Allgemeine Berichte | 27.08.2021, 08:53 Uhr

Ulrich Stieber ist Ortsvorsteher von Bachem, durchlebte in der Flutnacht lebensbedrohliche Situationen, wurde beschimpft und vor allem: Nicht gewarnt

„Es gab keine Warnung vor der Flut!“

Das Bachemer Ahrufer gleicht einem Trümmerfeld. Foto: ROB

Das Bachemer Ahrufer gleicht einem Trümmerfeld. Foto: ROB

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Bachem. Eigentlich ist alles wie immer: Auf dem Grill brutzeln ein paar Rostbratwürstchen, die Blaskapelle spielt flotte Musik, dort gleich am Bachemer Backes, das dem kleinen Weinörtchen als Dorfmuseum dient. In Bachem ist Helferfest, für all jene, die nach der Flutnacht mit anpackten, Schlamm schippten oder als wichtiges Glied in der jetzt schon legendären Eimerkette dienten. Ulrich Stieber, Ortsvorsteher des Stadtteils von Bad Neuenahr-Ahrweiler südlich der Ahr, stellt den hungrigen Besuchern vor dem Grill eine schwierige Aufgabe: „Rinds-, Schweins- oder gar Hähnchenwurst?“ Nach der Wahl landet die Leckerei im Brötchen. Natürlich umsonst, denn das Grillgut ist gespendet. Ziel ist es, die durch die Flut geschundenen Menschen satt zu machen, Cola, Bier und Wein gibt’s dazu. Man soll einen guten Tag haben, die Sonne scheint und irgendwie ist alles gut.

Aber die Tage bis hierhin waren ganz und gar nicht gut. Das Dorf hat zwei Tote zu beklagen. Stieber, den hier alle eigentlich nur Uli nennen, ist ein Optimist, jemand der anpackt. Doch die Flut ging nicht an ihm vorbei. Mittlerweile trägt er einen Vollbart, „einfach so“, wie er sagt und wie alle an der Ahr ist er ziemlich müde. Und seine Erfahrungen der Flutnacht gleichen einem Schauermärchen. Als das Wasser stieg, fuhr der Ortsvorsteher noch zu Freunden nach Ahrweiler, genauer in die Ahrallee. Dort schlug das Wasser mit voller Wucht zu. Das wusste aber zu diesem Zeitpunkt niemand. „Wurdet ihr nicht gewarnt?“, will einer von auswärts beim Fest wissen. „Irgendjemand hat mal irgendwo eine leise Durchsage gehört,“ sagt der Stadtteilchef. Kurz: „Nein, wir wurden nicht gewarnt“. Und die berühmte NINA-Warn-App? „Da kam nichts“, sagt er.

„Halt´s Maul, wir wollen schlafen!“

Somit machte sich Stieber in der Flutnacht auch wenig Gedanken um sein eigenes Leben, als er noch nachts zu Freunden fuhr – und dies mit dem eigenen Auto. Als das Wasser weiter stieg, setzte er sich in sein Fahrzeug. Und genau dann kam die vielzitierte Welle. Das Auto quittierte den Dienst und dann ging alles ganz schnell. Stieber verließ sein Auto und wurde fortgerissen. Das meterhohe Wasser trug ihn bis nach Hemmessen, einem historischen Ortteil von Bad Neuenahr. Dort bekam er eine Straßenlaterne zu greifen und klammerte sich mit aller Kraft daran. Die Feuerwehr kam, „bis auf fünf Meter ran“, erinnert er sich. Doch dann mussten die Wehrleute abbrechen. Die Gefahr für die Helfer war zu diesem Zeitpunkt bereits zu groß. „Halten Sie durch“, riefen Sie. „Wir kommen bald wieder.“ Doch Uli Stieber hielt nicht durch. Die Kraft ließ nach, die Strömung war zu stark. Zum Glück trieb er auf eine Zapfsäule der gegenüberliegenden Tankstelle zu. Er kletterte hinauf und tat das, was wohl jeder machen würde: Aus Leibeskräften nach Hilfe schreien. Gegenüber öffnete sich ein Fenster. „Halt´s Maul, wir wollen schlafen!“, rief jemand dem verängstigten Mann zu. „Das vergesse ich niemals“, sagt er. Dass der Bachemer nicht von Treibgut zerquetscht wurde, gleicht einem Wunder.Uli Stieber wurde gerettet. Das DLRG Andernach kam am Morgen mit einem Schlauchboot an der Tankstelle vorbei. Der Bachemer wurde in eine Notunterkunft gebracht, nach Heimersheim, und bekam dort neue Kleidung: Ein weißer Bademantel und weiße Schlappen. „Ich sah aus wie in einem Wellness-Urlaub!“. Uli Stieber hat das Lachen nicht verlernt.

Als er zurück in seinem Heimatort kam, stellte er fest, dass eine eigentümliche Stille herrschte. Offizielle Hilfe gab es keine, außer von der Feuerwehr Ahrweiler, die aber auch eigene Probleme hatte. Die Feuerwache an der Friedrichstraße ist selbst komplett abgesoffen. Immerhin wurden Tanks mit Trinkwasser in den Ort gebracht. „Die Dorfgemeinschaft hat sich selbst geholfen“, sagt er. Ein Bachemer hat eine Ladestation für Handys organisiert, andere kochten für die Leute im Dorf. Andere hatten einfach nur ein offenes Ohr. Das ist wichtig, weiß Stieber, denn die psychischen Auswirkungen sind gravierend. Uli Stieber kennt das. Als die benachbarte, stark beschädigte Brücke von Bachem mit Presslufthämmern eingerissen wurde, machte das ein ganz spezifisches Geräusch. „Das ging immer nur „Bopp. Bopp. Bopp.“, den ganzen Tag. Stieber betont die langen Pausen zwischen den Schlägen der Hämmer. Und als der Ortsvorsteher nachts im Bett lag, hörte er es immer noch, das „Bopp. Bopp. Bopp.“. Aber die Arbeiter hatten schon lange Feierabend.

Die Auswirkungen der Flut sind gravierend. Und die Arbeit des Krisenstabs von Kreis und ADD? „Davon haben wir nichts gemerkt“. Zu Landrat Dr. Jürgen Pföhler hat Stieber eine Meinung. „Herr Pföhler ist ein gut bezahlter, hoher Politiker, der seiner Aufgabe nicht gerecht wurde.“ Stattdessen wurde wieder „unter dem Radar“ gearbeitet. Heißt: Man hilft sich selbst. Einen Satz, den Guido Orthen prägte, Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Und auch in Bachem wurde unter dem Radar angepackt. „Wir sind hier zusammengewachsen!“, sagt Stieber nicht ohne Stolz. Aber in der Zukunft muss sich etwas ändern. Es benötigt wieder sinnvolle Frühwarnsysteme. Sirenen zum Beispiel. „Die Menschen müssen doch wissen, wenn etwas passiert!“. Dann hätten die Toten verhindert werden können, auch in Bachem. Und trotz allem: Stieber bleibt Optimist. „Uns hat es ja noch vergleichsweise gut erwischt“, sagt er. Das ist richtig. Denn Bachem liegt geografisch zumindest teilweise erhöht und die Bilanz in anderen Ahrdörfern und Städten sieht bedeutend schlimmer aus.

rob

Das Bachemer Ahrufer gleicht einem Trümmerfeld. Foto: ROB

Das Bachemer Ahrufer gleicht einem Trümmerfeld. Foto: ROB

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