Familie Feldens übergibt Brieftasche mit Einschussloch und Tagebuch der Kriegsjahre
Zeitdokumente vom 7. März 1945 gehen ins Erpeler Ortsarchiv
Erpel. Der Ratssaal des Erpeler Rathauses ist üblicherweise Schauplatz politischer Entscheidungen. Am Montag, 2. März, wurde er zum Ort des Gedenkens. Karl Feldens übergab eine dunkelbraune Brieftasche seines Großvaters Willi Feldens mit einem deutlichen Einschussloch. Ebenfalls in das Eigentum der Ortsgemeinde gingen die darin aufbewahrten, durchschlagenen Dokumente sowie das handschriftliche Tagebuch seiner Großmutter Maria Feldens.
Anwesend waren Ortsbürgermeister Günter Hirzmann, Karl Feldens junior mit seiner Ehefrau, Edgar Neustein als Vorsitzender des Kunst- und Kulturvereins „Ad Erpelle“, Heribert Sieberz, der das ehemalige Pfarrhaus mit großem Engagement zum neuen Ortsarchiv herrichtet, Gregor Noll als Vorsitzender der Margret und Gregor Noll-Stiftung, Andreas Schwager als Vertreter des Arbeitskreises sowie die Ortsarchivarinnen Verena Geraets und Clarissa Wild.
Ortsbürgermeister Günter Hirzmann eröffnete die Zusammenkunft und begrüßte die Anwesenden namentlich. Er dankte Karl Feldens ausdrücklich für die Bereitschaft, die persönlichen Erinnerungsstücke seiner Familie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ebenso würdigte er die enge Zusammenarbeit mit dem Kunst- und Kulturkreis sowie mit der Kooperationsgemeinschaft des Ortsarchivs. Ziel sei es, die Geschichte der „Herrlichkeit Erpel“ lebendig zu halten und zugleich verantwortungsvoll zu bewahren.
Die bedeutsamen Dokumente hatten zuvor Karl Feldens senior gehört. Dieser war am 07. März 1945 als siebenjähriger Junge selbst im Tunnel gewesen und hatte die dramatischen Ereignisse miterlebt. Sein Sohn, der die Dokumente übergab, ist der Enkel des damals getöteten Wilhelm „Willi“ Feldens.
Die Ereignisse an Brücke und Tunnel
An jenem Tag erreichten amerikanische Truppen die Ludendorffbrücke, die als „Brücke von Remagen“ in die Weltgeschichte einging. Während auf der westlichen Rheinseite der überraschende Brückenschlag den Vormarsch der Alliierten beschleunigte, spielte sich auf Erpeler Seite ein dramatisches Geschehen ab.
Hinter den massiven Brückentürmen führt die Bahnstrecke durch den rund 330 Meter langen Eisenbahntunnel in der Basaltwand der Erpeler Ley. In diesem Tunnel hielten sich an jenem Nachmittag etwa 120 bis 150 Zivilisten auf – Frauen, Kinder, ältere Menschen. Als Schüsse fielen und die Lage unübersichtlich wurde, entschieden sich einige Frauen zu einem furchtlosen Schritt.
Edgar Neustein ordnete die historischen Abläufe ein und verwies auf zusammengetragene Augenzeugenberichte. Frauen liefen mit weißen Tüchern den amerikanischen Soldaten entgegen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Auch Wilhelm „Willi“ Feldens verließ den Schutz des Tunnels.
Als weiße Tücher Leben retteten
Willi Feldens war 38 Jahre alt, als er starb. Als Eisenbahner von Beruf trug er seine Dienstkleidung, eine schwarze Uniform mit goldenen Knöpfen. Als sich die Lage im Tunnel zuspitzte und amerikanische Soldaten von der Rückseite her in den Tunnel schossen, war die Situation chaotisch. In Augenzeugenberichten hieß es, dass man sich „wie in einer Mausefalle“ fühle.
Mehrere Frauen sowie Wilhelm Feldens entschieden sich, weiße Tücher zu zeigen und den amerikanischen Soldaten entgegenzulaufen, um weiteres Schießen zu verhindern. Es war ein riskanter, aber mutiger Entschluss. Denn nach damaligem Befehl stand auf das Zeigen von Kapitulationszeichen die Todesstrafe. Dennoch gingen sie, unbewaffnet und ungeschützt, nur mit dem, was sie hatten – Tücher aus Kinderwagen.
Zeitzeugenberichte legen nahe, dass Willi Feldens‘ schwarze Uniform von den amerikanischen Soldaten für eine Wehrmachtsuniform gehalten wurde. In den Tagen zuvor waren wiederholt Täuschungen vorgekommen. Vermutlich wurde er deshalb beschossen, obwohl er mit den Frauen weiße Tücher schwenkte. Die Kugel traf ihn im Brustbereich. Die dicke Brieftasche, die er bei sich trug, veränderte jedoch den Einschlagwinkel des Projektils und lenkte es nach unten ab. Dadurch erlitt er eine schwere Bauchverletzung, durch die er wenig später verstarb.
Willi Feldens und die Frauen verhinderten durch ihr tapferes Handeln ein mögliches Massaker an Unschuldigen. Hätten die Soldaten weiter blind in den Tunnel geschossen, hätte es unter den eingeschlossenen Zivilisten zahlreiche Todesopfer gegeben. Edgar Neustein hob während der Veranstaltung hervor: Nicht die Soldaten seien die Helden dieses Tages gewesen, sondern die Frauen – und mit ihnen Willi Feldens.
„Ereignisse dieser Zeit“ – ein Tagebuch aus dem Krieg
Das zweite übergebene Dokument ist das Tagebuch von Maria Feldens, geborene Heimer. Sie begann ihre Aufzeichnungen am 28. Dezember 1944 – nach einem schweren Bombenangriff, bei dem ihr Vater in Remagen ums Leben kam.
Geschrieben auf den Rückseiten eines Poesiealbums, weil Papier knapp war, hielt sie die Ereignisse fest: die Angriffe auf Brücke und Ort, die Tage im Tunnel, die verzweifelte Suche nach Hilfe für ihren schwerverletzten Mann, die schreckliche Nacht, in der sie mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegermutter bei ihm ausharrte – und schließlich die Gewissheit seines Todes.
Der Zweite Weltkrieg forderte rund 60 Millionen Menschenleben – eines davon war das von Willi Feldens. Die Geschichte von Wilhelm und Maria Feldens steht stellvertretend für viele. Und doch ist sie einzigartig. In der dunklen Brieftasche mit dem Einschussloch, im sorgfältig geführten Tagebuch und im durchschlagenen Gesellenbrief wird Weltgeschichte konkret.
Weltgeschichte in einem kleinen Ort
Im Verlauf der Veranstaltung wurde das vorbereitete Übergabeprotokoll von Karl Feldens, Günter Hirzmann und Verena Geraets unterzeichnet. Die Dokumente gehen damit in das Eigentum der Ortsgemeinde Erpel über und werden dem Ortsarchiv sowie dem Kunst- und Kulturverein „Ad Erpelle“ für Führungen und historische Einordnungen zur Verfügung gestellt. Persönliche und familiäre Inhalte bleiben vertraulich.
Ein besonderer Moment war die Eintragung in das Goldene Buch der Ortsgemeinde. Ortsbürgermeister Hirzmann hatte angeregt, diesem Ereignis eine eigene Seite zu widmen – als bewussten Beitrag zur Erpeler Ortsgeschichte. Mit ihren Unterschriften dokumentierten die Beteiligten, dass Erinnerung hier nicht dem Zufall überlassen wird.
Die Margret und Gregor Noll-Stiftung unterstützt die Archivarbeit finanziell. Heribert Sieberz arbeitet engagiert an der Herrichtung des ehemaligen Pfarrhauses zum neuen Ortsarchiv. Der Arbeitskreis Erpeler Vereine begleitet die Entwicklung. In der Herrlichkeit Erpel wird das historische Erbe verantwortungsvoll bewahrt.
Die dunkle Brieftasche mit dem Einschussloch, der durchschlagene Gesellenbrief der Handwerkskammer Koblenz und das handschriftliche Tagebuch sind keine musealen Objekte. Sie dokumentieren ein außergewöhnliches Geschehen in den letzten Kriegstagen. Sie erinnern daran, dass es manchmal nicht militärische Stärke ist, die Geschichte entscheidet – sondern der Mut von Menschen, die bereit waren, für andere aus dem Schutz des Tunnels zu treten.
