Die Geschichte der Juden in Koblenz komplett erschienen
Koblenz. Jetzt ist auch der 5. und letzte Teil der Geschichte der Juden in Koblenz erschienen.
Damit ist die 900-jährige Geschichte der Juden in Koblenz „Von der ‚Universitas Iudeorum in Confluencia‘ zu Körperschaften des öffentlichen Rechts“ komplett veröffentlicht.
Im letzten Teil schildert Joachim Hennig auf mehr als 200 Seiten die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach dem Holocaust und Krieg bis zur Gegenwart.
Im Mittelpunkt der frühen Nachkriegszeit steht der 24-jährige Addi Bernd, der als einziger Koblenzer Jude den Holocaust überlebt hatte und in seine Heimatstadt zurückgekehrt war.
Den Wieder- bzw. Neuaufbau der Gemeinde organisierte er mit wenigen Juden, die in „Mischehe“ mit „Ariern“ verheiratet, zunächst verschont geblieben waren, dann aber vor der drohenden Deportation doch noch untertauchen mussten. Nach dem gelungenen Aufbau verließ Addi Bernd Koblenz und Deutschland - enttäuscht über die misslungene Entnazifizierung und um als junger Mann sein Glück in den USA zu suchen und zu finden.
Es folgt die Darstellung der schwierigen und langwierigen Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts und die Konsolidierung der kleinen Gemeinde. Diese war vor allem dem Engagement zurückkehrender Juden geschuldet, wie den weiteren Vorsitzenden Leonhard Baer und Julius Günther mit ihren Familien.
Einen großen Raum nehmen die ab 1985 stattgefundenen Heimatbesuche ehemaliger jüdischer Koblenzer ein. Diese früheren Nachbarn hatten vor den Holocaust noch fliehen können und zumeist in Israel und Übersee eine neue Existenz aufbauen und zum Teil Karriere machen können. Jetzt, im Alter, kehrten sie auf Zeit zurück, fanden alte Freunde und knüpften neue Freundschaften, dabei erinnerten sich an ihre Kindheit und Jugendzeit. Ihre Berichte über die schönen und die schlimmen Jahre, die Hennig ausführlich wiedergibt und kommentiert, sind nicht nur ein Stück Familiengeschichte, sondern auch ein Teil Stadtgeschichte – Stadtgeschichte, die nur noch in der Erinnerung weiterlebt. Geprägt wurden diese Jahre um die Jahrhundertwende von dem langjährigen Vorsitzenden Dr. Heinz Kahn, der als Auschwitz- und Buchenwald-Überlebender immer wieder in Schulen über sein Leben und Überleben berichtete.
Zum Abschluss der 900-jährigen Geschichte der Juden in Koblenz erzählt Hennig von den jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit dem gegenwärtigen Vorsitzenden Avadislav Avadiev an der Spitze haben sie inzwischen in Koblenz Fuß gefasst, die Gemeinde mit anderen Akzenten neu belebt und ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Juden in Koblenz aufgeschlagen.
Ihren Anfang hatte die Geschichte der Juden in Koblenz in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts genommen. Seit dem Hochmittelalter sind Juden hier nachweisbar. Ihre Geschichte und die ihrer Gemeinde verliefen seitdem sehr wechselvoll: Auf eine erste ruhige Phase folgte der Pestpogrom (1349), dann die Rückkehr und die erneute Vertreibung, die Wiederansiedlung und nach dem Ende der kurfürstlichen Herrschaft die teilweise liberalere Zeit der Franzosenherrschaft (1794/98 bis 1815).
Die letzten 200 Jahre dieser Geschichte begannen mit den Preußen am Rhein und der langsamen und späteren Emanzipation der Juden. Dies war, wie Hennig anhand Koblenzer Familiengeschichten darstellt, für viele ein „goldenes“ Zeitalter, auf kulturellem, gesellschaftlichem und vor allem wirtschaftlichem Gebiet. Einher ging dieser Aufstieg mit einem Patriotismus, der sich auch bei dem Engagement im Ersten Weltkrieg für das Vaterland und danach für die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, zeigte.
Einen sehr breiten Raum nimmt mit mehr als 300 Seiten die Darstellung der Koblenzer Juden in der NS-Zeit ein. Anhand vieler Lebensschicksale schildert Hennig diese Zeit aus der Sicht der Opfer: den „Judenboykott“, die Diskriminierung, Ausgrenzung und Verdrängung der Juden aus Gesellschaft und Wirtschaft, ihre strafrechtliche Verfolgung mit Rasseschandeverfahren u.a. Sehr ausführlich wird der Novemberpogrom 1938 („Reichspogromnacht“) und seine sehr weitreichenden Folgen geschildert sowie die anschließende Massenflucht und Isolierung der verbliebenen Juden („Judenhäuser“).
Beginnend mit der Entscheidung zum Holocaust sowie der Wannseekonferenz (20. Januar 1942) folgt dann die Darstellung der sieben Deportationen von Koblenz aus und auch die Verschleppung der in andere Teile des Deutschen Reiches und nach Westeuropa geflüchteten Koblenzer Juden in den Holocaust. All dies geschieht anhand vieler Schicksale und ist neu und grundlegend.
Den Abschluss bildet dann die Nachkriegsgeschichte der Juden und der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz bis in die Gegenwart.
Die Veröffentlichung, die durch die Leitstelle Kriminalprävention beim Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz und „Demokratie leben! – Partnerschaft für Demokratie Koblenz“ finanziell ermöglicht wurde, geschieht auf der Homepage des Fördervereins Mahnmal Koblenz und dort unter dieser Ankündigung: Mahnmal Koblenz – Es ist geschafft!.
Ein komplettes Inhaltsverzeichnis aller einzelnen Teile der 940-seitigen Geschichte kann hier bequem eingesehen werden. Ein Downloadlink ist pro Folge ebenfalls beigefügt, es empfiehlt sich aber aufgrund der Dateigrößen die direkt von der Homepage mit dem Link Mahnmal Koblenz – 002. Veröffentlichungen von Joachim Hennig: Aufsätze u.a. herunterzuladen, um längere Wartezeiten zu vermeiden.
Pressemitteilung Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.
