Arno Ockenfels las in der Galerie Artspace K2 aus seinem Pilgertagebuch über Wanderung nach Santiago de Compostela

Eine Herzensangelegenheit in 95 Etappen

12.08.2013 - 15:15

Remagen. Über seine Wanderung auf dem Jakobsweg berichtete Arno Ockenfels einem interessierten Publikum in Christoph Noebels Galerie Artspace K2. Darum hatte ihn Maler Wolfgang Kutzner aus Staffel gebeten, der ebenfalls zum Grab des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela im spanischen Galicien gepilgert war und dies zum Thema der Ausstellung „Der Langsame sieht mehr“ machte. Seine Malerei und Tuschezeichnungen sind noch bis 28. August, mittwochs bis samstags, 15 bis 18.30 Uhr, in der Galerie zu sehen.


„Wenn Sie dieses Buch also einem Genre zurechnen wollen, dann bitte dem der Liebesgeschichten“, überraschte Ockenfels die Zuhörer. Aber die verstehen bald seine Erklärung. Denn der 1959 geborene und im kleinen Eifeldorf Franken, Ortsteil Sinzig, aufgewachsene Inhaber eines Möbelgeschäftes in Kripp bewältigte die Wanderung, zu der er ein umfangreiches Pilgertagebuch verfasste, gemeinsam mit seiner Ehefrau Gitti. Das Erlebnis kommt also einer „Geschichte der Zweisamkeit“ gleich. Während dieser haben sie durch Berg und Tal und bei jedem Wetter mehr als 2500 Kilometer zurückgelegt. In 95 Tagen, verteilt auf acht Jahre, 2003 bis 2010, bewegten sie sich auf den Wallfahrtsort zu. Wie Ockenfels im Buch „Das Ziel nicht vergessen, den Mut nicht verlieren“ ausführt, gingen sie den Weg auch zu ihrer beider Seelenheil. Mit seiner Ehe hatte sich das standesamtlich getraute Paar - die Frau war bereits einmal verheiratet – kirchlich gesehen „automatisch in einen dauerhaften Zustand der Sünde“ begeben. Dabei wollten sie als praktizierende Gläubige „vor Gott etwas Neues schaffen“. Mangels Segen der katholischen Trauung unternehmen sie stattdessen die Wallfahrt, „unseren Hochzeitsmarsch“, wie sie gerne sagten.


Sinn der Wallfahrt


Als Einstieg las der Autor vom 58. Tag, der in Südfrankreich von Larressingle nach Eauze führt. Nach vier Tagen Dauerregen ist er krank, fühlt sich elend, aber dennoch wach genug, um sich bei einer uralten Brücke über die Osse den „Hauch der Geschichte“ zu spüren. Seine Frau macht die Situation wütend. „Wem müssen wir eigentlich beweisen, dass wir nach Santiago laufen können?“ fragt sie. Arno Ockenfels, der sich ebenfalls Gedanken über den Sinn der Wallfahrt macht, sagt ihr, „dass diese Pilgerreise unser größtes gemeinsames Projekt sei, eins mit hoher Symbolkraft… All diese viele Zeit und Mühe. Und es sei geschehen aus Liebe. So etwas werfe man nicht leichtfertig weg.“ Allerdings plagt auch ihn die Angst, zu versagen. Doch er findet: „Gemessen an den großen Lebenslinien, die so oft im Nichts enden, ist das hier doch im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Spaziergang“. Gitti Ockenfels nimmt in dieser Nacht seine Socken mit ins Bett, damit er am Morgen mit trockenen warmen Füßen starten kann.

Ein Jahr später notiert Ockenfels für den 12. Mai, ihren 65. Tag und die Etappe von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles: „Jetzt ist es nur noch der Camino, den alle gehen. Das sollte doch für uns eigentlich kein Problem sein.“ Gemeint ist der Camino Francés, der Haupt-Jakobsweg, jene hochmittelalterliche Hauptverkehrsachse Nordspaniens, die von den Pyrenäen bis zum Jakobsgrab reicht und die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León miteinander verbindet. Als erste spanische Impression auf der Tour begegnet ihnen eine Bar in Valcarlos. „Wir stellen fest, noch diesseits des eigentlichen Passes, ist man noch sehr französisch“. Auf der ohnehin quälenden, weil mit vielen Steigungen „gesegneten“ Strecke kommt Gitti Ockenfels aus dem Tritt, bleibt schließlich in einem Matschloch stecken. Im Buch heißt es dazu lakonisch: „Einmal auf einer Jakobstour weint jeder. An den Teil des Plans können wir einen Haken machen.“ Später, während der Messe, fallen dem Paar etliche Fußkranke auf. „Ob die alle noch mal in Tritt kommen“, sinniert Ockenfels. „Bei einigen habe ich das Gefühl, dass sie die Veranstaltung durchaus respektieren, es aber als eine Art esoterisches Beiprogramm betrachten.“


Elementares und Nachdenkliches


Die Verschränkung von Basis-Entscheidungen („welchen Weg nehmen wir, wo essen und schlafen wir“), Banalem und Verblüffendem sowie philosophischen Betrachtungen machen das Pilgertagebuch so kurzweilig. Und wer hätte es gedacht: 2009 nimmt sich Ockenfels‘ Mitpilgerin Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ zum Lesen mit. Fortan überprüft sie, ob er alles richtig beobachtet hat. Gleichzeitig fühlt sich auch der Gatte ein wenig überprüft. Bald wird ihm allein die Erwähnung des anderen zu viel, auch am 73. Tag, als seine Gefährtin auf der Strecke von Logroño nach Nájera hinter Ventosa tatsächlich das von Kerkeling beschriebene Tal der Steinmännchen entdeckt hat. Sich dem Tagesziel Nájera, zeitweise Sitz der Könige von Navarra, nähernd, erblickt das Paar zahlreiche Plattenbauten. Ockenfels konstatiert nüchtern: „So ist das mit alten Königsstätten“. Als sie im Anschluss in Erwartung eines Gottesdienstes die Kirche besuchen, geraten sie in eine Beerdigung.

Anderntags, es geht Richtung Castidelgado, kommen sie anfangs bei strahlendem Wetter gut voran, laufen dann aber drei Mal in die falsche Richtung und am frühen Nachmittag in glühender Hitze entlang der staubigen Straße N 120. In einem Lokal treffen sie einen Deutschen, den sie bereits früher gesehen haben. Er holt sie nach ihrem Aufbruch ein, sie reden miteinander. Da stellt sich heraus: Der Pilger stammt aus Remagen. Es ist Professor Dr. Hard, der seinerseits am Abend einen alten Bekannten aus den Niederlanden wiedertrifft. Gitti und Arno Ockenfels, die durchschnittlich 27 Kilometer gehen, erfahren, dass die beiden öfter Tagesstrecken von 40 Kilometern zurücklegen.


Ohrfeige des Schicksals


Zum schwierigsten Tag der ganzen Tour wird der 3. April 2010. An diesem Karsamstag ist es neblig, windig, sie laufen durch Schneematsch und erreichen das kleine Eisenkreuz in den Bergen von León, den bekannten, mit 1504 Metern höchsten Punkt des spanischen Jakobwegs. Die Pilger legen dort, als Zeichen, dass sie die sündige Vergangenheit hinter sich gelassen haben, Steine ab, so auch das Ehepaar. Auf ihrem steht geschrieben „Arno und Gitti, Remagen 2003 bis 2010“. Es ist ein wunderbarer Moment für die beiden. Erneut spüren die Zuhörer: Der Weg war für das Duo eine Herzensangelegenheit. Er macht ihr die liebenswürdigsten Komplimente und sie ist entzückt. Der Rest aber wird zur Quälerei. Als „Ohrfeige des Schicksals“ ereilt sie knallharter Hagel. Als sie ankommen, sind sie ohne Pausen gerechnet neun Stunden für 33 Kilometer unterwegs gewesen. Und in der Unterkunft, wo sie ihre nasse Kleidung ausziehen, gibt es nichts zu essen.

Der zweitletzte Tag der Tour führt von Melide nach O Pedrouzo Arco O Pino. „Bei allem, was wir tun, fällt uns auf, dass es das letzte Mal ist.“ Außerdem begegnen sie einem kleinen rothaarigen Jungen, der ihrem Enkel Nico gleicht. Da schleicht sich dann ein wenig Heimweh ein. Doch es gilt voranzukommen. Nur noch 1,5 Stunden, sie legen einen Endspurt hin. Doch dann finden sie zwei Hotels nacheinander belegt vor. Im Nachbarort aber gibt es ein freies Zimmer direkt unterm Dach. Arno Ockenfels sieht hinaus: „…mit seltener Klarheit schaue ich auf das Sternenmeer… Noch nie war ich von der Ausstrahlung des Nachthimmels so ergriffen, wie in diesem Moment.“ Tiefe Gedanken und Empfindungen steigen in ihm auf: „Meine Zeit hat mit der des Universums da draußen wenig gemeinsam. Sie erscheint im direkten Vergleich ein Nichts zu sein. Die Strecken, die wir hier so mühsam zurücklegen, sind angesichts dessen, was sich da vor mir ausbreitet, belangloser als ein Tropfen im Ozean.


„Meine Welt im Universum“


Es ist mucksmäuschenstill, als Ockenfels fortfährt: „Und doch ist meine Zeit und meine Ausdehnung in diesem Universum eine komplette Welt. Meine Welt! Sie hat haargenau die Größe, die notwendig ist, dass ich hineinpasse. Es ist egal, ob wir den großen Plan verstehen oder nicht, er scheint doch wunderbar aufzugehen. Ich hatte Gitti und mir selbst versprochen, dass ich sie nach Santiago bringen würde und ich habe Wort gehalten. In diesem Moment bin ich glücklich.“

„Der Weg ist das Ziel“ – diesen Pilgerspruch beherzigte der Autor auch bei seiner eindrucksvollen Lesung, indem von vielen Erlebnissen sprach, aber die Ankunft aussparte. Indes antwortete er auf Fragen, bevor ihn das Publikum mit dem verdienten kräftigen Applaus verabschiedete.

Die Veröffentlichung „Das Ziel nicht vergessen, den Mut nicht verlieren – Ein Pilgertagebuch – In 95 Etappen von Remagen bis Santiago“ (ISBN 978-3-943304-09-1) ist 2012 im Pomaska-Brand Verlag erschienen.

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Kommentare
Ursula Philippsen:
Der Artikel berührt mich als Betroffene sehr. Er trifft genau die Stimmung vor und nach der Flutkatastrophe. Herzlichen Dank dafür und auch Dank an die vielen Helfer....
Petra Konkel Lülsdorf:
Ein sehr sehr schön geschriebener und treffender Artikel. Bei vielem musste ich sogar schmunzeln ?...
Lisa:
Bin auch teilweise in heimerzheim aufgewachsen, Und die meisten meiner Verwandtschaft leben hier, obwohl ich seit 1999 in Kanada leben, meine Gedanken sind mit euch , bete das Gott euch allen viel Kraft gibt durch diese schwere Zeit durchzukommen. Bin stolz auf euch und ihr wird es schon schaffen....
juergen mueller:
Kann man nur sagen - fast zu spät. Diese sogenannten Thementreffs entbehren jeder Grundlage, man redet über etwas, was Jahrzehnte politisch ignoriert und versaut wurde, weil sich nichts grundlegendes geändert hat, weil man nur geredet anstatt gehandelt hat. Politisch indoktrienierte Zweribeiner leben...
juergen mueller:
Not-Hilferuf betroffener Wähler*innen. Jetzt könnte die Regierung einmal zeigen, was ihnen das wert ist. Macht sie aber offensichtlich nicht. Schickt 40 Millionen Euro in`s Ausland, in ein Land, BEIRUT; in dem Milliarden versickern, ohne Anzeichen einer positiven Veränderung. Egal, Hauptsache, ein...
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