Was bedeutet die Verlängerung des Lockdowns für die Wirtschaft?

„Umfangreiche Hilfszusagen zur bedarfsweisen Liquiditätserhöhung“

Interview mit Dirk Fohr, Geschäftsführer von Niesmann Caravaning in Polch

„Umfangreiche Hilfszusagen zur bedarfsweisen Liquiditätserhöhung“

Dirk Fohr, Geschäftsführer von Niesmann Caravaning in Polch. Foto: privat

15.02.2021 - 10:43

BLICK aktuell: Der Lockdown geht erneut in die Verlängerung. Wie beurteilen Sie die Maßnahme?

Dirk Fohr: Wir sind grundsätzlich von den im letzten Jahr getroffenen Maßnahmen der Bundesregierung überzeugt. Allerdings sind wir zunehmend frustriert über das Fehlen innovativer Ansätze in der Politik, planbarer und verlässlicher Aussagen zum Wiedereinstieg in die „neue Normalität“ und die offensichtliche Überforderung einzelner politischer Akteure. Luxemburg ist für uns ein Beispiel, wie mit einer durchdachten Teststrategie und vorsichtigen Maßnahmen ein Weg im Herzen Europas gefunden worden ist, der zu funktionieren scheint und eine gute Balance zwischen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Belangen herstellt!

BLICK aktuell: Wie hoch sind die finanziellen Einbußen in den letzten Monaten?

Dirk Fohr: Hierfür müssen wir unsere vier Unternehmensstandbeine unterscheiden: der Handel von Reisemobilen und Wohnwagen war im letzten Jahr ein Profiteur dieser schlimmen Ausnahmesituation, auch wegen der bis Dezember befristeten MwSt.-Senkung – jedoch bei Weitem nicht so, wie es Zulassungszahlen und die allgemeine Wahrnehmung vermuten lässt. Aktuell ist die Nachfrage ebenfalls verhalten. Wir gehen aber von einem auch unter finanziellen Gesichtspunkten letztlich guten Jahr 2021 aus. Unser Servicebereich leidet zwischenzeitlich aber deutlich. Wir haben einen hohen Anteil überregionaler, auch ausländischer Werkstattkunden. Der Zugang hierzu ist fast unmöglich. Seit Beginn des neuen Jahres haben wir in diesem Bereich etwa 30% weniger Einnahmen. Die Vermietung, die ein weiteres Standbein ist, ist ein Saisongeschäft, üblicherweise ab März bis September. Unser Auftragseingang liegt aktuell rund 20% unter einem Normaljahr. Allerdings sind wir grundsätzlich optimistisch, dass wir diese Schwäche in den nächsten Monaten mehr als ausgleichen können, allemal in den Herbst hinein. Am schwierigsten ist sicherlich die Lage in unserem Einzelhandelsbereich rund um Ersatzteile, BBQ & Grill und Outdoor-Bekleidung mit immerhin auch rund zehn Arbeitsplätzen. Das Weihnachtsgeschäft war lokal ein quasi-Totalausfall, das konnte auch unsere Videoberatung im Bereich BBQ & Grill und auch bei Bekleidung nicht auffangen. Seit Lockdown liegen die Umsätze hier rund 20% unter einem Normaljahr.

BLICK aktuell: Wie steht es um die Hilfszahlungen der Politik? Kommen die an und wie hoch sind die bürokratischen Hürden?

Dirk Fohr: Wir haben uns unmittelbar im März 2020 bereits früh und proaktiv um die Partizipation an angebotenen Corona-Hilfsprogrammen gekümmert. Im März 2020 hatten wir einen Warenbestand von rund 18,5 Mio. EUR, standen vor der Saison und mussten bis auf die Werkstatt alle Unternehmensbereiche schließen. Das war gewiss keine schöne Situation, trotz eines durchaus guten Liquiditätspolsters und einer kerngesunden Eigenkapitalstruktur. Rückblickend war unsere damalige Schnelligkeit, gepaart mit einer gewissen Beharrlichkeit, unser Erfolgsfaktor. Die großzügig von Berlin angekündigten Hilfsprogramme waren noch undefiniert, keiner wusste so recht Bescheid. Unser regionaler Bankpartner, die Volksbank RheinAhrEifel hat sich dank des über Jahre hinweg gepflegten, sehr guten und offenen Verhältnisses, ebenso absolut engagiert gezeigt und war äußerst handlungs- und entscheidungsfreudig. Auch bei der Bürgschaftsbank Rheinland-Pfalz haben wir offene Ohren für unsere Anliegen gefunden. Letztlich sind wir so nach nur rund sechs Wochen zu konkreten, durchaus umfangreichen Hilfszusagen zur bedarfsweisen Liquiditätserhöhung gekommen, die langfristig gelten und die uns nun relativ entspannt die aktuelle Situation beobachten lassen. Ich fürchte, dass viele andere Selbstständige und Gewerbetreibende nicht dieses Glück haben und nach allem, was ich höre, derzeit mit ihren Sorgen und Nöten sehr alleine gelassen werden! Hier versündigt sich die Politik durch Ankündigungen, denen keine oder zu späte Taten folgen!

BLICK aktuell: Können Sie die Umsatzausfälle kompensieren, zum Beispiel durch ein Onlineangebot?

Dirk Fohr: Ja, insbesondere im regionalen Einzelhandelsbereich rund um BBQ & Grill und der Outdoor-Bekleidung konnten wir eine schlimmere Situation nur dadurch vermeiden, dass wir aggressiv neue Wege der Vermarktung gegangen sind. Unsere Kunden nutzen zum Beispiel im Grill-Bereich in der Tat vermehrt unsere Videoberatung anhand von Ausstellungsstücken, die wir nach Kauf fertig aufgebaut bis an die Haustür liefern. Und einige Stammkunden rufen auch an, sprechen mit „ihrem“ meist langjährigen Kundenberater im Bereich der Bekleidung und lassen sich eine Auswahl zusammenstellen und zukommen. Aber letztlich hilft vor allem unsere deutlich gestiegene Onlinepräsenz auf bekannten Marktplätzen im Bereich der Bekleidung beim Abverkauf – auch weil durch schneller alternde Saisonware der Warendruck am höchsten ist. Rückblickend ein gutes Timing war die Inbetriebnahme unseres neuen Internetshops zu Beginn des letzten Jahres, den wir zusammen mit rund 35 InterCaravaning-Kollegen betreiben und der alle Bereiche rund um das Thema Mobile Freizeit im Internet abdeckt: Ersatzteile, Zubehör, Fahrzeugtechnik und alles Weitere rund um Camping und Caravaning. Das zugehörige, höchst-lieferfähige Logistikzentrum in der Nähe von Würzburg ist tatsächlich „24/7 online“ und ein echter Erfolg. Mir tun unsere Kollegen leid, die nicht im Online-Handel ihr heil suchen konnten!

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Kommentare
juergen mueller:
Ein Bruch der Tarifverträge ist noch gelinde ausgedrückt. Wer es soweit kommen lässt, dass die Beschäftigten für etwas büßen sollen, was sie nicht im geringsten verschuldet haben, der sollte sich allen ernstes fragen, wie es möglich ist, dass es überhaupt soweit kommen konnte, obgleich man sowohl in...
juergen mueller:
Kurzfristig bekanntgewordene Liquiditätsprobleme? Das Wort kurzfristig muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die Stadt Koblenz u. der Landkreis Mayen-Koblenz sind mit jeweils 25% beteiligt. Man schaue sich einmal die BETEILIGUNGSBERICHTE der STADT KOBLENZ der vergangenen Jahre an. Das...
juergen mueller:
Wirtschaftliche Perspektive? Wenn ein Unternehmen, wie das GKM, kontinuierlich Liquiditätsprobleme hat, dann geht man zuerst an diejenigen, die dafür am wenigsten können? Herr Langner ist Vorsitzender der Gesellschafterversammlung u. sitzt im Aufsichtsrat. Wenn im Januar oder Februar wieder diese...
K. Schmidt:
Ja, diese Verlängerung ist notwendig und sinnvoll. Dass sich diverse politische Köpfe des Ahrtals darüber erfreut äußern, nachvollziehbar. In all der Euphorie muss man sich aber noch mal genau anschauen, was da eigentlich verlängert wurde: Es geht hier nur um eine praktisch seitens des Bundes beliebig...
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