Politik | 03.05.2022, 10:16 Uhr

Informationsveranstaltung zu Windkraftprojekt im Harterscheid

Experten uneins über Sinnhaftigkeit der Sinziger Windenergiepläne

Rund 50 Interessierte lauschten den Ausführungen der beiden Windenergie-Experten Dipl.-Biol. Robert Müller (r.) und Dr. Matthias Schreiber.  Foto: SN
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Sinzig. Bevor der Stadtrat darüber entscheidet, ob das Genehmigungsverfahren für den Bau von Windkraftanlagen im Harterscheid eingeleitet wird, hatte der CDU-Stadtverband Sinzig am vergangenen Montag zu einer Informationsveranstaltung zu ebendiesem Thema ins Pfarrhaus St. Peter eingeladen. Vor rund 50 Interessierten referierten der Diplom-Biologe Robert Müller sowie der Umweltgutachter Dr. Matthias Schreiber über das Für und Wider der Windenergie.

Den Anfang machte Robert Müller, der als Leiter für Geodatenbeschaffung für die Firma CISS TDI tätig ist. Das in Sinzig ansässige Geoinformationsunternehmen hat im Auftrag des Kreises eine Potentialflächenanalyse hinsichtlich der Windkraft vorgenommen. Dabei, so erklärte Müller, sind aufgrund geltender Abstandsregelungen zunächst einmal alle Flächen im Radius von 900 Metern um Siedlungsgebiete ausgeschieden. Das, was nach dem Ausschluss weiterer Flächen wie Vogel-, Natur- und Wasserschutzgebiete übriggeblieben ist, bezeichnete Müller als „wahrlich nicht viel“. Im konkreten Fall des Harterscheids kommt noch hinzu, dass dort auch 120 Jahre alte Laubbestände ausgenommen werden mussten. Da aber nicht der gesamte Waldbestand im Harterscheid in diese Kategorie fällt, sei Windkraft dort „prinzipiell möglich“, ordnete Robert Müller ein.

Alternativen zu diesem Standort sah Müller nicht: Es gebe keine weiteren Flächen in Sinzig, die man heranziehen könne. Die Bedingungen im Harterscheid mit Windgeschwindigkeiten von 5 bis 7 m/s in 160 Metern Höhe schätzte er als gut ein. „Das sind Werte, die durchaus reichen, um die Windräder zu betreiben“, so Müller. Diese Einschätzung des Experten beruht aber, wie dieser selbst betonte, lediglich auf Daten des Windatlas und sei nur „ein erster Anhaltspunkt“. Eine genaue Windmessung vor Ort steht damit ebenso wie Gutachten zu den Auswirkungen des Projektes auf die Flora und Fauna noch aus. Beides war nicht Teil der Potentialflächenanalyse und wäre nun im Rahmen des vom Stadtrat zu beschließenden Genehmigungsverfahrens vorzunehmen. Für die Einleitung dieses Verfahrens sprach sich Müller klar aus und verwies dabei auch auf Ergebnisse der Sinziger Klimaschutz AG, wonach mit Windenergie die größte Reduzierung des städtischen CO2-Ausstoßes zu bewirken sei.

„Windkraft hat Schattenseiten“

Eine kritische Betrachtung der Windenergie lieferte anschließend Dr. Matthias Schreiber. Gleich zu Beginn seines Vortrages merkte dieser an, dass keine der erneuerbaren Energien unschädlich für die Artenvielfalt sei und auch die Windkraft ihre Schattenseiten habe. Als eine solche Schattenseite nannte er etwa tödliche Kollisionen von Vögeln oder Fledermäusen mit den Rotoren der Windräder. „Es gibt Hochrechnungen, wonach mit zehn bis zwölf Fledermäuse pro Jahr und Anlage zu rechnen ist, wenn nicht nachgesteuert wird“, erläuterte Schreiber. Aber auch den Aufbau von Windkraftanlagen mit schwerem Gerät inmitten des Waldes beäugte der Experte skeptisch. Diesen bezeichnete er als „massiven Eingriff in den Wald“, der eine Veränderung und Verdichtung der Bodenflächen mit sich bringe, die „weit über das reine Fundament“ hinausgehe.

Zwar stellte Matthias Schreiber auch fest, dass es für viele der angesprochenen Artenschutzprobleme Minderungsmaßnahmen wie zeitweilige Abschaltungen der Windkraftanlagen gebe. Den Standort Harterscheid schätzte er gleichwohl als ungeeignet für das Windkraftprojekt ein. „Sie werden eine Menge Probleme mit dem Artenschutz bekommen, die nicht alle durch einfache Abschaltungen zu bewältigen sein werden“, sagte Schreiber in Richtung der anwesenden Ratsmitglieder. Daraufhin werde die Prüfung artenschutzrechtlich verträglicherer Alternativen notwendig werden. Schreiber führte aus, dass in den nächsten Jahren eine weitere Herabsetzung der Abstandsregelungen zu erwarten sei, sodass sich neue Flächen ergeben würden. Der Experte riet der Politik deshalb dazu, ihre Pläne abzuändern und Vorrangflächen im Rahmen einer Flächennutzungsplanung auszuweisen: „Sie haben dann mehr Steuerungselemente in der Hand, als wenn Sie sich nur auf die Eigentumsfläche im Harterscheid verlassen.“

Nun liegt es an den Ratsmitgliedern, das Für und Wider abzuwägen und zu entscheiden, ob das Genehmigungsverfahren eingeleitet oder die Sinziger Windenergiepläne für den Harterscheid ad acta gelegt werden sollen.

Rund 50 Interessierte lauschten den Ausführungen der beiden Windenergie-Experten Dipl.-Biol. Robert Müller (r.) und Dr. Matthias Schreiber. Foto: SN

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