Allgemeine Berichte | 07.08.2021, 19:41 Uhr

Die Firma Hilger im Niederzissener Gewerbegebiet ist Dreh- und Angelpunkt für Hochwasserhelfer aus der Kanalbranche

Anpacken für den Neuanfang im Ahrtal

Zeit für Auszeit: Monika Hilger und Björn Saemann im Helferpavillon. Foto: ROB
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Niederzissen. Wenn die Männer und Frauen nach erledigter Arbeit auf das Gelände der Firma Hilger in Niederzissen einbiegen, ist das ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Sicher, es ist nur ein zu Hause auf Zeit, aber Monika Hilger und ihr Team haben sich alle Mühe gegeben, das Areal so heimelig wie möglich gestalten und zwar mit allem was dazu gehört: Im Pavillon stehen Bierbänke, im Kühlwagen wartet eiskaltes Bier und in der improvisierten Feldküche dampft eine frische Kartoffelsuppe vor sich hin. Natürlich sind auch die Steak auf dem Grill beliebt. Aber das Wichtigste: Es bietet sich die  Möglichkeit zum Reden, insbesondere über das, was die Arbeiter heute gesehen haben. Und an intensiven Eindrücken mangelt es im zerstörten Ahrtal dieser Zeiten nicht. Diejenigen, die bei Hilgers bei Eintopf und Bier, Kuchen und Kaffee zusammensitzen, sind Mitarbeiter von Firmen aus der Kanalbranche. Insgesamt kamen 20 Firmen aus dem kompletten Bundesgebiet mit 50 Fahrzeugen und 200 Mitarbeitern um im Ahrtal anzupacken. „In der Kanalbranche hält man einfach zusammen“, sagt Monika Hilger. Die angereisten Kollegen erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie spülen Leitungen, setzten Rohrleitungen in Stand und checken mit der Kamera die Abflussrohre nach möglichen Defekten. Schließlich müssen die Rohre wieder funktionieren, wenn der nächste Regen kommt. Der Schlamm der Überflutungen packt sich in den Leitungen fest als wäre es Beton. Also war Anpacken angesagt. Morgens um 6 Uhr ziehen die Arbeiter ins Tal. Die Arbeit ist nicht nur körperlich herausfordernd, sondern auch psychisch. Einer der Männer, die die Abwasserleitungen wieder herstellen, ist Björn Saemann von KSM Umweltdienste. Saemann koordiniert die Einsätze gemeinsam mit Hilger und dem Ingenieurbüro Sven Kämpfer.

Saemann ist hochwassererprobt. Das Team seiner Firma in Bischofsheim war bereits in anderen Hochwassergebieten im Einsatz, in Dresden zum Beispiel. „Doch so etwas haben wir noch nicht gesehen“, sagt er. Die komplette Zerstörung, die vielen Toten – das setzt den Kanalarbeitern zu. „Nicht jeder ist dafür gemacht“, sagt Saemann. Das „Herunterkommen“ am Abend ist somit ein Muss. Die Gespräche untereinander sind wie eine kleine, akute Therapie, die hilft, die Eindrücke zu verarbeiten.

Hilger und Saemann organisieren im Gewerbegebiet praktisch alles. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten pendelten sich viele Abläufe aber schnell ein. Eine zentrale Aufgabe war es, Schlafmöglichkeiten zu schaffen. Manche der Mitarbeiter nächtigen im mitgebrachten Wohnmobil oder gleich im Lkw. Mittlerweile gibt es Wohncontainer, aber bis die erst einmal standen, musste hier und da improvisiert werden. Manche der Helfer schliefen auf Feldbetten in Hilgers Wohnzimmer. Egal, wo sich gebettet wird und wurde: Der Morgen ist jedoch stets der Gleiche. Es gibt frische Brötchen, Laugenstangen und – ganz wichtig – Kuchen zum Frühstück. Dafür sorgen befreundete Bäcker aus der Region.

Eine Perlenkette der Zerstörung

Improvisiert wirkt auch das Büro der Hilgerschen Hilfeunternehmung, das auf der Ladefläche eines LKW Platz gefunden habe. Hier stehen aneinander gereihte Laptops und permanent klingelnde Telefone. Trotz dieses ungewöhnlichen Ortes für ein Büro geht hier alles seinen geregelten Gang. Schließlich will alles Mögliche koordiniert und geplant werden. Ein großes Problem ist die zerstörte Infrastruktur, und insbesondere die kaputten Brücken. Die Kanalarbeiter müssen schließlich zu ihren Einsatzorten kommen, die wirklich überall im Ahrtal verteilt sind, von Schuld bis Sinzig. Zur besseren Übersicht pinnten die Büromitarbeiter eine Papierkarte des Ahrtals mit Reißzwecken an die Wand. Jede Brücke ist ein Punkt, die zerstörten Querungen sind rot gefärbt. Angesichts der massiven Zerstörung wirkt der Verlauf der Ahr an Hilgers Karte wie eine knallrote Perlenkette – kaum eine Brücke steht schließlich noch und die, die nicht fortgespült wurden, sind oft nicht befahrbar. „Die Planung der Einsätze ist mitunter recht schwierig,“ sagt Monika Hilger. Aber es wird besser, schiebt sie hinterher. Denn die Behelfsbrücken der Bundeswehr in Insul und Rech und die THW-Brücke in Bad Neuenahr macht die Koordination leichter.

Ein Versprechen für die Zukunft 

Seit über 14 Tagen besteht das Kanal-Camp im Gewerbegebiet. Und irgendwann werden die Helfer wieder abziehen. Doch Björn Saemann verspricht: „Wenn die Lage sich bessert und wir nicht mehr personell helfen können, unterstützen wir die Region so lange mit Geräten und Fahrzeugen, wie es nötig ist. Und auch Monika Hilger ist optimistisch: „Wir sind guter Hoffnung, den vielen gebeutelten Menschen hier an der Ahr weiterhin zu helfen, um bei dem Neuanfang beizutragen“, sagt sie.

ROB

Blick in da Büro, das auf einem LKW-Anhänger Platz gefunden hat. Foto: ROB

Blick in da Büro, das auf einem LKW-Anhänger Platz gefunden hat. Foto: ROB

In der Feldküche werden Speisen zubereitet. Foto: ROB

In der Feldküche werden Speisen zubereitet. Foto: ROB

Zeit für Auszeit: Monika Hilger und Björn Saemann im Helferpavillon. Foto: ROB

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