Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Besuch in Ahrweiler

Steinmeier zu Besuch im Ahrtal: „Wir werden euch nicht vergessen!“

11.10.2021 - 08:42

Ahrweiler. „Das Ausmaß der Zerstörung wird erst klar, wenn man in Ahrweiler durch die Straßen geht, einen Blick in die Häuser wirft und mit den Leuten spricht“, zeigte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag erschüttert über das Leid, das die Starkregenkatastrophe in der Nacht zum 15. Juli über die Rotweinmetropole gebracht hatte. Bei einem Rundgang gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen stellvertretenden Ministerpräsidentin Anne Spiegel (Grüne), dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz, dem Ersten Kreisbeigeordneten Horst Gies (CDU) und dem Ersten Beigeordneten der Kreisstadt, Peter Diewald (CDU), durch die historische Altstadt von Ahrweiler, die durch die Flutwelle fast komplett zerstört worden ist, wurde dem Staatsoberhaupt vor Augen geführt, dass auch fast drei Monate nach der Flutkatastrophe noch längst keine Normalität eingekehrt ist.


„Die Kameras sind weg aus Ahrweiler und von der Ahr, aber das Unglück ist immer noch da“, sagte Steinmeier im Anschluss an seinen Rundgang vor dem Obertor. Die Trauer über die Toten, über den Verlust von Haus und Hof, von Hab und Gut und von den Dingen, die einem wichtig seien, sei nach wie vor spürbar. Deshalb sei es wichtig, dass man immer wieder an die Situation hier erinnere und den Betroffenen Mut mache. Steinmeier versicherte den Menschen in der Region: „Wir werden euch nicht vergessen!“

Dankbarkeit über die Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer

Aus Gesprächen, die er mit den Bewohnern geführt habe, nehme er aber noch etwas anderes mit. In dem Gefühl des Unglücks herrsche viel Dankbarkeit über die Hilfe, die den Menschen hier zuteilgeworden sei. Zunächst von Nachbarn, Freunden und Bekannten, mehr und mehr dann aber auch von Menschen, die von weit herkamen, von Fremden, die hier in der Not zu Freunden geworden seien. „Wenn wir heute an einem sonnigen Tag durch Ahrweiler gehen, ist die Erinnerung an den Tod überhaupt nicht verblasst. Aber es wird deutlich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt bis zum Wiederaufbau all dessen, was zerstört worden ist.“ Das verlange Geduld und viel Kraft von den Menschen, die im bevorstehenden Winter ihre Häuser gar nicht bewohnen könnten, in Behelfswohnungen oder bei Freunden unterkommen müssten. Der Dank an die zahlreichen Helfer verband er mit der Bitte, auch in Zukunft nicht nachzulassen und den Menschen an der Ahr weiterhin zur Seite zu stehen.

Sein Besuch in der Kreisstadt startete jedoch an einem Zeichen der Hoffnung, nämlich der vom Technischen Hilfswerk errichteten Behelfsbrücke über die Ahr vor dem Ahrtor, die den nördlichen Teil der Stadt mit dem südlichen Teil wieder verbindet. Die eigentliche Ahrtorbrücke war bekanntlich in der Nacht vom 14. zum 15. Juli durch die Wucht der Wassermassen, die nach tagelangem extremem Starkregen die Ahr in einen reißenden Strom nie gekannten Ausmaßes verwandelt hatte, zerborsten.


Bitte um Unterstützungfür „Zeliha’s Treff“


Dort bat ihn auch Zeliha Atac um Gehör, die selbst betroffen ist vom Hochwasser und dennoch ehrenamtlich in „Zeliha’s Treff“ auf dem Gelände der KBM-Mercedes-Werkstatt täglich etwa 1000 Menschen versorgt. Doch da gebe es jetzt leider Probleme, bat sie das Staatsoberhaupt um Beistand. „Wir haben Leid und Schmerz in unseren Seelen, wir leben nicht mehr, unsere Herzen bluten.“ Sie biete in den auf Spendenmitteln errichteten Versorgungszelten den betroffenen Mitbürgern einen Anlaufpunkt, an dem es nicht nur etwas zu essen gebe, sondern auch helfende Gespräche und Unterstützung aller Art. Doch nun habe die Stadt sie aufgefordert, die Zelte abzubauen. Das wäre insbesondere für die älteren Mitbürger ein herber Schlag. Steinmeier solle sich auf ihre Seite stellen. „Ihre Botschaft ist bei mir angekommen und ich bin sicher, dass die Stadt das Gespräch mit ihnen suchen wird und eine angemessene Versorgung derjenigen, die noch Not leiden, gewähren wird“, antwortete er mit Seitenblick auf den Stadtbeigeordneten Diewald.

Der Weg des Bundespräsidenten führte weiter durch das Ahrtor hindurch und durch die Ahrhutstraße zum Marktplatz, vorbei an beschädigten Häusern und Geschäften, aber auch an Plakaten mit der Aufschrift: „Wir machen weiter!“ oder „1000 Dank an die Helfer“. Auf dem Marktplatz suchte Steinmeier spontan den Stand der privaten Initiative „Heute für morgen“ und sprach mit der ehrenamtlichen Helferin Tamara Segers aus Havixbeck bei Münster, die dort mit ihrem Mann und Freunden einen ständigen Anlaufpunkt für praktische Hilfe und Gespräche bei Kaffee und Kuchen eingerichtet hat. Sie habe sich über das unerwartete Gespräch mit Steinmeier gefreut, sagte sie. „Den Menschen hier ist es wichtig, dass sie nicht vergessen werden.“ Im benachbarten Pfarrbüro der Kirchengemeinde St. Laurentius traf sich der Bundespräsident mit zwei Ehepaaren, die in der Flut Angehörige verloren haben.


Hoffnung auf dieRückkehr der Touristen


Auf dem weiteren Weg erfuhr er von Wolfgang Huste, dessen Antiquariat in Ahrweiler von der Flut zerstört wurde, dass er zusammen mit seiner Partnerin Marion Morassi an einem Stand an der Behelfsbrücke hilft, wo Lebensmittel und Kleidung ausgegeben werden. Er hoffe auf die Rückkehr der Touristen, die vor der Katastrophe 80 Prozent zu seinem Umsatz beigetragen hätten. Mit der erhofften Unterstützung aus Bundesmitteln will er neue Regale und Vitrinen kaufen und hoffentlich im März oder April wieder in den Laden zurückkehren.

Von Vorwürfen habe er relativ wenig gehört, bemerkte Steinmeier im Anschluss an seinen Rundgang vor dem Obertor. Die Trauer stehe bei den Menschen im Vordergrund, aber auch der Versuch, den Alltag in einer Ausnahmesituation zu bewältigen. Allerdings sei das System der Katastrophenwarnung das eine oder andere Mal ein Thema gewesen, „die Leute hätten sich gewünscht, dass die Warnungen früher gekommen wären.“ Mit Blick auf die bevorstehenden Winter hoffe er, dass es wenigstens provisorische Lösungen für alle gebe, die noch ohne Heizung und Stromversorgung seien. „Aber niemand kann kurzfristigen Lösungen versprechen, wenn man ehrlich ist. Es wird in der nächsten Zeit noch viel provisorische Lösungen geben müssen.“


Erste Signal der Hoffnung zu spüren


Die stellvertretende rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) sah den Besuch des Bundespräsidenten im Ahrtal als sehr wichtiges Signal, das Trost spende und Mut mache. „Die Narben sind noch da, es ist unfassbares Leid über die Region hereingebrochen, doch gleichzeitig spürt man erste Signale der Hoffnung.“ Das habe hauptsächlich mit den vielen ehrenamtlichen Helfern zu tun, die hier im Ahrtal unermüdlich im Einsatz seien, aufräumten und den Menschen zur Seite stünden. Die Landesregierung stehe ebenfalls fest an der Seite der Kommunen und der Menschen vor Ort und werden alles tun, damit die Hilfe so schnell und unbürokratisch wie möglich bei den Betroffenen ankomme. Bislang seien schon mehr als 8300 Anträge gestellt worden.

JOST

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12.10.2021 01:26 Uhr
juergen mueller

Man wiederholt sich.
Auch ein Steinmeier plaziert seine Worte in ein vorgegebenes Shema, das sich andauernd wiederholt, dem Anlass entsprechend in Wort und Ton angepasst.
Politik lebt davon, sich jedem Szenario mit entsprechenden Worten anzupassen, die dem Zeoitpunkt entsprechen.
Wer mehr erwartet, ist fern jeder Realität.
Politik ist ein Anpassungsmonstrum ohne jegliche Wahrheit und Ehrlichkeit, ein Machtzentrum, in dem Wahrheit nur eine untergeordnete Rolle spielt, ein Spielfeld, in dem jeder sich nach seinem Gutdünken seiner politischen Spielleidenschaft hingeben kann.
Eine neue Regierungsbildung, auf die der Wähler ohnehin keinen Einfluss hat, WER welchen Ministerposten bekommt, ist für einen Wahlentscheid von untergeordneter Bedeutung.
Letzten Endes geht es immer nur darum, das Amt mit erkauftem Wissen ausüben zu können.
Ohne externes, teuer mit Steuergeldern erkauftes Wissen geht in der Politik NICHTS.



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Mathias Heeb:
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K. Schmidt:
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