Allgemeine Berichte | 28.10.2026, 08:39 Uhr

Gedanken zur Reichsprogromnacht am 9./ 10 November 1938

Stolpersteine sind Mahnmale der Geschichte

Stolpersteine in Bad Hönningen
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Bad Hönningen. Als ich vor 41 Jahren gemeinsam mit Dr. Karl Rüssel und engagierten Mitgliedern der damaligen Friedensinitiative eine kleine „Dokumentation über den Nationalsozialismus in Bad Hönningen“ mit veröffentlichen durfte, gingen die Emotionen in unserer Stadt noch sehr hoch. Da wurde im Vorfeld bereits ordentlich Druck gemacht, die eigenen Eltern zu ihren Arbeitgebern zitiert, man wurde beim Einkaufen beschimpft „Du spinnst wohl, lass doch die Vergangenheit ruhen“, „Wehe du nennst Namen, dann verklage ich dich!“, „Du hast doch keine Ahnung, du hast doch damals noch gar nicht gelebt“… u.s.w..

Hinzu kam: Bei nahezu allen Gesprächen, die ich im Vorfeld der Veröffentlichung der damaligen Denkschrift führte, fielen wieder und wieder die Sätze „Wir haben doch von nichts gewusst. Wer konnte denn so etwas ahnen?“ Heute wissen wir: Man hätte es wissen können, denn es waren ja die eigenen Nachbarn, Bekannte und Freunde, die plötzlich nicht mehr da waren und auch nicht zurückkamen.

Verdrängung und Schweigen

Die vielen Millionen Täter- und Mitläuferfamilien in Deutschland packten ihren Anteil am „Dritten Reich“ gewissermaßen in einen Karton des Gedächtnisses, warfen die Schlüssel weg, schwiegen und nahmen das normale Leben wieder auf. Bis heute hat sich daran nicht sehr viel geändert.

Damals, als noch Viele aus der Opfer - und natürlich auch aus der Tätergeneration gelebt haben, war die Erinnerungskultur bei uns noch sehr konfliktbeladen und eine Aufarbeitung ohne Repressionen schlicht noch nicht möglich. Das galt lange Zeit auch für die Idee, auch in Bad Hönningen „Stolpersteine“ zu verlegen. Im Jahr 2020 war es nun endlich möglich, die Mehrheiten im Rat für einen einstimmigen Beschluss waren vorhanden und aus heutiger Sicht ist es wohl auch zunehmend nötig.

Die Bedeutung von Stolpersteinen

Dass im sächsischen Heidenau kürzlich mit den Stimmen von AfD und CDU sogar ein Verbot von Stolpersteinen beschlossen wurde, zeigt wie schwer wir uns damit heute wieder tun. Und genau darum ist das „Erinnern“ heute wichtiger denn je!

Bereits in seinem im Juni 1925 erschienenen Buch „Mein Kampf“ schrieb Hitler, dass ein kommender Krieg nicht die Vernichtung Deutschlands, wohl aber die Vernichtung des Judentums in Europa bedeuten würde.

Lediglich 3 Monate nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 leitete er seine ersten antijüdischen Maßnahmen ein: Ab 1. April `33 wurden im ganzen Reichsgebiet jüdische Geschäfte boykottiert. Als zweite Maßnahme traten am 15. September 1935 die antisemitischen „Nürnberger Gesetze“ in Kraft.

Eine Folge dieser Gesetze war, dass auch der damalige Hönninger Bürgermeister die „Judenfrage“ auf die Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung am 25. September setzte. Hier (der Rat bestand bereits nur aus NSDAP-Mitgliedern) wurde daher Folgendes beschlossen und protokolliert:

Die Pogromnacht in Hönningen

Am 9. November 1938 ließ die NSDAP im gesamten Deutschen Reich jüdische Geschäfte, jüdische Wohnhäuser, Schulen und Synagogen beschädigen oder in Brand stecken. In Hönningen wurden unter der Aufsicht von Amtspersonen, inklusive des damaligen Bürgermeisters Paul Penth, die Metzgerei Wolf in der Schmiedgasse, sowie die Metzgerei Levy in der Hauptstraße beschädigt. Das galt auch für das Haus der Geschwister Wolf in der Neustraße und die Metzgerei Jakobson an der Ecke Neustraße / Bischof- Stradmann Straße. Die „gelungene Judenaktion“ wurde im Anschluss daran noch ausgiebig gefeiert.

Im selben Jahr wohnten noch 18 jüdische Mitbürger in Hönningen, gute Nachbarn, Freunde oder gar Verwandte, 1941 waren es noch 13 und 1942 war Hönningen, so wie es damals auch in der Presse stolz verkündet wurde, „judenfrei“. Eine Bevölkerungsstatistik aus dem Jahre 1941 gibt Aufschluss über die Namen und Personen. Darin wurden jüdische Bürger mit den Beinamen „Israel“ oder „Sara“ gebrandmarkt.

Die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 behandelte dann die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“. Sie brachte folgendes Ergebnis: Die Juden sollen nach Geschlechtertrennung in Arbeitskolonnen eingesetzt werden, unzureichende Ernährung erhalten und zusätzlich sollen alle europäischen Juden nach Osten abtransportiert werden. Die Kriegsbeschädigten und Juden mit Kriegsauszeichnungen sollen in das Konzentrationslager Theresienstadt überführt werden. Ein Großteil der europäischen Juden soll durch Vergasung in den Vernichtungslagern umkommen, so auch die damaligen Hönninger Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens.

Verfolgung und Widerstand

Jüdisches Eigentum und Geldvermögen wurden bei uns durch Gemeinderatsbe-schlüsse, wie es damals hieß „zugunsten der Volksgemeinschaft eingezogen und verwertet“!

Zur Vollständigkeit gehört, dass mit den jüdischen Mitbürgern auch gewählte Ratsmitglieder der KPD, der SPD und Gewerkschafter entweder in Gefängnissen oder gleich in Konzentrationslagern landeten.

Mit Michael Sartor, einem gewählten KPD-Ratsmitglied, dem es durch die Erinnerung an Hunger, Zwangsarbeit, Erschießungen und Erhängen im KZ sehr schwer fiel über diese Zeit zu reden, habe ich mich damals im Seniorenheim zu mehreren intensiven Gesprächen getroffen, und man musste schon sehr abgestumpft sein, wenn man von dem geschilderten erlittenen, unendlichen Leid nicht ergriffen war.

Auch Vertreter der Kirchen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte und Andersdenkende wurden verfolgt und wurden im gesamten deutschen Reich in Gefängnisse und Konzentrationslager gesteckt und kamen darin um. Das gilt auch für Hönningen: Wenn Sozialdemokraten, Gewerkschafter, jüdische Mitbürger aus dem Gefängnis Siegburg entlassen werden sollten und der damalige Bürgermeister Penth den Beschluss verkündete „Wiederaufnahme in die Volksgemeinschaft verweigert!“, bedeutete das für die betroffenen Menschen den sicheren Tod im KZ. Betroffen waren natürlich auch ihre Familien, die Ehepartner, die Kinder oder Eltern. Von der Verfolgung der katholischen Kirchenvertreter bei uns in Hönningen zeugt die Chronik des damaligen Pfarrers Peter Helbach über jene Zeit.

Die Verantwortung der Nachgeborenen

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in seiner vielbeachteten Rede zum 8. Mai 1985 gesagt: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird!“

Das heißt: Was uns heute bleibt, ist die Erinnerung und die moralische Pflicht dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht und dass die Erinnerung an diese Zeit auch wachgehalten wird. Vor 81 Jahren endete ausgehend von Deutschland ein Krieg von nicht enden wollender Gewalt und Zerstörung. Über 60 Millionen Menschen haben ihn nicht überlebt. 60 Millionen zerstörte Lebensträume. Jeder von ihnen hätte sein Leben sinnvoller für die Gemeinschaft der Menschen einsetzen können als sinnlos im Krieg zu sterben.

Dabei sind die Verbrechen des Nationalsozialismus zutiefst miteinander verbunden. Sie haben alle dieselbe Wurzel. Sie stammen aus der Vorstellung, dass auch unter Menschen nur das Recht des Stärkeren gilt und nur der Stärkere das Recht haben soll über das Lebensrecht der anderen zu entscheiden, über Wert und Unwert ihres Lebens. Hybris, Allmachtswahn, Herrenmenschentum, Zynismus, das sind die Kennzeichen nationalsozialistischer Ideologie und ihrer verbrecherischen Praxis.

Und darum: Wenn die Erinnerung an dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu verblassen droht, dann ist es gut, wenn man ab und zu im wahrsten Sinne des Wortes darüber „stolpert“!

Darum können wir heute die seinerzeitige erneute Initiative auf die Verlegung von sogenannten „Stolpersteinen“ in unserer Stadt, ausgehend vom Heimatverein und seinem damaligen Vorsitzenden Willi Schüller, nur sehr begrüßen und wir können uns darüber freuen, mit welch großer Einmütigkeit sich der Rat im Mai 2020 nach einem Antrag der CDU-Fraktion für die Verlegung der Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig entschieden hat.

Unsere Geschichte ist ein gewaltiges Frühwarnsystem. Nutzen wir es gut für ein friedliches, respektvolles und solidarisches Zusammenleben in unseren Städten und Gemeinden. Und zeigen wir Haltung, auch beim „Stolpern“!

Stolpersteine in Bad Hönningen

Stolpersteine in Bad Hönningen Foto: Guido Job

Stolpersteine in Bad Hönningen Foto: Guido Job

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