Allgemeine Berichte | 28.08.2021, 11:38 Uhr

Dirk Gemein aus Bad Bodendorf sammelte Spenden in Rekordhöhe - Doch auch Helfer zahlen angesichts der vielen Eindrücke einen Preis.

„Ich habe verdammt viel geweint“

125.000 Euro kamen für Flutbetroffene zusammen

Dirk Gemein im Flutgebiet. Foto: privat
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Kreis Ahrweiler. Dirk Gemein ist fix und fertig. Er sitzt im irgendwo im Flutgebiet auf einem alten, verdreckten Ledersessel. Wo der herkommt weiß keiner, er stand einfach da. Er hält sein verdrecktes Smartphone in der Hand und blickt mit müden Augen auf das Display. „125.00 Euro haben wir zusammen“, liest er ab. Dahinter steckt eine Menge Arbeit. Seit über 30 Tagen ist er im Hochwassergebiet unterwegs und verteilt Spenden. Im Hauptberuf ist der Bad Bodendorfer Achtsamkeitscoach. Und auch nach der Flut knüpfte Gemein an dieses Ziel an, das lautet: Die Menschen ein bisschen glücklicher machen. Der Familienvater bleibt dabei Realist: „Was wir im Ahrtal brauchen, ist Geld.“

Nach wenigen Tagen änderte Gemein seine Bewaffnung im Kampf gegen die Flutschäden. Statt Schippe und Gummistiefel in der Hand ging das Handy ans Ohr und sein Netzwerk wurde genutzt. Eigentlich hatten sich er und seine Unterstützer mit dem Spendenziel von 5.000 Euro ein ganz anderes Ziel gesetzt. Das wurde um ein Vielfaches getoppt. Und gefühlt hat Dirk Gemein an die 10.000 Mails erhalten. Anrufe gab´s ebenfalls im Minutentakt.

„Vergessen werden“ geht schnell

Vor allem Familien, die in der Flut alles verloren haben, sollen von dem Geld profitieren. „Insgesamt haben wir mehr 75 Familien unterstützt“, blickt auf die letzten sechs Wochen zurück. Durchschnittlich kamen 1560 Euro pro Familie zusammen. Viele hat Gemein selbst besucht, in ihren zerstörten Häusern. Bilder, die ihn noch lange begleiten werden und die Familien noch länger. „Viele Menschen sind traumatisiert von den schrecklichen Erlebnisse“, sagt er. Das ist für ihn obligatorisch. Er selbst hat seit der Flutnacht den Schock in den Knochen. Schockstarre an sich gab es aber keine – eher funktionierte man und das meist pausenlos, sagt er. Stattdessen ging es raus in die zerstörten Gebiete des Ahrtals. In der Hand einen Briefumschlag mit Bargeld. Denn der „einfache Dienstweg“ ist Gemein wichtig. Überweisungen sind zu umständlich, findet Gemein. Und nicht überall an der Ahr stehen die Geldautomaten noch. Für die Menschen gab es nicht nur Geld. Dem Coach war es außerdem wichtig, die Betroffenen in den Arm zu nehmen und „einfach mal zu quatschen.“ Spurlos ging das an ihm nicht vorbei. „Ich habe verdammt viel geweint.“ Aber der Ursprung seiner Motivation ist glasklar definiert: „Ich warte nicht gerne. Ich mache lieber einfach aus vollem Herzen heraus. Die Menschen hier haben ja auch keine Zeit zu warten“, sagt Gemein gegenüber BLICK aktuell. „Der Herbst steht vor der Tür und die Menschenbesitzen keine Heizung oder erst gar kein zu Hause mehr. Viele wissen nicht, wo sie wohnen sollen oder wie sie an einen Job kommen“, beschreibt er das Leid.

Und: „Die Geschichten, die ich nun mitbekomme, sind für mich das Schlimmste. Dann wenn Kinder zu den Großeltern oder Bekannten gegeben werden, weil die Eltern zurück in die Ruinen ihres Lebens müssen. Wenn ich mir als das Papa das vorstelle, nicht bei meinen Kindern sein zu könne, ist das für mich kaum zu ertragen.“ Und wieder fließen die Tränen bei dem Helfer aus Bad Bodendorf.

Warum er das macht, ist für ihn ganz einfach zu definieren. „Mich bewegen die Erzählungen der Menschen, die ich treffe. Das treibt mich an, einfach nicht aufzuhören. Jetzt, wo der Müll an manchen Stellen weg ist, ist der wichtigste Punkt, weiter zu machen. Denn das „vergessen werden“ geht schnell! Und warum ich das alles mache? Weil ich Menschen und meine Heimat liebe!“ Weitere Informationen unter www.dirkgemein.de/fluthilfeROB

Jede Spendenübergabe war eine emotionale Herausforderung. Foto: privat

Jede Spendenübergabe war eine emotionale Herausforderung. Foto: privat

Dirk Gemein im Flutgebiet. Foto: privat

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