Allgemeine Berichte | 17.12.2021, 16:45 Uhr

Eine Liebeserklärung an das Ahrtal

„Ganz tief ins Herz“

von Daniel Robbel

Das Ahrtal im Winter. Foto: Kai Schneiders / www.kaischneiders.de
786

Kreis Ahrweiler. Daniel Robbel ist stlv. Chefredakteur der Heimatzeitung BLICK aktuell, aber auch Buchautor. Unmittelbar nach der Flutkatastrophe des 15. Juli schrieb der Ahrtaler auf Bitte des Rotary Magazins seine Gedanken über seine zerstörte Heimat nieder. Entstanden ist eine Liebesklärung an das Ahrtal.

„Das Ahrtal hat mich ins Herz getroffen. Ich bin hier aufgewachsen, ging hier zur Schule, lebe und arbeite hier. Es ist also keinesfalls übertrieben, von Liebe zu sprechen. Jeder, der einmal verliebt war, weiß, dass ein Streit erst ein richtiger Streit wird, wenn Liebe im Spiel ist. Nicht nur einmal haben mich die engen, kurvigen Straßen zur Verzweiflung getrieben. Auch die rustikale, direkte Art der Ahrtaler kann ungemein anstrengend sein. Doch diese Gefühle währen nur Sekunden. Denn das Drumherum der kleinen Landstraßen bietet atemberaubende Schönheit. Und nach jedem Grollen im Gemüt der Einheimischen, kommt sie wieder durch, diese allumfassende Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit.

Ja, das Ahrtal ist eine Region für das Herz und alle Sinne. Jedem, der die Ahr, diesen besonderen Fluss im Norden von Rheinland-Pfalz, besucht, sei geraten, an einer beliebigen Stelle anzuhalten, die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Die Gerüche könnten nicht vielfältiger sein. Es ist der süß-saure und betörende Duft der Weinberge. Und dann ist da noch dieser ganz besondere Geruch, der entsteht, wenn eiskaltes Wasser im Sommer auf heißen Schiefer trifft. Auf den 85 Kilometern vom Ursprung bis zur Mündung in den Rhein hat dessen wilde Tochter, wie die Ahr gerne bezeichnet wird, zahlreiche solcher Eindrücke zu bieten. Nasses Laub, verbranntes Holz, auf dem Boden trocknender Rotwein. So duftet die Ahr.

Und dann hätten wir noch das Auge. Zwischen Blankenheim und Sinzig dominiert das Grün, idealerweise unter strahlend blauem Himmel. Es gibt eine Menge Natur, und Wanderfreunde kommen auf ihre Kosten. Doch die echten Hingucker sind die Weindörfer. Durchaus recht patiniert stehen sie da und erzählen mit ihren uralten Fachwerkhäusern Geschichten von alten Zeiten, von Pracht und Katastrophen, von Krieg und von Frieden. Schnörkellose Handwerkskunst trifft auf gnadenlosen Kitsch. Mal ganz rustikal, mal topmodern sehen die Parkplätze der Straußenwirtschaften der Weingüter aus. Dort steht ein Elektroauto neben einer Pferdekutsche. Oder gar einem Bollerwagen, zumeist wenn Vatertag ist und die Ahrtaler Papas gemeinsam über die Wege ziehen. Der Gegenstand der Begierde der Besuchenden ist immer der Gleiche: der Wein. So wären wir bei Sinn Nummer drei, dem Geschmack. Die Ahr ist eine Region voller Genuss. Es gibt fantastische Rotweine, die die Ahr im ganzen Land bekannt machten. Doch immer mehr geraten erstklassige Weißweine in den Vordergrund. Riskant wäre es, sich nur ein Glas Wasser zu bestellen. Der geneigte Besucher sollte sich nicht wundern, wenn der Wirt oder Winzer fragt, ob man noch Handtuch und Seife dazu haben möchte. So ist man hier eben.

Spritzige Getränke wie Blanc de Noir oder Riesling sind ideale Begleiter in einer lauen Sommernacht mit leiser Musik – das Ohr wollen wir ja nicht vergessen. Aber das Geschmackserlebnis hier, das überwiegt. In unserem Tal wachsen pralle Oliven, es gedeihen edle Trüffel, auf dem Grillrost brät die Rotweinkrakauer, eine absolute Spezialität. Die rustikale Gastronomie wird von Sterneküche gekrönt. Die Ortschaften Heppingen und Sinzig sind die Heimat ausgezeichneter Spitzenköche – das Buffet ist also immer reich gedeckt. Ganz egal, ob mit Reibekuchen oder Rinderfilet.

Gut – das Ahrtal ist also eine tolle Region. Die Natur ist schön, die Landschaft sowieso und der Wein schmeckt. Aber wie war das mit der Liebe? Die Quintessenz sind die Menschen. Stellen Sie sich noch einmal die laue Sommernacht vor, die mit dem Blanc de Noir. Stellen Sie sich die Inhaberin eines Hotels vor, die schon vor 20 Jahren das Rentenalter erreicht hat und einen Teufel tun würde, Sie schon um Mitternacht aus der Weinstube zu scheuchen. Stellen Sie sich einen Winzer vor, der sich dazusetzt und noch eine Flasche Spätburgunder aufzieht, obwohl der Wecker in nur fünf Stunden klingelt. Und manchmal, wenn das Glück stimmt, wird das Akkordeon entstaubt. Stellen Sie sich Handwerker vor, die Ihnen nach zwölf Stunden Schwerstarbeit am Straßenrand ihr Abendbrot – eine hausgemachte Mettwurst und Sauerteigbrot – anbieten, nur weil sie etwas Schönes teilen möchten.

All diese Szenen haben etwas gemeinsam. Sie enden. Und ein neuer Morgen im Ahrtal beginnt. Oftmals bleiben zwei Spuren davon zurück: Ein schwerer Kopf und ein Herz voller Liebe.

Gerade steht es nicht gut um das Ahrtal.

Die große Flutkatastrophe Mitte Juli hat fast alles zerstört, Leid und Trauer regieren.

Doch wir kleben ein Pflaster auf den Riss im Herzen und fangen wieder neu an, für eine neue Zukunft an der Ahr.

Wir bauen auf.

Wenn das Ahrtal wieder steht, kommen Sie zu uns.

Wir freuen uns auf Sie.“

Mit freundliche Genehmigung der Rotary Verlags GmbH

Link zum Original-Beitrag:

https://rotary.de/gesellschaft/ganz-tief-ins-herz-a-18507.html

Das Ahrtal im Winter. Foto: Kai Schneiders / www.kaischneiders.de

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis – inkl. E-Paper
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Innovatives aus der VG Weißenthurm
Imageanzeige
Vorabrechnung, Nr. AF2026.000438.0, Oktober 2026
Innovatives aus Weißenthurm
Titel-Anzeige
Zukunft trifft Tradition KW 42
Angebotsanzeige (Oktober)
Empfohlene Artikel
Foto: Meckenheimer Prinzen Club 1991 e.V.
0

Meckenheim. „Meckem Alaaf you!“ Unter diesem Motto freut sich der Meckenheimer Prinzen Club 1991 e.V., das Meckenheimer Kinderprinzenpaar der Session 2026/2027 vorzustellen. Prinz Elias I. und seine Kinderprinzessin Aimee I. werden in den kommenden Monaten im blau-goldenen Ornat unterwegs sein. Eine Botschaft liegt den beiden dabei besonders am Herzen: „Meckem Alaaf you!“

Weiterlesen

Für die Astrid-Lindgren-Schule ist das Siegel eine besondere Anerkennung. Foto: VG Bad Hönningen:
30

Rheinbrohl. Wie wird Mathematik für Kinder verständlich, spannend und lebendig? Wie gelingt es, dass sie nicht nur rechnen, sondern mathematische Zusammenhänge wirklich begreifen und eigene Lösungswege entdecken? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Astrid-Lindgren-Schule Rheinbrohl intensiv – und das mit Erfolg: Sie gehört zu den ersten zehn Grundschulen in Rheinland-Pfalz, die mit dem QuaMath-RP-Schulsiegel ausgezeichnet wurden.

Weiterlesen

84

Lantershofen. Bald steht in Lantershofen wieder das große Oktoberfest an, welches die Bürgervereinigung alljährlich anlässlich der Ursulakirmes veranstaltet. Doch in diesem Jahr wird es zum 75-jährigen Jubiläum der Bürgervereinigung einige Neuerungen und zusätzliche Angebote geben. Die Hauptveranstaltung am Samstag, den 24.10. startet dieses Jahr bereits um 18 Uhr im festlich geschmückten Saal des Winzervereins mit Bierzeltatmosphäre.

Weiterlesen

Weitere Artikel