Allgemeine Berichte | 28.08.2023

Ein spannender Blick in die Historie des Winzerfestes

Der Titel Burgundia hat seinen Ursprung im Karneval

Eine alte Aufnahme der Burgundia aus dem Jahr 1936.  Foto: privat

Ahrweiler. Am Freitag fällt mit der Proklamation der neuen Burgundia der Startschuss für das Ahrweiler Winzerfest. Burgundia - ein Synonym für Lebensfreude. Sinnbild für etwas, hinter dem sich mehr verbirgt als Wein, Weib und Gesang. Burgundia das ist „die“ Repräsentantin des Ahrweiler Winzerstandes, und das seit genau 87 Jahren. Burgundia ist gleich Weinkönigin. Treffend gewählt zum Hauptwein der Ahr, dem Spätburgunder.

Geschichte in der Geschichte

Wer aber meint, da sei bei Werbestrategen in nicht enden wollenden Konferenzen hektoliterweise Kaffee geflossen, um dieses Markenzeichen zu prägen, der irrt. Irren wird auch der, der Burgundia von vorne herein mit Wein- oder Winzerfest verbindet. Denn am Anfang war nicht der Wein, und das ist eine kleine Geschichte in der Geschichte wert:

Es begab sich in einer kalten Frühjahrsnacht 1936. Oswald Both, der von der damaligen Ahrweiler Schnapsbrennerei, war frischproklamierter Prinz der Ahrweiler Karnevalsgesellschaft und auf der Suche nach einer Prinzessin. Sein prinzliches Auge fiel dabei auf eine junge, attraktive Karnevalistin. Auf Käthe Blameuser, die bei der Prunksitzung der AKG als Büttenass mit einer „Fahrt ins Blaue“ geglänzt hatte. Die junge Dame verspürte jedoch nicht die geringste Lust, unter ihrem richtigen Namen an der Seite des Prinzen zu regieren. Ein Begriff wurde geboren, der heute für Ahrweiler steht wie seine Mauern und Türme: „Ich nenn‘ mich doch nit Prinzessin Blameusers Kätt, nee, ich sinn die Prinzessin Burgundia.“

Monate später, es ist Samstag, 5. September 1936: Drei Böllerschüsse hallen durch das Ahrtal. Auf dem Hindenburgplatz, so hieß der Ahrweiler Marktplatz während der NS-Zeit, spielten SA-Kapelle und Spielmannszug den Großen Zapfenstreich. Martialisches Brimborium einer Zeit, in der sich im „katholischen Rheinland“ Lokaljournalisten lieber seitenlang über das Wetter und die alten Traditionen ausließen, als die Rede eines „Goldfasans“, sprich Parteibonzen, zu zitieren. Da konnte man nichts falsch machen.

An den Stadttoren zogen die Wachen der Schützen auf, am Weinbrunnen auf dem Markt der Kreis- und Weinstadt, so hieß es damals offiziell, wurde das Siegel gelöst und erstmals eine Weinmajestät proklamiert. Und als ob die Verantwortlichen in Ahrweiler dem von Berlin angeordneten „Fest des Deutschen Weines“ auf rheinische Art ihren eigenen Touch geben wollten, passte der Nachname der ersten Burgundia zum Ahrwein, wie die Hakenkreuzfahnen zum Symbol des tiefen christlichen Glaubens der Ahrweiler Bevölkerung, der Muttergottes im Ahrtor, nämlich gar nicht: Die Königin des Weines hieß Bier. „Der Name war den Verantwortlichen egal“, sagte Marga Grahms einmal im Gespräch mit dem Autor. „Ich war eben das, was die wollten, blond und blauäugig. Von Politik hatte ich damals noch keine Ahnung, aber ich glaube, da war ich wie viele andere auch blauäugig.“

Nun, Bier hieß die damals 20-jährige Repräsentantin des Ahrweiler Winzerstandes später nicht mehr. Als Marga Grahms wurde sie bei ihrem Diamantjubiläum als Burgundia 1996 gefeiert. Damals war sie bereits 80 Jahre alt, doch dank oder trotz Rotweins noch fit wie ein Turnschuh.

Eintrag im Buch der Rekorde

Und kam prompt ins Guinness-Buch der Rekorde. Allerdings nicht als erste Burgundia von Ahrweiler, sondern mit dem damaligen rheinland-pfälzischen Wirtschafts- und Weinbauminister Rainer Brüderle. Auf seine Initiative hin gaben sich 1996 in der Mainzer Rheingoldhalle 1368 amtierende und ehemalige Weinköniginnen aus Rheinland-Pfalz ein Stelldichein mit Brüderle: Weltrekord.

Noch bei etlichen Winzerfesten in der Rotweinmetropole war die „Grande Dame“ des Ahrweins Ehrengast. Ahrweilers erste Burgundia starb 2009 im Alter von 93 Jahren. Doch durch den Titel, der am Freitagabend einer noch nicht bekannten jungen Dame verliehen wird, lebt sie weiter. Auch in den Herzen der Weinfreunde und der Altstadt.

Übrigens: Weil sich die Ahrweiler in ihrem Gottvertrauen den Titel Burgundia nie haben schützen lassen, gibt es in der Region noch eine weitere. Denn die Weinkönigin von Unkel heißt auch Burgundia. GS

Eine alte Aufnahme der Burgundia aus dem Jahr 1936. Foto: privat

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