8. Wachtberger Kulturwochen
Hans Christian Andersen ... nicht nur Märchen
‚Bilderbuch ohne Bilder’ als literarisch-musikalischer Abend
Wachtberg-Kürrighoven. Hans Christian Andersens „Bilderbuch ohne Bilder“ stand als literarisch-musikalischer Abend im Rahmenprogramm von Rudolf Hürths offenem Atelier anlässlich der 8. Wachtberger Kulturwochen. Komponist und Konzertpianist Christian Lemmer hat die insgesamt 33 kurzen Erzählungen Andersens als Klavierzyklus programmatisch vertont. Im Wechsel mit den literarischen Vorlagen, gelesen von Peter Thomas, spielte Lemmer die ersten elf dieser ’33 Nachtstücke für Klavier’.
Wer an Hans Christian Andersen denkt, dem kommen zuerst seine Märchen in den Sinn, dabei hat dieser sich selbst nie als Kinderbuchautor verstanden, sondern hauptsächlich für Erwachsene geschrieben. Mit zu seinen bedeutendsten Werken zählt das ‚Bilderbuch ohne Bilder’, das er 1840 verfasste. Den Rahmen der unterschiedlichen Geschichten bildet der Mond. Jeden Abend schaut dieser in eine Dachkammer und berichtet dem dort wohnenden, einsamen Künstler von seinen Beobachtungen rund um die Welt. „Mal du nur das, was ich erzähle und du wirst ein recht hübsches Bilderbuch erhalten.“ Und Andersen ‚malt’ … zärtlich-melancholische Szenen, eine Mischung aus Lebensbejahung und Todesfaszination, aus Harmonie und Disharmonie. Meisterhaft öffnet er dabei ganze Register von Bildern, die in jungen wie in alten Menschen zuinnerst verankert sind.
Dialog von Wort und Klang
Christian Lemmer griff in der Vertonung die jeweiligen Stimmungen dieser Episoden, eine Sammlung unterschiedlichster menschlicher Schicksale, auf und vertiefte so das Verständnis des Hörers für Andersens fein beobachtete, mannigfaltige Aspekte der menschlichen Natur, die - nicht selten auf einem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie - das alltägliche Leben ausmachen.
Durch die abwechselnde Wiedergabe des gesprochenen Wortes und den ein- bis anderthalbminütigen Klavierstücken gaben die beiden Künstler den Zuhörern Raum, die in der Lesung gehörten Schilderungen durch die folgende Musik emotional zu reflektieren.
Allzu Menschliches
Berührende menschliche Momentaufnahmen, mit schöner Stimme vorgetragen von Peter Thomas, reihten sich aneinander. Da ist das am Ufer wartende Hindu-Mädchen, das in Gedanken an ihren Bräutigam die Schlange nicht bemerkt, oder das kleine Mädchen, dem es leid tut, eine Henne und deren Küken erschreckt zu haben. Da sind die alte Frau im Louvre, deren Enkel als Revolutionär auf königlichem Thron starb, und ein Waldweg, den die darauf Reisenden sehr unterschiedlich betrachten und wahrnehmen. Da möchte ein sterbender Eskimo in seinem Kajak auf See die ewige Ruhe finden, und ein frisch vermähltes Paar freut sich auf die Hochzeitsnacht. Thomas verstand es vorzüglich, diese so unterschiedlichen Szenen in all ihrer Tragik, aber auch Fröhlichkeit stimmig vorzutragen. Die anschließenden Kompositionen ließen erkennen, dass mit Christian Lemmer ein Meister seines Fachs am Flügel saß. Mal intonierte er zart, verspielt, dann wechselte er das Tempo und die Musik wurde lebhaft, zuweilen fröhlich, um dann plötzlich umzukehren zu anschwellenden, voluminösen, zuweilen dramatischen Klängen. Derart und mit diesen im ersten Moment zuweilen disharmonisch wirkenden Brüchen verstand Lemmer es aufs Beste, die Komplexität der von Andersen beschriebenen kleinen menschlichen Tragödien wiederzugeben. Freude und Trauer, Hoffnung und Verlust … wie vielschichtig und nah beieinander liegen doch die verschiedenen Emotionen.
Fortsetzung folgt …
Das Publikum dankte Christian Lemmer und Peter Thomas für diese außergewöhnliche Darbietung mit lang anhaltendem Applaus. Als Zugabe spielte Lemmer noch einige von Bachs ‚Goldberg-Variationen’ und kündigte für die Wachtberger Kulturwochen 2015 eine Fortsetzung an … die nächsten elf der insgesamt 33 Nachtstücke zu Andersens ‚Bilderbuch ohne Bilder’.
Pressemitteilung
der Gemeinde Wachtberg
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