Allgemeine Berichte | 04.05.2020

Hans-Otto Schade, Vorsitzender des Gewerbevereins „Bad Bodendorfer Unternehmen e.V.“, im Interview über die Lage des Einzelhandels

„Der verordnete Stillstand hat irreparable Schäden hinterlassen“

Hans-Otto Schade. Foto:privat

Bad Bodendorf. Die Unternehmen vor Ort sind von der Corona-Krise besonders betroffen. Zwar wurden die Beschränkungen zur Öffnung des Einzelhandels nach und nach gelockert. Eine Herausforderung ist die Situation jedoch allemal - gerade im ländlichen Raum. Über die derzeitige Situation in Bad Bodendorf konnte sich nun BLICK aktuell mit Hans-Otto Schade, Vorsitzender des dortigen Gewerbevereines „Bad Bodendorfer Unternehmen e.V.“ unterhalten.

BLICK aktuell: Seit einiger Zeit dürfen Einzelhändler wieder öffnen. Wie sind die Erfahrungen aus diesen ersten Wochen in Bad Bodendorf?

Hans-Otto Schade: Diese Lockerung hatte in Bad Bodendorf für einzelne Geschäfte eine positive Wirkung, glücklicherweise waren hier auch davor schon sehr viele Betriebe wie Bäckerei, Apotheke, Reformhaus, Blumenladen etc. geöffnet. Einige Unternehmen habe ihre Kunden per Mail über die Wiederöffnung informiert und wurden durch zahlreiche Kundenbesuche belohnt. Die meisten Kunden haben sich diszipliniert an die Hygiene- und Abstandsregeln gehalten. Die IT-Branche gehört zu den wenigen Berufsgruppen, die durch die Zunahme von Home-Office Arbeitsplätzen und dauernder Verfügbarkeit eher profitieren konnte. Profitiert hat auch der Freitagsmarkt, da viele Kunden neben den frischen Produkten auch den Einkauf an der frischen Luft schätzen.

BLICK aktuell: Halten Sie die Maßnahmen der Regierung in Bezug auf die Schließungen und Hygienevorschriften für angemessen?

Schade: Hier sind die Sichtweisen unserer Mitglieder recht unterschiedlich. Einige sagen ja, alles bestens gemacht – es ist unbedingt notwendig um Menschleben zu schützen - andere Mitglieder sehen das deutlich kritischer.

Das Hin- und Her bei den Hygienevorschriften seit Beginn der Krise – zum Beispiel beim Thema Schutzmasken – war und ist keine vertrauensfördernde Maßnahme der Politik. Aus dem Friseurhandwerk habe ich Kenntnis von Namenslisten, die die Kunden ausfüllen müssen und Abfragen der Kunden nach Corona-Symptomen. Das wird den Friseurbesuch nicht erquicklicher machen und ich frage mich, ob hier der „Amtsschimmel“ nicht die Friseure und ihre Kunden überstrapaziert. Die meisten Unternehmer sind der festen Überzeugung, dass es absolut vertretbar ist, nun schnell auch andere Gewerbezweige wieder zu öffnen. Es ist und bleibt natürlich wichtig, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen. Der verordnete Stillstand hat – trotz aller Kreativität und Förderprogramme - schon jetzt irreparable Schäden im Bereich Gastronomie, Tourismus, Fahrschulen, Kultur und Einzelhandel hinterlassen. Ich persönlich halte die aktuellen strengen Schutzmaßnahmen für überzogen und plädiere für eine schnelle Lockerung. Mich beunruhigt, dass von unserer Regierung auf so dünner Erkenntnisbasis so weitreichende Maßnahmen angeordnet wurden.

BLICK aktuell: Wie ist aktuell die Stimmung bei den Mitgliedern?

Schade: Unser Mitgliederspektrum ist recht groß und deshalb gibt es ein gemischtes Stimmungsbild. Einige haben mit schweren und großen Einbußen zu kämpfen, andere wiederum haben zwar mit einigen Umstellungen und Einschränkungen zu kämpfen, können aber grundsätzlich ihrer Arbeit nachgehen und Umsatz generieren. Am schlimmsten betroffen sind definitiv die Bereiche Gastronomie und Tourismus, hier sind Existenzen bedroht, da helfen wohl auch keine Kredite. Das Handwerk ist offensichtlich nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen worden – wenn überhaupt. Fahrschulen, Beherbergungsbetriebe und Gaststätten mussten den Absturz ihrer Geschäftsumsätze auf null Euro erleben und haben bis heute keine Aussicht, wann Sie wieder Einnahmen generieren dürfen. Gastronomiebetriebe haben teilweise schnell reagiert und Speisen zum Abholen über Internet, unsere Unternehmerwebseite und Mailings angeboten. Essen auf Rädern konnte Zuwächse bei den Bestellungen verbuchen, es gab jedoch Umsatzrückgänge wegen ausbleibender Schul- und Kindergartenversorgung. Die Geschäfte mit Publikumsverkehr stellen sich auf weitere Umsatzeinbußen ein. Einige befürchten, mit einem Bußgeld belangt zu werden, falls man vielleicht eine der vielen neuen Vorsichtsmaßnahmen nicht erfüllt hat. Generell gibt es eine Besorgtheit über die weitere Zukunft, aber auch Zuversicht, Freude und Hoffnung, dass man wieder starten kann – wenn auch nur mit „angezogener Handbremse.

ROB

Hans-Otto Schade. Foto:privat

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