Allgemeine Berichte | 09.07.2019

Ernst Grube im Rhein-Gymnasium: „Wir waren absolut rechtlos“

Der Lebenswille der Juden wurde systematisch gebrochen

Der Zeitzeuge berichtet über seine jüdische Kindheit während der Nazi-Zeit und warnt vor gewaltbereiten Rattenfängern

Die Schüler stellten Fragen.Fotos: HG

Sinzig. Ernst Grube erzählt im Rhein-Gymnasium seine Geschichte. Er berichtet, wie er als Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters das Auseinanderbrechen von Familie und Gemeinschaft erlebte, verstörende Erfahrungen machte, aber schließlich mit den engsten Angehörigen den rassistischen Vernichtungswahn des Nationalsozialismus überlebte. Alles begann ganz normal. Grubes Eltern, ein ostpreußischer Malermeister und eine Krankenschwester, lernten sich kennen. 1929 heirateten sie. 1930 kam Bruder Werner zur Welt, 1932 Ernst und 1938 Ruth. Die Familie lebte in der Nähe der Münchener Hauptsynagoge. Doch musste sie, nachdem bereits die Synagoge von den Machthabern zerstört wurde, 1938 aufgrund der antisemitischen Entmietungspolitik ihre Wohnung verlassen. Weil die Mutter Jüdin war. Die Grubes widersetzten sich, doch ohne Wasser und Strom konnten sie nicht bleiben. Da brachten die Eltern am 7. November ihre Kinder Werner, Ernst und die erst viermonatige Ruth ins jüdische Kinderheim in Schwabing. „Ich erinnere mich, wir fuhren mit der Straßenbahn und meine Mutter hielt Ruth auf dem Arm“, sagt Ernst Grube. Er spricht ruhig, denn das Gesagte ist aufwühlend genug. Trotzdem hat man das Gefühl, er muss sich stellenweise zu dieser Ruhe zwingen.

Gelbe Stoffsterne

Aber der Sechsjährige erlebte die Trennung nicht als reines Drama. Erstmals hatte er Freunde. Die Betreuerinnen, „Tanten“ genannt, versuchten Halt und Geborgenheit zu vermitteln. Das liberal aufgewachsene Kind lernte jüdisches Leben kennen über die Feste und den Alltag. „Ich war glücklich im Heim“, erzählt Grube 250 im Ganztagesbereich versammelten Schülern des Rhein-Gymnasiums der 9. und 10. Klassen, einer 8. Klasse sowie Geschichtskursen der 11 und 12. Vor so vielen zu sprechen, sei nicht das Übliche, äußert der Gast. Wohl ist es für den 87-jährigen üblich, als Zeitzeuge unermüdlich an Gedenkstätten, bei Vereinen und Bildungseinrichtungen zu wirken. Ihn begleitet Udo Winkler, Vorsitzender des Vereins „Haus Israel“, der solche Besuche organisiert. Von Schulseite kümmerten sich die Geschichtslehrerinnen Ilse Kösling und Alexandra Reitze um die Begegnung. Damals im Heim richteten die Kinder arglos aus gelbem Stoff Sterne her und kennzeichneten ihre Kleidung. „Wir waren zuerst stolz drauf“, so Werner Grube (verstorben) im gezeigten Dokumentarfilm über das jüdische Kinderheim. Stolz, bis die Nachbarkinder außerhalb des Heims sie verhöhnten und bespuckten.

Der Deportierung 1941 entgingen die Grube-Geschwister als „Halbjuden“ zunächst, nicht aber 23 andere Heimkinder, darunter ihre Freunde. Die Heimgemeinschaft zerbrach. 1942 kam der Grube-Nachwuchs in ein Ghetto in Milbertshofen. Münchener Juden mussten das Barackenlager selber bezahlen und bauen. Der Zeitzeuge erinnert sich an Schikane, wie man Internierte zwang, „mit bloßen Händen die Scheiße aus Latrinen zu holen“. Er sieht auch noch ein altes Kesselhaus vor sich, wo eingesperrte Juden schreiend am Fenster hingen. Nach Auflösung des Lagers in Milbertshofen im August 1942 kamen die Grube-Geschwister in eine andere Unterbringung für Juden in Berg am Laim. Als auch diese im Jahr darauf aufgelöst wurde, „konnten die paar jüdischen Kinder aus Mischehen in ihre Familien zurück“, auch Werner, Ernst und Ruth. Über Jahre erlebten sie Beklemmendes, ohne die Dinge einordnen zu können. Umso mehr schärft Grube den Jugendlichen ein: Die stufenweise Entrechtung der Juden, ihre Ausgrenzung aus Gesellschaft, Berufen, öffentlichen Einrichtungen, das Auseinanderreißen der Familien, hatte Methode. „Den Lebenswillen so niedrig wie möglich zu halten, darum ging es, ‚wenn sie sich selber umbringen, umso besser‘. Wir waren zuletzt absolut rechtlos, man konnte mit uns machen, was die Nazis für richtig hielten“.

Rassismus erstarkt

Anfang 1945 wurden die Grube-Kinder und ihre Mutter doch deportiert, ins Ghetto Theresienstadt, „eine Vorstufe der Vernichtung“. Aber sie hoffen auf Befreiung. Als die Familie noch zusammen war, hatten sie Radio Moskau gehört. Ernst Grube: „Es war die Hoffnung von uns, dass die Rote Armee die Nazis besiegt.“ Und genau das geschah. Die Verwandten von Mutterseite aber wurden nach Riga, Piaski und Izbica deportiert und dort ermordet.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee freute sich Ernst am meisten auf die Schule. Bei seinem Vater lernte er den Malerberuf und wurde später Berufsschullehrer. Es enttäuschte ihn, dass nach dem Krieg Nationalsozialisten „alle wieder in ihre Stellungen zurückkonnten“. Er protestierte gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. Für sein vielfältiges Engagement gegen Ausgrenzung, Unterdrückung, Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus wurde ihm 2017 von der Stadt München der Georg-Elser-Preis verliehen.

In Sinzig verfolgten die Schüler trotz Durchsagen und kleiner Technikprobleme aufmerksam Grubes Schilderungen und stellten im Anschluss Fragen. „Wir leben in einer Zeit des tiefwirkenden Rassismus“, sagte Grube. Die jungen Leute, von denen sich einzelne noch nach Auftrittsende um ihn scharten, warnte er, „den rechten gewaltbereiten Rattenfängern nicht ins Netz zu gehen“.

HG

Geschichtslehrerin Ilse Kösling und Ernst Grube.

Geschichtslehrerin Ilse Kösling und Ernst Grube.

Der 86-jährige Besucher engagiert sich unermüdlich gegen Rassismus und Antisemitismus.

Der 86-jährige Besucher engagiert sich unermüdlich gegen Rassismus und Antisemitismus.

Ernst Grube nach dem Auftritt im Gespräch mit Rhein-Gymnasiasten.

Ernst Grube nach dem Auftritt im Gespräch mit Rhein-Gymnasiasten.

Die Schüler stellten Fragen.Fotos: HG

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