens rund um das amtierende Dreigestirn Prinz Harry I., Bauer Lutz I. und Jungfrau Coralie I., hat die Verwaltung vorerst grünes Licht gegeben, den Rosenmontagszug wieder in alter Manier über die traditionelle Route durch die Niederhutstraße zu führen.

Weiterlesen

Weitere Artikel

Viedeler Tollitäten starten in die Session

Höhenflug für Stefan I. und Nicole I

Polch/Viedel. Die Session 2026 hat für das Viedeler Regentenpaar Stefan I. und Nicole I. mit Paukenschlägen und einer ordentlichen Portion Adrenalin begonnen. Innerhalb weniger Tage absolvierten die Tollitäten ihre ersten großen Termine und bewiesen dabei nicht nur rheinischen Frohsinn, sondern auch absolute Schwindelfreiheit.

Weiterlesen

Jecken im Wiedbachtal

Zugsammeln für den Rosenmontagszug

Waldbreitbach. Am 16. Februar werden die Jecken im Wiedbachtal wieder durch Waldbreitbach ziehen. Unter dem diesjährigen Motto: Der eine bringt den Käse, die andere den Wein – so muss ein Prinzenpaar heute wohl sein, feiert die KG Brave Jonge dieses Jahr ihren Karneval unter der Regentschaft von Prinz Dodo I. und Prinzessin Anne I..

Weiterlesen

Gesundheitsexperten Bad Neuenahr-Ahrweiler
Dauerauftrag 2026
Malermeister in Rheinbach: Sauber, schnell & zuverlässig, Tapezier- und Lackierarbeiten sauber und
Stellenausschreibung "Sachbearbeiterin" - Auftraggeber Regina Elsting
Titelanzeige KW 3 Tagespflege
Wir helfen im Trauerfall
Gesundheitsexperten in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0020#
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0020#
Bürgermeisterwahl 2026
Rg.adresse:  BEST gGmbH Mainzer Str. 8 56154 Boppard