Allgemeine Berichte | 25.10.2018, 14:04 Uhr

Die Witwe des Studentenführers Rudi Dutschke las aus ihrem neuen Buch und stellte sich den Fragen in der alten Druckerei

Gretchen Dutschke sieht die jungen Leute in der Pflicht

Sehr wach und zugewandt: Gretchen Dutschke bei ihrer Lesung in der Alten Druckerei. Foto: HG
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Sinzig. 50 Jahre nach dem Epochenjahr 1968 organisieren Thomas und Christoph Zimmermann mit Rosmarie Feuser, Angelika Erhardt-Marschall und dem unterstützenden Bürgerforum Sinzig die Kunstschau Ahrtkomm. Und plötzlich wird ihnen das halbe Jahrhundert Abstand bewusst zu dem Aufbegehren der Studenten, die darauf brannten die von ihnen wahrgenommenen autoritären Strukturen in der Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik aufzubrechen. So reift der Entschluss eine Persönlichkeit einzuladen, die den Aufbruch hautnah miterlebt hat.

„Genossen, Antiautoritäre, Menschen!“ so wie Rudi Dutschke 1968 beim legendären Berliner Vietnam-Kongress begann, begrüßte Kulturjournalist Andreas Pecht rund 150 Besucher innerhalb der Ahrtkomm in der Alten Druckerei zur Lesung mit Gretchen Dutschke. Thomas Zimmermann war „stolz und glücklich“ über das nach der Vernissage zum zweiten Mal volle Haus und den Ehrengast, der sich „unkompliziert“ nach Sinzig bitten ließ.

Die 1942 in Illinois geborene und seit 2009 wieder in Deutschland, Berlin, lebende Gretchen Dutschke hat bereits 1996 eine umfassende Biographie über ihren Mann geschrieben. Ihr aktuelles Buch „968: Worauf wir stolz sein dürfen“ widmet sich dem geistigen Erbe ihres Mannes. Die 76-jährige findet, dass Deutschlands Demokratie den 68ern bis heute viel zu verdanken habe und die Beteiligten von damals Grund genug hätten, stolz darauf zu sein.

Der Revolutionär und die Liebe

„Im Auge der Rebellion“, so Pecht, habe sie die Zeit als Gefährtin, Frau und später Witwe Rudi Dutschkes erlebt. Die Galionsfigur einer für umfassende Demokratisierung streitenden Studentenbewegung wurde im April 1968 niedergeschossen und starb an Heiligabend 1979 an den Spätfolgen. Aber Gretchen Dutschke, die 1985 mit ihren drei Kindern in die USA zurückging, strahlt keinerlei Bitternis aus. Wach und zugewandt erlebte man die Autorin, die aus ihrem neuen Werk las. In einem Berliner Café vor polnischen Büchern sitzend, lernte sie ihren Mann kennen. Kam er aus Polen? „Nein, aber ich lerne Polnisch, damit ich die Bücher im Original lesen kann“, kam seine Antwort. Welche Parallele, war doch die amerikanische Philosophie-Studentin zum Deutschlernen nach Deutschland gekommen, um die deutschen Denker zu verstehen. Sie nannte es „Liebe auf den ersten Blick“. Er, der Revolution machen wollte und fürchtete, eine enge Beziehung könnte dem abträglich sein, brauchte etwas länger. Aber schließlich stellte er ihr frei, von Amerika wieder zu ihm zu kommen.

Der „gefährliche Pazifist“ durfte als überzeugter Christ in der DDR nicht studieren und ging daher nach West-Berlin. Die Autorin erwähnte Herbert Marcuses für die Bewegung wichtige Gesellschaftskritik an „der alles beherrschenden Rationalität“. Sie gab Einblick in eine 200-Leute-Demo gegen den Vietnamkrieg Ende 1966, „eine Art Happening“ von SDSlern, Kommunarden und der von Rudi mitbegründeten Viva Maria Gruppe. Ein Plakat spöttelte „Spießer aller Länder vereinigt Euch“. Dazu sang man „Ihr Kinderlein kommet“ und skandierte „Weihnachtwünsche werden wahr, Bomben made in USA“. Auf die gegen Amerika und die DDR gerichtete Provokation hin knüppelte die Polizei los und verhaftete 80 Personen, darunter sogar Kinder, Touristen, und Passanten.

Die Frauenfrage

Was die Emanzipation der Geschlechter anging, blieb es in den linken Kreisen bei der tradierten Rollenverteilung: Frauen sollten nicht zu viel dazwischenreden. Über ernstzunehmende Argumente, die sie einbrachten, lachten die Männer. Lieber sollten sie saubermachen, „während die Genossen eine rauchten und sich über wichtige Bücher beugten.“ Rudi Dutschke „erkannte das Dilemma, wusste aber keinen Ausweg“. Auf Gretchen Dutschke ging die Kommunenidee zurück. Die Begeisterung teilte zu ihrem Missvergnügen etwa auch Dieter Kunzelmann, „aber er war ein Pascha erster Ordnung einschließlich Konkubinen“. Doch der Diskurs habe die Frauenbewegung vorangebracht. Generell habe der revolutionäre Impuls die überkommene Autorität, das Diktat zum Gehorsam, damals erschüttert. „Die grenzenlose Freiheit heute wäre ohne die 68er nicht denkbar“, ist Gretchen Dutschke überzeugt. Heutige Probleme seien Klima, Umwelt, wachsende Gewalt. Im Gespräch mit Pecht kam als Verdienst auch die Aufarbeitung der Nazizeit zur Sprache. Und die Gewalt damals in der antiautoritären Bewegung nach dem Besuch des Schahs und der Ermordung Benno Ohnesorgs? Diese Ereignisse und die Hetze der Presse hätten Hass erzeugt. Für Rudi sei Gewalt gegen Sachen in Ordnung gewesen, nicht aber gegen Menschen. Pecht fragte nach Militanz. Die konnte sich Rudi nur für die Befreiungskriege der Dritten Welt vorstellen. In Deutschland war er auch gegen den Kampf im Untergrund. Erfolglos versuchte er, Ulrike Meinhof und Horst Mahler davon zu überzeugen.

Bewegung mit Patina?

Für die jüngere Generation hat laut Künstler Kay Michelt, der aufs Podium hinzukam, die 68er-Bewegung „die Patina vorverletzter Elterngeneration“, zudem würden die 68er „romantisiert“. Gretchen Dutschke hielt dagegen: Es ist eine Tradition, die man sehen soll, an die man anknüpfen kann“. Michelt pflichtete bei, nannte zugleich die aktuell Jungen „die angepassteste Generation seit 68“. Er betonte aber auch das Engagement in den sozialen Medien, welches große Menschenmengen gegen Unrecht und fürs Klima mobilisiere. Leider gehe das an der älteren Bevölkerung vorbei. Vom Publikum wurde Gretchen Dutschke mehrfach gefragt, wie im Deutschland von heute zu rebellieren sei, worauf sie schlicht riet, sich zusammenzuschließen. Aus einem Prozess heraus würde das weitere Vorgehen zu entwickeln sein. Mehr Anwesende meldeten sich zu Wort, um die Einladung der einstigen Studentenaktivistin gut zu heißen und um eigene Positionen zu formulieren. In Erinnerung wird wohl Gretchen Dutschkes ernster Apell angesichts aktueller Probleme bleiben: „Wenn die jungen Leute jetzt nicht kämpfen, geht die Welt zugrunde.“

HG

Gretchen Dutschke sieht die jungen Leute in der Pflicht

Natürlich und sympathisch war Gretchen Dutschkeauch beim Signieren ihrer Bücher zu erleben.

Natürlich und sympathisch war Gretchen Dutschke auch beim Signieren ihrer Bücher zu erleben.

Gretchen Dutschke sieht die jungen Leute in der Pflicht

Sehr wach und zugewandt: Gretchen Dutschke bei ihrer Lesung in der Alten Druckerei. Foto: HG

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