Politik | 17.08.2021

Odendorfer Bürger luden Gemeinderatsmitglieder ein

Wiederaufbau ist allein auf ehrenamtlicher Basis nicht zu schaffen

Kommunalpolitiker setzen Hoffnungen auf den Wiederaufbaubeauftragten des Landes

Bei der Bürgerversammlung, die das Helferteam um Kai Imsande (links) organisiert hatte, gab es Informationen und Stellungnahmen von Helfern sowie von Gemeinderatsmitgliedern. Foto: JOST

Odendorf. Vier Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe, die in Odendorf eine Spur der Verwüstung hinterließ, warteten die Betroffenen bislang vergeblich auf Gesprächsangebote von Seiten der Gemeindeverwaltung und von Kreis und Land. Deshalb nahmen die Bürger die Sache jetzt selbst in die Hand. Auf Initiative von Kai Imsande, dem Kopf der unermüdlichen Helfergruppe rund um den Zehnthof, luden die Flutopfer alle Mitglieder des Swisttaler Gemeinderates zu einem „Bürgergespräch“ auf den Zehnthofplatz ein. In einem zweistündigen Gedankenaustausch wurde vor allem klar, dass die Wiederaufbauarbeit gerade erst begonnen habe und „die Politik so langsam aus dem Quark kommen muss“, denn allein auf ehrenamtlicher Basis sei das auf keinen Fall zu schaffen.

Etwa 100 Betroffene und ein Dutzend Ratsmitglieder waren der Einladung gefolgt und erfuhren zunächst eine Zusammenfassung der aktuellen Situation. „Die Helfergruppe vom Zehnthofplatz ist für euch da und hilft euch bei allem, was ihr braucht – und wenn es nur eine Schulter zum Anlehnen und zum Festhalten ist“, versicherte gleich zu Beginn Choo Berger, von vielen als das „Herz der Bewegung“ angesehen. „Wir werden so lange weitermachen, wie wir können.“ Allerdings könne die Helfergruppe auch nicht alles leisten und vermittle daher die Hilfesuchenden mitunter auch an weitere Institutionen und Organisationen, bis hin zur Seelsorge. „Wir bitten euch, das auch anzunehmen“, wünschte sich Choo die Bereitschaft, sich auch wirklich helfen zu lassen.

Spontan zur Hilfe entschlossen

Genau wie Choo und Kai Imsande war auch Alexander Nasaruk zufällig zur Helfertruppe gestoßen und hatte sich dann spontan dazu entschlossen, ein tragender Teil des Helferteams zu werden. Alles habe damit angefangen, dass der Glasfaserbauunternehmer den Organisatoren einige Geräte aus seinem Fuhrpark zur Verfügung gestellt habe, um dann selbst vor Ort mitzuhelfen. „Ich habe klein angefangen und zuerst Schlamm aus einem Garten gezogen, heute bin ich der Koordinator für alle Baustellen in den Häusern.“ Insgesamt hätten sich bereits weit über 2500 freiwillige Helfer eingebracht, um die bis zu 20 Baumaßnahmen, die gleichzeitig im Ort laufen, voranzubringen. „Wir sind ein großartiges Team, alle liegen auf einer Wellenlänge – es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Menschen in so einem schweren Moment zusammenfinden“, fand er, dass mittlerweile die positiven Seiten all das Negative überstiegen. Vor allem der Einsatz des weiblichen Geschlechtes bei wirklich schwerer körperlicher Arbeit habe finde seine Bewunderung: „Sie erinnern mich an die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg, denn ihnen ist keine Arbeit zu schwer und sie packen einfach an, wo die Not am größten ist.“

Leider sei mittlerweile fast alle Hilfsorganisationen abgezogen worden, bedauerte Imsande. Immerhin sei die Bundeswehr am Tag zuvor nach Odendorf zurückgekehrt, „worüber wir unheimlich glücklich sind.“ Dieses Vakuum müsse schnellstens wieder gefüllt werden, „aber das geht nicht nur mit Ehrenamtlern!“ Deshalb sei jetzt die Politik gefragt, für hauptamtliche Unterstützung des Wiederaufbaus in Odendorf zu sorgen. Er kritisierte zudem, die Kommunikation der Betroffenen so Kreis, Land und Bund sei bislang so gut wie gar nicht vorhanden, „deshalb muss das Miteinander-Reden jetzt endlich anfangen.“ Und bei alledem dürfe man auf keinen Fall vergessen, die Menschen selbst wieder aufzubauen, die zum Teil alles verloren hätten und vielleicht für sich keine Perspektive mehr sähen. Dafür müsse das derzeitige Miteinander unbedingt mitgenommen werden in die Zukunft des Dorfes.

Nichtgesehenwerden ist eine Kränkung

Enttäuscht von den Reaktionen einiger Ämter und Behörden war die Ortsausschussvorsitzende Dr. Arletta-Marie Kösling. „Ich empfinde es als Kränkung, dass wir nicht gesehen werden in unserem Elend“, klagte sie. Zudem habe die Gemeinde Formulare für die Hochwasserhilfe ausgegeben, die selbst sie als promovierter Verwaltungsjuristin nicht verstehe und die auf so gut wie keinen Fall in Odendorf zuträfen. Es brauche aber einfache und unkomplizierte Lösungen, damit die Betroffenen endlich finanzielle Hilfe erhalten könnten. An die „Aktion Deutschland hilft“ appellierte sie: „Wir brauchen euer Geld jetzt, und zwar viel“, rief sie unter dem Beifall der Zuhörer. Auf der anderen Seite finde sie es erstaunlich, was im Hintergrund alles geleistet werde von ehrenamtlichen Helfern. „Da gibt es so viele Heldengeschichten, die man alle einmal zusammenfassen müsste.“

Anschließend machte Raimund Bayer aus Odendorf deutlich, dass bei einem eventuellen Wiederaufbau der Hochwasserschutz unbedingt mitgedacht werden müsse. „Nicht das das gleiche nachher noch einmal passiert und man erneut alles verliert.“ Zwar müsse sich jeder selbst um den Hochwasserschutz für seine Gebäude kümmern, doch auch die Kommunalpolitik müsse dringend aktiv werden. „Denn in der Vergangenheit wurde in Hochwasserschutzgebiete hinein gebaut, das kann nicht so weitergehen.“ Mit der Suche nach Lösungen und Hochwasserschutzkonzepten seien jedoch die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker auf Gemeindeebene überfordert, hier benötige man Hilfe von Experten aus Bund und Land. Auch am Orbach müsse etwas passieren, wobei auch Bayer zugab: „Dort würde ich mein Haus nicht wieder aufbauen.“

Schulterschluss im Gemeinderat

Die beiden Odendorfer Gemeinderatsmitglieder Sven Kraatz (Grüne) und Hanns Christian Wagner (CDU) stellten klar, dass in dieser Situation Parteipolitik hintanstehen müsse und alle im Rat vertretenen Fraktionen im Schulterschluss dazu beitragen wollten, die Situation zu meistern: „Wir können es nur gemeinsam schaffen.“ Ohnehin seien viele der ehrenamtlich tätigen Ratsmitglieder ebenso von der Flut betroffen wie die Bürger selbst. Außerdem sei man übereingekommen, diesmal keinen Bundestagswahlkampf in der Gemeinde auszutragen und die Kraft und die Ressourcen stattdessen zur Bewältigung der Flutkatastrophe einzusetzen.

„Die entscheidende Dinge liegen vor uns“, sagte Wagner, der Gemeinderat werde alle noch laufenden Planungen noch einmal hinsichtlich der Bedeutung für den Hochwasserschutz auf den Prüfstand stellen. Er macht allerdings auch klar, dass man die aktuelle Flutkatastrophe nicht als Basis der Planungen nehmen könne, denn dabei habe es sich um die vierfache Menge eines tausendjährigen Hochwassers gehandelt. Ohnehin könne die Gemeinde gar nicht alles steuern, und das sei auch gar nicht ihre Aufgabe, ergänzte Kraatz: „Wir können nicht selbst ein Hochwasserschutzkonzept erarbeiten, dafür brauchen wir Hilfe von außen. Aber wir können auf keinen Fall weitermachen wie bisher, sondern müssen jeden Stein umdrehen.“

80 bis 100 Prozent der Schäden werden übernommen

Große Hoffnungen setze der Rat auf den Wiederaufbaubeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, so Wagner weiter. Dr. Fritz Jaeckel sei ein profilierter Krisenmanager, der dank seiner umfassenden Erfahrungen aus der Bewältigung der großen Hochwasserkatastrophen von 2002 und 2013 in Sachsen genau wisse, was in einer solchen Situation jetzt zu tun sei. Ohnehin habe die Bundesregierung den Aufbau eines nationalen Fonds „Aufbauhilfe 2021“ mit 30 Milliarden Euro beschlossen, woraus 80 bis 100 Prozent der durch die Katastrophe entstandenen Schäden übernommen werden sollen. Dennoch werde es sicherlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis der Wiederaufbau geschafft sei – „ich hoffe, dass wir es schaffen.“

JOST

Bei der Bürgerversammlung, die das Helferteam um Kai Imsande (links) organisiert hatte, gab es Informationen und Stellungnahmen von Helfern sowie von Gemeinderatsmitgliedern. Foto: JOST Foto: Volker Jost

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