Allgemeine Berichte | 16.12.2019

Bunter Kreis Rheinland e.V.

„Ich nehme die Ängste der Eltern ernst“

Tai Jörmann arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Uniklinik Bonn

Kinder die zu früh auf die Welt kommen, benötigen intensive Pflege. Foto:Bunter Kreis

Region. Tai Jörmann ist 45 Jahre alt und arbeitet als Kinderkrankenschwester in der Uniklinik Bonn. Den Verein: „Bunter Kreis Rheinland“ unterstützt sie seit 2016. Als eine von 40 Nachsorgeschwestern begleitet sie Familien mit viel zu früh geborenen Kindern beim Übergang vom Krankenzimmer ins Kinderzimmer zuhause.

Bunter Kreis: Frau Jörmann, erzählen Sie uns, was es für die Familien bedeutet, wenn sie ihr Kind endlich mit nach Hause nehmen dürfen?

Jörmann: Wenn Kinder in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, kann es sein, dass sie nicht mehr als 350 Gramm wiegen. Die Überlebens-Chancen sind oft alles andere als optimal. Das bedeutet eine lange Zeit auf der Intensivstation und ein ständiges Bangen und Hoffen für die Eltern. Meine Arbeit beginnt, wenn Familien die Klinik wieder verlassen. Nach einer 24-Stunden High-Tech-Versorgung sind viele damit überfordert, plötzlich ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Ich begleite die Familien durch diese schwere Zeit, die ja nicht plötzlich wieder gut ist, nur weil sie das Krankenhaus verlassen haben. Diese Eltern haben eine Achterbahnfahrt der Gefühle hinter sich oder befinden sich noch mittendrin. Ich habe beispielsweise eine Frau betreut, die in der 23. Schwangerschaftswoche Zwillinge geboren hat. Eines der Kinder ist nach fünf Tagen gestorben, das andere schwebte lange in Lebensgefahr. Da ist bei all der Sorge um das kranke Kind gar kein Platz für die Trauer. Die bricht dann oft erst zu Hause heraus.

Bunter Kreis: Wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?

Jörmann: Meine wesentliche Aufgabe besteht darin, die Ängste der Eltern ernst zu nehmen. Ich helfe ihnen, medizinische Dinge zu verstehen, indem wir beispielsweise eine ärztliche Diagnose noch einmal zusammen durchgehen. Ich begleite Familien zu Ärzten, wenn es Kommunikationsprobleme gibt. Ich helfe ihnen bei Fragen zur Entwicklung des Kindes oder zu Therapiemöglichkeiten.

In einem aktuellen Fall ging es darum, ob die Familie eine Pflegestufe für ihren Sohn bewilligt bekommt. Allein die Antragsstellung überfordert viele. Wir haben gemeinsam einen Antrag bei der Krankenkasse gestellt und ich war darüber hinaus beim Gespräch mit der Gutachterin der Krankenkasse dabei.

Letztendlich hat die Kasse dem Kind alle von uns geforderten Leistungen bewilligt und die Eltern waren überglücklich. Natürlich komme ich manchmal auch zum Wiegen, berate bei Stillproblemen oder gebe Tipps zum Füttern. Ganz ähnlich wie eine Hebamme. Was man sich allerdings verdeutlichen muss: Wir sprechen hier von Kindern, die bei ihrer Geburt oft nicht mehr als ein Stück Butter gewogen haben. Die werden zwar irgendwann, nach vielen Monaten, aus der Klinik entlassen, aber es bleiben eben viel zu früh geborene Kinder. Teilweise haben sie nach wie vor Atemprobleme und benötigen einen Monitor, der den Sauerstoffgehalt und die Herzfrequenz überwacht. Solche Maschinen verursachen natürlich erst einmal Angst. Durch unsere regelmäßigen Besuche stärken wir die Eltern in ihren Kompetenzen. Wir verstehen uns als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Unser Ziel ist es, die Familien zu ermutigen und zu stärken.

Bunter Kreis: Welche Hilfe bekommen die Eltern sonst noch?

Jörmann: Zusätzlich zu unserer „normalen“ Nachsorge gibt es Sozialpädagoginnen, die den Familien z.B. beim Kindergeldantrag, beim Erziehungsgeld oder bei der Bestimmung des Pflegegrades zur Seite stehen. Darüber hinaus haben wir eine Psychologin, die mit den Eltern die Krankenhausaufenthalte aufarbeitet. Wir versuchen immer als Team zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu informieren – das ist sehr wichtig. Generell liebe ich Netzwerken. Ich finde es schön, Familien zusammenzubringen. Ich habe zwei Familien vernetzt, deren Kinder zufällig am selben Tag in der gleichen Schwangerschaftswoche viel zu früh geboren wurden. Oder ich vermittle Frühchen-Krabbelgruppen, denn meist fühlen sich Eltern mit Frühchen in „normalen“ Krabbelgruppen nicht wohl.

Bunter Kreis: Belasten Sie die Erlebnisse in den Familien manchmal auch?

Jörmann: Da ich selbst Mutter von drei Kindern bin, nehme ich natürlich auch einige Dinge mit nach Hause. Nach wie vor lerne ich, mich besser abzugrenzen. Auch wenn ich bei den Familien meist allein bin, habe ich doch ein Team, das hinter mir steht. Zusammen mit einer Sozialarbeiterin, einer Psychologin und der Teamleitung besprechen wir in unseren Sitzungen gemeinsam, wie wir bei bestimmten Fällen weiter vorgehen. Zusätzlich wird uns neben Fortbildungen auch zwei bis dreimal im Jahr eine Supervision angeboten. Dort findet immer ein netter und wichtiger Austausch statt.

Bunter Kreis: Was erfüllt Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Jörmann: Man bekommt unfassbar viel zurück von den Familien. Ich mag meine selbstständige Arbeit, die ein guter Ausgleich zu der doch etwas anderen Arbeitsweise in der Klinik ist. Was ich auch besonders schön finde, sind die vielen Programme, die der Bunte Kreis zusätzlich für die Familien anbietet. Zum Beispiel das Geschwisterkinder-Projekt, wo Ferienfreizeiten oder andere tolle Aktionen für die Geschwister von kranken oder beeinträchtigten Kinder angeboten werden. Die kommen nämlich im Familienalltag oft zu kurz. An Weihnachten gibt es immer ein großes Treffen mit allen Familien und Kindern, die vom Bunten Kreis betreut werden. Im letzten Jahr traf ich dort eine Familie, deren Kind bei der Geburt knapp 350 Gramm gewogen hatte. Mittlerweile hatte es sich zu einem gesunden Wonneproppen von fünf Kilo. Das ist einfach schön zu sehen.

Pressemitteilung des

Bunten Kreis Rheinland

Kinder die zu früh auf die Welt kommen, benötigen intensive Pflege. Foto:Bunter Kreis

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