Narrengericht Kempenich tagte vor vollem Haus

Die „Voyeure“ richteten über Angeklagte „streng, aber gerecht“

28.02.2017 - 09:13

Kempenich. Das Kempenicher Narrengericht sorgte für große Heiterkeit unter den Besuchern im Saal des Gasthofs Bergweiler, wenn auch die Angeklagten teilweise „sehr bedrückt“ ob der Anklagepunkte waren.

Vor zwei Jahren haben die „Voyeure“ das beliebte Narrenspektakel von den Daller Spatzen übernommen. Damit führten sie die Tradition des seit über 80 Jahren tagenden „Kempenicher Fastelovendsgerichts“ seit über 80 Jahren, abgeleitet vom mittelalterlichen Kempenicher Gericht, das von den Narren auf ihre Art nachgestellt wird.

In der neuen, diesjährigen rund vierstündigen „Gerichtsverhandlung“ liefen sie wieder zur Höchstform auf und führten den Angeklagten ihrer gerechten Strafe zu.

Bis auf den letzten Platz gefüllt war der „Gerichtssaal“, als die „große Strafkammer“ des Narrengerichts Kempenich zur zweiten großen Verhandlung an altbewährter Stätte, bei „Deustesch Dieter“ im Gasthof Bergweiler am Richtertisch Platz nahm. In ihren roten Roben in Anlehnung an den Bundesgerichtshof zeigten sie auch äußerlich bereits, welchen Stellenwert das Kempenicher Narrengericht hat.


Eine lange Liste von Anklagepunkten


Unter dem vorsitzenden Richter Achim Schmitt waren „manch knifflige Fälle“ zu lösen. Da klagten die beiden Staatsanwälte Dirk Grones und Thorsten Herrmann teilweise bisher völlig Unbescholtene der Begehung unterschiedlichster „Straftaten“an. Die Vergehen reichten von der Vortäuschung falscher Tatsachen, Identitätsverlust, Gotteslästerung, Amtsanmaßung, schwere Sachbeschädigung, Frauenfeindlichkeit, Brandstiftung, Missbrauch der Pressefreiheit und falsche Berichterstattung, Hochstapelei, Vernachlässigung von Schutzbefohlenen und bewusste Irreführung sowie arglistiger Täuschung, Missachtung des Gerichts, Verunglimpfung, Pfennigfuchserei und Steuerhinterziehung bis hin zur Bedrohung einer Bundesministerin mit dem Messer. Ihre akribischen Ermittlungsergebnisse sorgten bei den Besuchern für allerbeste Stimmung und viel Erheiterung.

Insgesamt wurden 17 Verhandlungen durchgeführt, zu denen die entsprechenden Urteile gefällt werden mussten. Zu den Betroffenen gehörte u. a. auch Ortsbürgermeister Stefan Friedsam. Ihm wurde die Annektion der benachbarten Gemeinde Spessart vorgeworfen, war doch sein Name in einer offiziellen Wahlbekanntmachung als Bürgermeister von Spessart aufgetaucht. Doch auch hier, wie bei allen anderen Angeklagten, wurde Dominik Schmitz seiner Rolle als Verteidiger mehr als gerecht. In seinem leidenschaftlichen „Plädoyer“ forderte er Freispruch für seinen Mandanten, denn „wieso sollte man freiwillig Spessart annektieren, wenn man Hohenleimbach über Nacht haben kann?“

Auch Pastor Erich Fuchs sah sich in Untersuchungshaft und auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, dass die Kirche die feierfreudigen Kempenicher „925 Jahre verarscht“ habe. Man habe zwar zwei Schutzheilige, feiere aber alljährlich nur einmal die Kirmes. Da war die Verteidigung ganz anderer Meinung. Der Name von Pastor Fuchs sei Programm, es sei ganz schön „ausgefuchst“. Da seien die Spessarter ohne Schutzheilige noch schlechter dran, die dann ja gar keine Kirmes feiern dürften. Ob deshalb am Kirmessonntag evtl. bereits um 14 Uhr die Kirmes zu Ende sei, stellte er zur Erheiterung der

närrischen Zuhörer in den Raum. Sollte allerdings das hohe Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft nachkommen, so will Verteidiger Schmitz sofort nach Engeln auswandern, denn mit den 14 Nothelfern als Schutzheilige seien hier dann auch entsprechende „Mehrausgaben der örtlichen Kirmes“ möglich. Einzig bei seinem Vater, Winfried Schmitz, lehnte der Verteidiger sein Mandat ab. Winfried Schmitz, der der Pfennigfuchserei angeklagt war, zeigte zur Erheiterung der Gäste, dass er von seinem „früheren Beruf“ (er war der Vorgänger von Dominik Schmitz als Verteidiger am Kempenicher Narrengericht) noch nichts verlernt hatte.


RAF = „Revolutionären Alternativen Fleischerinnung“


Bei Metzgermeister Bernd Groß zeigte dann der Verteidiger wieder sein Können und sein Rechtswissen. Von der Staatsanwaltschaft der Gründung einer neuen RAF sowie der Bedrohung einer Bundesministerin mit dem Messer angeklagt, konnte er aufklären, dass dieser zwar einer neuen RAF angehöre, nämlich der „Revolutionären Alternativen Fleischerinnung“,

die im Kölner Versuchslabor an einer neuen Räucherwurst arbeite. Die Bedrohung der Ministerin Nahles mit einem Messer sah er als „Metzger-Reflex“. Selbst Prinz Horst II. und Prinzessin Adelheid I. fanden sich plötzlich auf der Anklagebank. Von Entwürdigung war hier die Rede und man sah einen großen Imageschaden für die GKKG durch eine evtl. Pressemeldung wie beispielsweise: „Sohn von Wetterbauer sorgt für karnevalistisches Gewitter!“ Apropos Presse: Da sah sich plötzlich ein vor Ort tätiger Journalist auf der Anklagebank, weil seine Redaktion nicht den Kempenicher Schlachtruf „Kemmesch Helau“ kannte und hier auf der Titelseite in großen Lettern „Alaaf in Kempenich“ einführen wollte.

Viele weitere „Kempenicher Straftäter“ wurden an diesem Tag von den beiden Gerichtsdienern Jürgen Schlich und Christian Baltes vorgeführt und letztlich durch das Gericht „der gerechten Strafe zugeführt“. Für Richter Achim Schmitt und seine Geschworenen Marco Gros und Jaszek Gisa war es nicht immer einfach, zwischen Freispruch und Strafe immer das angemessene Strafmaß zu finden. Aber auf Grund ihrer Urteile dürfen sich viele Ortsvereine und Institutionen über tatkräftige Unterstützung freuen. Allerdings kam das Gericht selbst auch nicht zu kurz. Hier sah man zu, dass die „Herren in roten Roben“ auch nicht zu kurz kamen. Ließ Richter Achim Schmitz diese doch zur Kirmes nach Spessart und in die Lounge des 1. FC Köln einladen, wie auch von Pastor Fuchs zu einem Workshop zum Thema „Wie verwandelt man Wasser in Wein?“ Auch so manche „flüssige Einladung“ wartet jetzt auf die „Voyeure“. Der Dank des Hohen Gerichts ging schließlich an die GKKG, die auch in diesem Jahr als Ausrichter des Spektakels „das Risiko“ der Voyeure übernommen hatte und in deren Kasse auch die „spontanen und freiwilligen“ Spenden der Verurteilten ging. .

Bleibt zu hoffen, dass das Narrengericht in Kempenich auch die nächsten Jahre die alte Tradition fortführt und sich immer wieder genug „Straftäter“ finden, die an diesem Verhandlungstag abgeurteilt werden müssen. WK

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