Politik | 19.05.2026

Ausbau der B266: Wie viel Raum braucht die Ahr?

Andrea Stenz, Alfred Bach, Robert Füllmann und Stefan Schmitt zu Gast bei Susanne Tack (v.l.). Foto: WPA

Sinzig. Vier Spuren? Drei? Wie viel Raum braucht die Ahr? Beim Wiederaufbau der Bundesstraße B266 bei Heimersheim stehen sich örtliche Vertreter und der Landesbetrieb Mobilität (LBM) mit konträren Standpunkten gegenüber. Fest steht bislang nur, dass die derzeitige Variante eine Zwischenlösung ist. Susanne Tack, Geschäftsführerin und Chefredakteurin des Krupp-Verlags, lud Vertreter beider Seiten zum Redaktionsgespräch, um sie zu Wort kommen zu lassen. Zu Gast waren Stefan Schmitt (Leiter Projektbüro Wiederaufbau Ahrtal, LBM), Alfred Bach (Leiter Planungsstab Aufbau), Robert Füllmann (Arbeitskreis Fluthilfe), Andrea Stenz (IHK Regionalgeschäftsführerin Bad Neuenahr-Ahrweiler).

Nach der erheblichen Zerstörung der Bundesstraße durch die Flut wäre ein 1-zu-1-Aufbau nach dem Wiederaufbaugesetz durchaus machbar gewesen, sagt Stefan Schmitt - der LBM ist an der Bundesstraße im Auftrag für den Bund am Werk. Es wurde jedoch die Besonderheit an dieser Engstelle erkannt. Daher setzte der LBM zunächst die Zwischenlösung um, die man heute vorfindet. Der Status Quo nach der Flut wurde festgehalten und die Straße mit einer Böschungssicherung stabilisiert. Durch diese Maßnahmen könne, so Schmitt, bereits 15 Prozent mehr Wasser durch die Ahr fließen als zuvor. Die umgesetzte Maßnahme funktioniert, „ich denke, dass sie durchaus Akzeptanz gefunden hat“. Soweit also die Zwischenlösung.

Hydraulische Untersuchung von vier Ausbauvarianten bis Sommer

Seitens der Landesregierung gab es einen Auftrag zum Aufbau der Straße. Das bedeutet, ein ergebnisoffenes Verfahren wurde gestartet: Zunächst wurden die verkehrlichen Belange geprüft, dann die technische Machbarkeit im Rahmen einer Studie untersucht, die 14 Varianten prüfte - darunter eine Vierstreifigkeit, eine Dreistreifigkeit mit Wechselverkehrsstreifen und eine Zweistreifigkeit. Ein Kreisverkehr im Bereich der Anschlussstelle (nicht in allen Varianten machbar) wurde ebenfalls beleuchtet.

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie wurden anschließend an einem Runden Tisch, der zum Auftrag des Ministeriums gehört, vorgestellt. Bis zum Sommer werden die bevorzugten vier Varianten noch hydraulisch geprüft - dabei wird untersucht, wie viel Wasser ungehindert durch das Flussbett fließen kann. Im Anschluss daran wird erst das Gesamtergebnis vorgestellt. Dabei soll die Leistungsfähigkeit des Verkehrs und der bestmögliche Abfluss der Ahr gewährleistet werden.

LBM hat „Vorzugsvariante“

Nach den ersten Ergebnissen der Machbarkeitsstudie hat sich der LBM hinsichtlich der Vierspurigkeit mit abgesenkter Fahrbahn als bevorzugte Lösung ausgesprochen. hakt Susanne Tack nach: „Wie kommt es zu dieser Aussage, wenn das finale Ergebnis noch gar nicht feststeht?“ Der LBM hat sich „noch nicht abschließend für eine Variante entschieden“, antwortet Stefan Schmitt. Es handele sich um die „Vorzugsvariante“ aus den Ergebnissen der technischen Machbarkeit heraus. „Aus unserer Sicht ist das ein gutes Ergebnis.“

Das mit dem guten Ergebnis sehen nicht alle so. Robert Füllmann will entgegen einiger Medienberichte keine „erhitzte Debatte“ erlebt haben. Der „Hauptkritikpunkt geht von der gestiegenen Wahrscheinlichkeit eines vergleichbaren Hochwassers aus. Es sei „wahrscheinlich, dass wir das in unserer Generation nochmal erleben werden“. Vor diesem Hintergrund „kritisieren wir, dass bei der ersten Vorzugsvariante verkehrliche Belange die Hauptrolle spielen“. Der Hochwasserschutz sei da nur „eine Begleiterscheinung“. Auch mit der hydraulischen Untersuchung der vier Vorzugsvarianten werde der Klimawandel ignoriert und die Situation im Ahrtal an der Engstelle.

Schmalere Straße, mehr Raum für die Ahr

Es sei ein „sehr umstrittenes Thema“, wenn ein hundertjähriges Hochwasser einbezogen werde - die Ahrflut habe dies „bei weitem“ übertroffen. Darum: „Wir müssen aus einem großen Hochwasser wieder ein mittleres machen, weil wir nur das beherrschen können.“ Mit ein bisschen gutem Willen ließe sich eine schmalere Straße umsetzen, so Füllmann. „Und das fordern wir auch.“

Susanne Tack: „Deshalb sprechen Sie sich für die Dreispurigkeit aus?“ Es habe sich herausgestellt, dass das Verkehrsaufkommen auch bei der aktuellen Zwischenlösung gut fließt. Bevorzugt würde eine Zweispurigkeit in die Fahrtrichtung Bad Neuenahr-Ahrweiler und eine Einspurigkeit in die andere Richtung. Diese dreistreifige Lösung wurde dem Stadtrat vorgestellt und dort einstimmig beschlossen. Bei geringerem Tempo könnten die Fahrstreifen sogar schmaler gehalten werden. So wäre der angestrebte 50-prozentige Rückbau „annähernd erreicht“. Bei einer Vierstreifigkeit und einer Mittelstreifentrennung wäre dies nicht machbar.

Kreisel mit „Bypass“ für dreistreifige Lösung

Susanne Tack fragt nach: „Wann wäre eine Kreisellösung möglich?“ Die sei immer möglich, bei vier Spuren an den Knoten aber schwieriger. Stefan Schmitt widerspricht: Ein Kreisverkehr gehe nur bei einer Zweistreifigkeit. „Was Sie als Dreistreifigkeit bezeichnen, ist ein Bybass.“ Das ist eine am Kreisverkehr vorbeiführende Spur.

Es wird noch komplizierter: Eine Dreistreifigkeit funktioniere nur mit einem „Wechselverkehrsstreifen“. Das bedeutet, die äußeren Fahrstreifen sind für jeweils eine Fahrtrichtung freigegeben. Der mittlere Fahrstreifen wird je nach Verkehrsaufkommen für eine Fahrtrichtung freigegeben - das braucht zusätzliche telematische Einrichtungen. Aber auch da funktioniert laut Schmitt ein Kreisverkehr nicht.

Ein wenig erhitzt scheint es dann doch: Robert Füllmann sieht die Erläuterungen von LBM-Mann Stefan Schmitt als „Wortklauberei“. Bislang habe es eine Abbiegespur gegeben an der Ampel und eine weiterlaufende Fahrspur. „Das wollen wir beibehalten.“

Verkehrszählung begründet keine bevorzugte Fahrtrichtung

Nach einer Verkehrszählung gab es an der besagten Stelle in Fahrtrichtung Bad Neuenahr 11.044 Fahrzeuge, in die andere Richtung 10.224, so Schmitt. Warum sollte man dann eine Fahrtrichtung mit zwei Spuren bevorzugen?

Im Moment sei die Straße in den allermeisten Fällen „nicht annähernd überlastet“, sagt Robert Füllmann. Die Zahlen aus der Machbarkeitsstudie seien erheblich höher. Aus seiner Sicht gibt es „keine Notwendigkeit, diese Annahme zu treffen“. Damit werde der Schwerpunkt falsch gesetzt, da die hochwassergünstigen Lösungen ausgeschlossen würden.

Was das Hochwasser betrifft, wirft Stefan Schmitt ein, müsste eigentlich noch jemand anderes am Runden Tisch sitzen, denn der „Hochwasserschutz ist Aufgabe des Landes“. Zur Erinnerung: Der LBM plant hier im Auftrag des Bundes. „Der Straßenbaulastträger kann nicht für alles sprechen.“

„Alles tun, um das Wasser durchzuleiten“

„Wir wollen eine konsensuale Lösung finden mit dem Landesbetrieb“, wirft Alfred Bach ein. Den Baukörper habe der Bund (in den 1970er Jahren) errichtet. Seitdem habe man dieses Problem. Man wisse nicht, wann das nächste Hochwasser anstehe und wie stark es werde. Aber man müsse alles tun, um das Wasser durchzuleiten. Er plädiert für eine Betrachtung der Durchfahrt mit Tempo 70, denn auch mit geringerer Geschwindigkeit sei ein flüssiger Verkehr möglich. Die Ampel solle weg, der Kreisverkehr hin und ein Bypass könne den Verkehr schnell abfließen lassen. Wenn bei der vierspurigen Lösung zwei Streifen tiefergelegt würden, müsse auch die Rampe länger werden. Das führe zu weiteren Problemen und weniger Platz für die Ahr.

Es geht in der Diskussion hin und her. Dreispurig, zweispurig mit Kreisverkehr, Ahrquerung laut Fernstraßenausbaugesetz. Daher wurde der Petitionsausschuss angerufen, erklärt Robert Füllmann. „In diesem Dilemma stecken wir alle.“ Das Land führt durch, aber der Bund entscheidet. Man stehe in Kontakt mit dem Bund, sagt Alfred Bach. Das funktioniere auch. Stefan Schmitt erläutert, der LBM plane nach dem Regelwerk des Bundes. Er spricht von „Auftragsverwaltung“, von Planungsstufen, von einem „Gesehen-Vermerk“, von haushaltsrechtlichen Gegebenheiten. Einfacher wird es nicht.

Robert Füllmann betont nochmal, dass Arbeitskreis Fluthilfe sich als konstruktiver Impulsgeber versteht, nicht als die „Dagegen-Leute“. Stefan Schmitt sagt, man lehne sich schon sehr weit aus dem Fenster und berücksichtige den Hochwasserschutz hier mit doppelter Gewichtung wie es sonst üblich ist in solchen technischen Machbarkeitsstudien. Und: „Wir wissen doch alle gar nicht, was denn die beste Lösung ist.“ Alfred Bach erklärt, man werde keine Variante wollen, die ein Verkehrsproblem darstelle. Also werde man diskutieren müssen. Stefan Schmitt kann dies allerdings nicht in seiner Planung berücksichtigen, da Geschwindigkeitsbeschränkungen Angelegenheit der Verkehrsbehörde sind und nicht des LBM, unterstreicht er.

Lösung soll sicher und zukunftsfähig sein

IHK Regionalgeschäftsführerin Andrea Stenz hat die Aufgabe, die Sicht der regionalen Wirtschaft einfließen zu lassen. Hochwasserschutz und Sicherheit haben „höchste Priorität“, sagt sie. Aber der Verkehr muss optimal funktionieren. Die IHK sei „froh über die Studie“, denn man wolle sich auf Zahlen und Fakten stützen. Das sei eine Sichtweise von vielen. Eine endgültige Lösung müsse nicht nur sicher, sondern auch zukunftsfähig sein.

Wie lange bis zur finalen Bauphase?

Auch wenn Robert Füllmann zwischendurch sagt, man sei ja „kompromissbereit“, ist eine Lösung bei diesem Termin nicht in Sicht. Daher fragt Susanne Tack sicherheitshalber mal, wie lange denn die Zwischenlösung halten müsse? Wie lange dauert es, bis die endgültige Lösung steht? „Wir reden über Jahre“, weiß der Leiter des Projektbüros Wiederaufbau Ahrtal. Nach der Planung folgt das Baurechtsverfahren und Träger aller anderen Belange, z.B. Naturschutz, werden gehört. „Seriös ist keine Antwort möglich.“ Unter optimalen Bedingungen nennt er nach Drängen der Chefredakteurin vier bis zehn Jahre bis eine Entscheidung gefallen sei. Der Bau würde anschließend nochmal ca. 1,5 – 2 Jahre dauern. Es könne aber auch sein, dass er das bis zur Rente nicht mehr erlebe.

Alfred Bach zeigt abschließend Qualitäten als Mediator: Man werde einen Kompromiss finden, sagt er zuversichtlich. Man müsse sich aufeinander zu bewegen und einen Kosens schaffen.

Für den Sommer werden die Ergebnisse der hydraulischen Gutachten erwartet. Dann wird weiterdiskutiert. Vielleicht kommt man dann einer Lösung ein Stück näher.

WPA

Skizze einer dreispurigen Lösung mit Kreisverkehr. Quelle: Arbeitskreis Fluthilfe Heimersheim

Skizze einer dreispurigen Lösung mit Kreisverkehr. Quelle: Arbeitskreis Fluthilfe Heimersheim

Skizze einer vierspurigen Lösung mit zwei abgesenkten Spuren. Quelle: LBM

Skizze einer vierspurigen Lösung mit zwei abgesenkten Spuren. Quelle: LBM

Andrea Stenz, Alfred Bach, Robert Füllmann und Stefan Schmitt zu Gast bei Susanne Tack (v.l.). Foto: WPA

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