Behindertensport: Amputierte arbeiten an einem neuen Schwerpunkt am Mittelrhein
Bekommt Koblenz einen Fußball-Bundesligisten?
Koblenz. Was ist ein Handspiel im Fußball? An dieser Frage scheiden sich immer wieder die Geister, Spieltag für Spieltag, auf deutscher wie auf internationaler Ebene. Dabei ist die Antwort doch ganz einfach! Mehr zu dieser auf den ersten Blick sehr steilen These am Ende dieses Artikels.
„Wir sind zu Gast in einem Indoor-Fußball-Center in Urmitz in der Nähe von Koblenz. Hier wird gekickt, was auch sonst. Aber das Wie macht den großen Unterschied, denn wir besuchen den Schnuppertag der Amputierten-Fußballer.“
Der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV-RLP) hat in Kooperation mit apt-Prothesen und dem FVR eingeladen, gemeinsam mit Christian Heintz vom gemeinnützigen Verein „Anpfiff ins Leben“. Heintz ist 37 Jahre alt und einer der profiliertesten Amputierten-Fußballer in Deutschland. Nationalspieler, Bundesliga-Spieler und hauptberuflich bei dem von Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp gegründeten Verein zuständig für den Aufbau neuer Strukturen in der jungen Sportart in Deutschland.
Sieben Sportler mit Amputationen sind der Einladung gefolgt. Sie sind mit großem Spaß und Engagement bei der Sache, wenn es zwischen den beiden Toren hin und her geht. Die Tore sind so groß wie beim Jugendfußball, nämlich fünf mal zwei Meter. Aber die Indoor-Spielfläche ist kleiner. An der frischen Luft wird auf einem Fußball-Platz quer gespielt mit sieben Spielern pro Mannschaft. Hier jagen entsprechend weniger Spieler dem Ball nach.
Das Besondere an diesen Fußballern: Sie sind auf Krücken unterwegs. Manchen wurde der Unterschenkel amputiert, anderen auch der Oberschenkel. Sie halten erstaunlich gut das Gleichgewicht, auch wenn sie mit dem gesunden Bein ausholen, um den Ball zu schießen. Dann stützen sie sich nur auf den Krücken ab.
Christian Heintz erklärt das Projekt. Zur Zeit gibt es in Deutschland fünf Amputierten-Fußball Teams. In der Bundesliga spielen drei Mannschaften gegeneinander: Anpfiff Hoffenheim, Fortuna Düsseldorf und die Spielgemeinschaft Nord-Ost, bestehend aus Spielern der Sportfreunde Braunschweig, des Hamburger SV und von Tennis Borussia Berlin. Koblenz bietet sich als weiterer Standort an, weil es zwischen Hoffenheim und Düsseldorf einen Radius von 70 Kilometern abdecken würde. Deshalb soll an diesem Schnuppertag herausgefunden werden, ob es genug Interessenten gibt, um Amputierten-Fußball in der Region zu etablieren. Und wenn das der Fall ist, könnte man mittel- oder langfristig sogar einen Bundesligisten am Mittelrhein aufbauen.
Zehn bis zwölf Spieler würde man benötigen, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Aber Christian Heintz und der BSV setzen auf kleine Schritte. Zunächst einmal sollen Interessenten gefunden werden, die einmal pro Monat Amputierten-Fußball trainieren wollen. Und ein Verein, der das Projekt betreuen möchte.
Auch Jugendliche werden angesprochen. Ab 14 darf man in der Bundesliga spielen, ab 16 in der Nationalmannschaft. Christian Heintz kann schon auf beachtliche Erfolge verweisen: Vor drei Jahren gab es in Deutschland 20 Amputierten-Fußballer, heute sind es schon 45.
„Das Training läuft zu 90 Prozent so ab wie beim normalen Fußball“, sagt Christian Heintz. „Nur zehn Prozent sind speziell auf die Krücken ausgerüstet.“ Wie sehr das Spiel dem deutschen Volkssport ähnelt, war vor Kurzem auch bei der Wahl zum „Tor des Monats“ zu sehen. Da kam ein Düsseldorfer auf Platz zwei. „Das war wirklich ein wunderschöner Treffer. Schade nur, dass er ihn gegen uns erzielt hat“, schmunzelt Christian Heintz.
BSV-Sportreferent Dominic Holschbach sieht im Amputierten-Fußball großes Potenzial für die Region: „Wir sind immer bestrebt, den Verband weiterzuentwickeln und neue Sportarten aufzunehmen. Durch die frühere Zusammenarbeit mit Christian Heintz war der Kontakt schon gegeben. Der Amputierten-Fußball ist für viele ehemalige Fußballspieler eine tolle Alternative. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir es schaffen würden, eine Mannschaft im Raum Koblenz zu etablieren und einen Kooperationsverein zu finden.“
Ach ja, da war ja noch die steile These vom Anfang. Christian Heintz löst das Rätsel auf: „Handspiel ist, wenn ein Spieler den Ball aktiv mit seiner Krücke berührt.“ So einfach ist das also. Aber ansonsten ist die Sportart sehr komplex. Vielleicht können Zuschauer das schon in wenigen Jahren bei einem Bundesliga-Spiel in Koblenz bewundern.
Pressemitteilung des BSV
