Menschen mit Behinderung aus Heinrich-Haus tauschten für einen Tag ihren Arbeitsplatz mit Arbeitnehmern aus der Region

„Schichtwechsel“ war ein großer Erfolg

28.09.2022 - 11:07

Neuwied. Als Tülay Cosar am Donnerstagmorgen ihren Dienst in Zimmer 142 der Stadtverwaltung Neuwied antritt, ist sie ganz schön aufgeregt. „Ich muss hier eine Power-Point-Präsentation erstellen. Das ist aber gar nicht so schwer, wie ich dachte“, lautet ihr erleichtertes Zwischenfazit am späten Vormittag.

Sabrina Kagelmann aus dem Amt für Schule und Sport, die Frau Cosar begleitet, ist auch zufrieden: „Es klappt gut. Wir verstehen uns“, sagt die erfahrene Mitarbeiterin, die sich nicht nur für einen Tag bereit erklärt hat, der Werkstattbeschäftigten aus dem Heinrich-Haus einige Bereiche der Verwaltungsarbeit zu erklären, sondern sich auch vorab informierte, was beim Schichtwechsel auf sie zu kommt und wie sie Tülay Cosar, die normalerweise in der Werkstatt an der Coloniastraße in Engers jeden Tag in einem geschützten Rahmen ihrer gewohnten Tätigkeit nachgeht, am besten unterstützen kann. Dass der Kontakt nach einem Arbeitstag nicht unbedingt abbrechen muss, steht schnell im Raum. Vorurteile abbauen, Perspektiven schaffen: Das ist Ziel des Schichtwechsels, der erstmals im Heinrich-Haus auf dem Programm stand. Bei der bundesweiten Aktion tauschten acht Werkstattbeschäftigte aus dem Heinrich-Haus Neuwied und St. Katharinen für einen Tag ihren Arbeitsplatz mit Arbeitnehmern aus der Region. „Wir möchten den Unternehmen zeigen, welches Potenzial in den Menschen steckt, die jeden Tag in einer unserer Werkstätten arbeiten“, erklärt Christiane Kahlert vom Integrationsmanagement des Heinrich-Hauses.


Bürgermeister mit dabei


Gleichzeitig sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Firmen eingeladen, das Sozialunternehmen mit all seinen Facetten vor Ort kennenzulernen. Ein Perspektivwechsel, von dem beide Seiten profitieren – das kann auch Peter Jung direkt bestätigen: „Beeindruckend zu sehen, was hier jeden Tag geleistet wird. Es wäre schön, wenn das zu noch mehr und langfristigen Kooperationen mit Unternehmen aus Neuwied und Umgebung führen wird“, so der Bürgermeister. Im „Tausch“ mit Tülay Cosar und Konrad Ante, der Silke Jebali im Bürgerbüro der Stadt über die Schulter blickt, ist Peter Jung für einen Tag in die Mittelrhein-Logistik des Heinrich-Hauses gewechselt. Hier lernt er die Bereiche Verpackung, Montage und Lagerlogistik kennen und muss gleich mit anpacken.

Waren verpacken, etikettieren und eine kleine Einführung in den Gabelstapler: Langweilig wird es hier nicht. Ein paar Werkstatthallen weiter ist Helena Hönnerscheid damit beschäftigt, Zahnbürsten für einen externen Kunden fachgerecht am Fließband zu verpacken. „Normalerweise arbeite ich im Josefshaus in Hausen“, berichtet die Pädagogin. Dorthin gewechselt ist an diesem Tag Wolfgang Welsch – die interne Logistik im Josefshaus ist für ihn kein Problem: Er kennt viele Handgriffe und Aufgaben schon aus der Werkstatt der Mittelrhein-Logistik in Block.

Und während Peter Jung noch am Gabelstapler übt, hat Joshua Karmara schon seinen ersten Auftrag erledigt: Die Schubladen sind fertig, gleich geht es raus zum Kunden. Joshua Karmara begleitet heute „Die Tischlertekten“ aus Großmaischeid. Für Geschäftsführer Frank Groß ist der Perspektivwechsel eine gute Gelegenheit, in Zeiten dramatischen Fachkräftemangels zukünftige Synergien zu erarbeiten. Dass der Werkstattbeschäftigte auch an der Kreissäge fit ist und Möbel fachgerecht einbauen kann, ist kein Wunder: Im Handwerkerzentrum des Heinrich-Hauses hat er bei seinem Vorgesetzten Lukas Orf unter besten Voraussetzungen gelernt. Tischlergeselle Daniel Block, der normalerweise jetzt mit zum Kunden fahren würde, hat seinen Arbeitsplatz für Joshua Karmara geräumt und hilft heute im Handwerkerzentrum in Heimbach-Weis aus.


Zahlreiche Schichtwechsel


Und genau so kommt es an vielen Arbeitsplätzen im gesamten Landkreis am Schichtwechsel-Tag zu Begegnungen, die mehr wert sind als jede Theorie. Bei den „Waldmeistern“ in Straßenhaus zeigt Maike Walczyk, dass sie mit den Kita-Kindern wunderbar spielen und das gewohnte Personal ergänzen kann, während Bettina Selig in der Kita im HTZ Neuwied ebenfalls wertvolle Erfahrungen auf dem so genannten ersten Arbeitsmarkt sammelt. André Klos vertritt Erich Manns, den Direktor der Deutschherrenschule Waldbreitbach im Unterricht, und Enis Hysenei packt im Getränkemarkt des Rewe Waldbreitbach mit an – ein Kinderspiel für ihn, der sonst jeden Tag im CAP-Markt arbeitet. Ein paar Kilometer weiter, in St. Katharinen, ist die Landtagsabgeordnete Ellen Demut gerade dabei, den Salat in die Auslage in genau diesem CAP-Markt zu sortieren. Später wird sie an der Kasse sitzen – und mit Scanner, Lebensmittelcodes und Fragen der Kundschaft vor ganz ungewohnte Herausforderungen gestellt. Auch sie zeigt sich begeistert vom Schichtwechsel und regt an, diesen im kommenden Jahr auf zwei Tage auszuweiten, um noch besser voneinander lernen zu können. Etwas Neues dazu lernen will auch der erste Kreisbeigeordnete Michael Mahlert. Er ist ins Handwerkerzentrum gekommen, um sich hier die ganze Bandbreite der Werkstätten zeigen zu lassen. Die Möglichkeiten – und Grenzen – von Inklusion sind nicht nur den Politikern eindrücklich verdeutlicht worden. Bei aller Symbolik: Der erste Schichtwechsel hat gezeigt, dass für die Menschen, die jeden Tag in den Werkstätten arbeiten, im Idealfall tatsächlich eine ganz neue Perspektive entstehen kann, ob über spätere Praktika oder weitere Austausche. Christiane Kahlert ist sicher: „Der Schichtwechsel 2022 war nur der Auftakt.“ Im kommenden Jahr findet der Schichtwechsel am Donnerstag, 12. Oktober statt.

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Kommentare
juergen mueller:
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Sabine Weber-Graeff:
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juergen mueller:
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juergen mueller:
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