Allgemeine Berichte | 28.07.2022, 15:02 Uhr

Evm-Sprecher Marcelo Peerenboom: „Reduzierungen würden im Einzelfall bei Industrie- und Gewerbebetrieben vorgenommen.“

Gasversorgung: „Haushalte haben absolute Priorität“

Region. Noch ist der Sommer da und die Temperaturen sind hoch. Gas wird zur Zeit weniger verbraucht als in den kühleren Monaten, zumindest in privaten Haushalten. In der Heizperiode sieht das anders aus und die Bundesregierung bereitet die Bevölkerung auf eine Gasmangellage vor. Denn Russland pumpt weniger Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 als vertraglich zugesichert. Die Städte Koblenz, Sinzig und Mayen sparen bereits Energie und reduzieren beispielsweise nächtliche Beleuchtungen ab. oder die Raumtemperatur in Sporthallen. Was bedeutet jedoch die Verknappung von Gas und der Aufruf zum Energiesparen für die Endverbraucher in der Region?

BLICK aktuell sprach mit Marcelo Peerenboom, Sprecher der Energieversorgung Mittelrhein.

BLICK aktuell: Falls die Gaslieferungen aus Russland vollständig zum Erliegen kommen – was wären aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte aus?

Marcelo Peerenboom: Die russischen Gaslieferungen nach Deutschland machen insgesamt etwa 30 Prozent aller Gesamtgaslieferungen aus. Sollte Gazprom nicht mehr liefern, bedeutet das also nicht, dass wir in Deutschland überhaupt kein Gas mehr haben. Dieser Eindruck entsteht ist in der öffentlichen Diskussion leider entstanden. Die größten Mengen stammen aus Norwegen, Großbritannien, Holland und anderen Ländern. Sie liefern weiterhin zuverlässig und auch verstärkt Erdgas nach Deutschland.

Sollte dieser Fall aber eintreten und kein Gas mehr aus Russland kommt, wird die Bundesregierung die Notfallstufe des Gasnotfallplans ausrufen müssen. Diese ermöglicht zahlreiche Maßnahmen, die das Ziel haben, die Gasversorgung in Deutschland aufrecht zu erhalten. Außerdem nimmt die Bundesnetzagentur die Rolle des „Bundeslastverteilers“ ein und legt in Abstimmung mit den Netzbetreibern fest, wie die Gasmengen verteilt werden. Wichtig ist dabei: Private Haushalte und soziale Einrichtungen genießen dabei einen umfassenden gesetzlichen Schutz. Sie haben absolute Priorität bei der Gasversorgung. Reduzierungen würden im Einzelfall bei Industrie- und Gewerbebetrieben vorgenommen.

BLICK aktuell: Aus welchen Ländern stammt das Gas im evm-Gebiet?

Peerenboom: Die evm beschafft das Erdgas über verschiedene Großhändler. Das Gas, das diese vermarkten, stammt aus den Niederlanden, aus Deutschland, aus Norwegen und aus Russland. Wir erhalten hierzu keinen Herkunftsnachweis. Das Erdgasnetz in Europa ist ein zusammenhängendes Netz, das aus unterschiedlichen Quellen gespeist wird. Insofern lässt sich nicht feststellen, woher exakt das Gas stammt, das beim Endverbraucher ankommt. Es lässt sich am besten mit einem See vergleichen, der verschiedene Zuflüsse hat. Das Wasser, das sich dann im See befindet, kann auch nicht exakt einer Quelle zugeordnet werden.

BLICK aktuell: Ist die Versorgungssicherheit für private Kunden gewährleistet und wird es auch bleiben?

Peerenboom: Die Versorgungssicherheit ist für private Kunden aktuell gewährleistet. Und auch für den Winter gibt es sehr gute Gründe davon auszugehen, dass die Versorgung von Heizgaskunden stabil sein wird. Allerdings sind Reduzierungen oder im Einzelfall auch Abschaltungen von Industriekunden nicht auszuschließen. Hier gilt es mit Augenmaß vorzugehen, da negative Folgen für Arbeitsplätze und die Wirtschaft insgesamt eintreten können. Die Lage ist insgesamt angespannt und wir beobachten die weiteren Entwicklungen sehr genau. In der aktuellen Phase ist es wichtig, Energie einzusparen wo immer es geht – in der Industrie, in öffentlichen Einrichtungen wie auch in Privathaushalten. Jeder kann seinen Beitrag leisten. In der Summe bewirken wir viel.

BLICK aktuell: Wie beurteilen Sie aus Unternehmersicht die Bemühungen der Bundesregierung, Gas einzuspeichern?

Peerenboom: Die Gasspeicher schnell zu füllen ist essenziell für die Versorgungssicherheit. Das war übrigens immer schon so. Deutschland verfügt über die höchsten Speicherkapazitäten in Europa, die wir nutzen müssen, um uns auf den Winter vorzubereiten. Volle Gasspeicher reichen aus, um in der Not zwei bis drei Monate zu überbrücken. Wir rufen daher auf, dem Appell der Bundesregierung zu folgen und Energie zu sparen. Je mehr Energie wir jetzt sparen, desto schneller können wir die Speicher befüllen und umso besser kommen wir durch den Winter. Daher ist jeder Gasverbraucher gehalten, so viel Energie wie möglich einzusparen. Übrigens nicht nur wegen der Versorgungssicherheit, sondern auch wegen der gestiegenen Kosten.

ROB

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