Allgemeine Berichte | 19.09.2022, 12:29 Uhr

Die Filialkirche St. Andreas wird aufgrund schwerer Flutschäden abgerissen

Schmerzhafter Abschied in Ahrbrück

Gelände soll zukünftig als Überflutungsgebiet für die Ahr dienen

Letzter Gottesdienst und Entwidmung.  Foto: Bistum Trier
871

Ahrbrück. Einmal noch haben die Glocken von Sankt Andreas in Ahrbrück am 16. September geläutet, ein letzten Mal haben sich die Gläubigen auf der Wiese an der Ahr unterhalb der Kirche versammelt, um mit einem Gottesdienst Abschied von ihrer Filialkirche zu nehmen.

Das Gebäude mit dem angrenzenden Pfarrhaus war während der Flutkatastrophe vom Juli 2021 so schwer beschädigt und durch Schadstoffe kontaminiert worden, dass sie nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden konnte. Die Kirchengemeinde und das Bistum hatten gemeinsam entschieden, dass das Gebäude sowie das angrenzende Pfarrhaus abgerissen werden und die Flächen künftig als Überflutungsflächen für die Ahr genutzt werden sollen. Generalvikar Dr. Ulrich Graf von Plettenberg und Pfarrer Axel Spiller zelebrierten den Freiluft-Gottesdienst, an dessen Ende das Dekret zur so genannten „Profanierung“, also Entwidmung der Kirche, verlesen wurde.

Ort mit heiligem Boden

„Eine Kirche ist immer auch Heimat, sie steht bei frohen und traurigen Lebensereignissen der Menschen im Mittelpunkt, ob bei Taufen, Kommunionen, Trauungen oder Beerdigungen. Sankt Andreas wurde von heimischen Architekten entworfen, aus heimischem Grauwacken gebaut, die Menschen haben in den 1960er Jahren Haussammlungen für ihren Bau durchgeführt. Sie hat der Gemeinde 60 Jahre lang gedient. All das hat uns eine nie zuvor da gewesene Flutkatastrophe genommen“, sagte von Plettenberg in seiner Predigt. Eine Profanierung sei ein wenig wie eine Beerdigung – ein schmerzlicher Abschied.

Doch dies bleibe „heiliger Boden“: „So oft haben sich hier Menschen in Freud und Leid versammelt, so viele Gebete sind hier gesprochen worden, Gott gelobt worden – und diese Verbindung wird diesen Ort immer prägen, auch im Gedenken an diejenigen, die in der Flutnacht ums Leben kamen und verletzt wurden. Behalten Sie sich Ihre persönlichen Erinnerungen an besondere Momente in der Kirche, an Gegenstände, an die Atmosphäre im Herzen. Das kann keine Flut der Welt wegschwemmen“, versuchte der Generalvikar den Menschen Mut zu machen.

Trauer, Wut, Unverständnis

Pfarrer Axel Spiller ging in seiner Begrüßung auf die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen auf die Nachricht der Profanierung ein und begrüßte auch eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich für den Erhalt des Gebäudes einsetzen und am Rand des Gottesdienstes zum Gespräch und zu frisch gebackener Pizza einluden. Es gebe Trauer, Wut, auch Unverständnis über die Entscheidung. Es sei selbst für Nicht-Gläubige ein unvorstellbarer Gedanke, eine Kirche abzureißen. Doch man dürfe die Augen auch nicht vor den Fakten verschließen: Die Kirche stehe quasi im Überschwemmungsgebiet und schon 2016 seien die Räume der Unterkirche komplett geflutet gewesen. Damals hatte das Bistum bereits 60.000 Euro in die Sanierung investiert. Die Häuser direkt angrenzend an das Pfarrhaus seien weggespült worden, Menschen starben hier. „Wir müssen mit der Natur leben und dürfen nicht vermessen sein und ihr alles abringen wollen“, so Spiller. Ein weiterer Punkt, den der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann und Spiller schon im Sommer in einem Brief angesprochen hatten: Große Kirchenräume wie der von Sankt Andreas mit seinen 340 Plätzen würden einfach in Zukunft noch weniger gebraucht – die Gläubigen würden einfach immer weniger. Zuletzt hatte man regelmäßig rund 60 Gottesdienstbesucher gezählt. Ackermann und Spiller hatten in einem offenen Brief betont, dass sie unter diesen Umständen eine Renovierung für nicht vertretbar hielten: „Ein Gebäude, das nicht genutzt wird, ist ein uneingelöstes Versprechen“.

Die evangelische Kirchengemeinde habe bereits angeboten, ihre Auferstehungskapelle und das benachbarte Gemeindezentrum mit zu nutzen, was die ökumenische Verbundenheit stärken könne. Zudem gebe es mit der Pfarrkirche in Kesseling und drei Kapellen vor Ort weitere Möglichkeiten, den Glauben zu leben. Spiller wiederholte die Einladung zu einem offenen Workshop Mitte November, bei dem über die künftige Gestaltung des Geländes gesprochen werden soll. Hier könne es auch Raum für einen Gebets- und Gedenkort geben.

Hintergrund:

Im April hatten Bischof Dr. Stephan Ackermann und Mitarbeitende der Fachabteilungen des Bischöflichen Generalvikariats sowie Pfarrer Axel Spiller über die geplante Profanierung und den Abriss der stark beschädigten Filialkirche und des Pfarrhauses informiert. Ein Sachverständigengutachten hatte die reinen Wiederaufbaukosten mit 2,5 Millionen Euro beziffert. Diese könnten zwar durch den staatlichen Wiederaufbaufonds gefördert werden, die Restsumme hätte die Kirchengemeinde jedoch selbst mit Zuschüssen des Bistums nicht aufbringen können. Hinzu kämen bei einer nachhaltigen Sanierung aber noch weitere Kosten, etwa für eine neue Heizung oder das Dach, die nicht förderungswürdig wären. Zudem steht die Kirche direkt im Hochwasserbereich und wäre durch künftige Starregenereignisse weiter gefährdet. Die Kosten für den Abriss schätzt das Bsitum auf 750.000 Euro, die zu 80 Prozent durch den staatlichen Aufbaufonds getragen werden könnten – eine finanzielle Entlastung der Kirchengemeinde.

Die Kirche im August 2021.  Foto: ROB

Die Kirche im August 2021. Foto: ROB

Letzter Gottesdienst und Entwidmung. Foto: Bistum Trier

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Kreishandwerkerschaft
Stellenanzeige - Dauerauftrag 2026
Dauerauftrag 2026
Dauerauftrag 2026
Angebotsanzeige (Oktober)
Hagelschaden Äpfel
Empfohlene Artikel
7

Lantershofen. Bald steht in Lantershofen wieder das große Oktoberfest an, welches die Bürgervereinigung alljährlich anlässlich der Ursulakirmes veranstaltet. Doch in diesem Jahr wird es zum 75-jährigen Jubiläum der Bürgervereinigung einige Neuerungen und zusätzliche Angebote geben. Die Hauptveranstaltung am Samstag, den 24.10. startet dieses Jahr bereits um 18 Uhr im festlich geschmückten Saal des Winzervereins mit Bierzeltatmosphäre.

Weiterlesen

Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Politik, Verwaltung, Schulen und der am Bau beteiligten Unternehmen haben sich zur feierlichen Einweihung der Neubauten am Schulcampus eingefunden.
765

Meckenheim. Im Rahmen eines feierlichen Akts und im Beisein zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter der Politik, Verwaltung, Schulen und der am Bau beteiligten Unternehmen hat Bürgermeister Sven Schnieber die Neubauten am Schulcampus Meckenheim eingeweiht. In seiner Ansprache hob er die herausragende Bedeutung des Projektes hervor und dankte allen Akteurinnen und Akteuren für den gemeinsamen Erfolg.

Weiterlesen

achtung baustelle
834

Meckenheim. In Meckenheim wird die Verkehrsführung auf der A565, zwischen den Anschlussstellen Meckenheim-Merl und Bonn-Hardtberg, im Rahmen der laufenden Fahrbahnsanierung angepasst. Ab dem heutigen Freitag, dem 16. Oktober, steht im Baustellenbereich in Fahrtrichtung Koblenz nur noch ein Fahrstreifen zur Verfügung. Diese Maßnahme wird voraussichtlich bis zum 13. November andauern.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Los gehts! Die Ehrenamtlichen des foodsharing-Bezirks Mayen machen sich auf, die übrigen Lebensmittel der Lukasmarktstände vor dem Wegwurf zu bewahren.
806

Mayen. Wenn die Lichter des traditionellen Lukasmarkts ausgehen und das Abschlussfeuerwerk verklungen ist, beginnt für ein ganz besonderes Team die wichtigste Schicht. Auch in diesem Jahr – und damit bereits im vierten Jahr in Folge – waren die Ehrenamtlichen von **foodsharing Mayen** am Sonntagabend im Einsatz, um übrig gebliebene Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren.

Von foodsharing Mayen Lebensmittelrettung aus Mayen

Weiterlesen

Jürgen B. Hausmann (links) und Harald Classen begeisterten das Publikum in der Mendiger Laacher See-Halle.
1395

Jürgen B.Hausmann gastierte in der Laacher See-Halle

Der „dritte Anlauf“ passte

Mendig. „Wie das Leben so spielt…“ aus 27 Jahren Kabarett und fast 62 Jahren Leben: Geschichten zum Totlachen, zum Schmunzeln und zum gerührt sein. Jürgen B. Hausmann begeisterte das Publikum in der ausverkauften Laacher See-Halle mit einer kabarettistischen Retrospektive von 1964 bis heute.

Von Stefan Pauly aus Mendig

Weiterlesen