Ein Überrest der ehemaligen Synagoge

Ehrentafel für gefallene jüdische Soldaten aufgetaucht

13.04.2021 - 09:18

Sinzig.Für sich betrachtet und auf den ersten Blick macht das Fundstück nicht viel her. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Eine kürzlich aufgetauchte Blechtafel ist bislang offenbar das einzige Relikt der Sinziger Synagoge.


Ansonsten ist nicht bekannt, dass von der Synagoge, dem Betsaal im Mitteltrakt der Martelsburg, etwas übrig geblieben wäre. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten Auswärtige sowie Sinziger Mitglieder der NSDAP und der SA im Ort vier Wohnungen und die Synagoge. Möbel und Kultgegenstände wurden auf den Hof geworfen, der Betsaal in der Eulengasse 33 komplett demoliert. Für eine Wiederherstellung waren die Schäden zu groß. Die Synagoge wurde 1939 für 4200 Reichsmark an die Stadt verkauft, die dort einen NS-Volkswohlfahrt-Kinderhort einrichtete. Im Krieg diente das Gebäude als Soldatenquartier, später als Flüchtlings-Notunterkunft. Nach 1945 kam das Gebäudeteil zurück in den Besitz der jüdischen Kultusgemeinde Koblenz, die es 1953 an die Stadt für 5.000 Mark verkaufte. Nach dem Abbruch 1970 wurde an der Stelle ein Parkplatz angelegt.

In der NS-Zeit sind von den in Sinzig geborenen und dort länger lebenden jüdischen Personen 28 umgekommen. Nur wenige materielle Zeugnisse erinnern seither an das jüdische Leben in der Stadt. Nachfahren der ehemaligen Einwohner finden Grabsteine und eine Gedenkstätte vor. Eine „Judengasse“ würden sie vergeblich suchen. Den vom Kirchplatz abfallenden Verkehrsweg gibt es, aber er wurde umbenannt, hieß zwischen 1933 und 1946 Schlageterstraße, danach auf Drängen der Besatzungsmächte wieder Judengasse, bis er auf Stadtrat-Beschluss seit 1952 den Namen Gudestraße trägt. Die Entscheidung über eine eventuelle Rückbenennung sollte auf Grundlage eines Gutachtens 2020 fallen. Doch auf das Gutachten wartet man noch.


Überraschender Fund


Zu den spärlichen greifbaren Belegen jüdischer Existenz gesellt sich nun der Fund einer Ehrentafel, überschrieben „Synagogengemeinde Sinzig“ und gewidmet von Leo Friesem und Ehefrau Jenny, geborene Rotschild. Sie gilt „unseren im Weltkriege 1914 - 1918 gefallenen Mitgliedern“: In Frankreich starb 1914 der 32-jährige Ludwig Bähr und 1915 Ernst Friesem an seinem 21. Geburtstag. In Rumänien kam 1915 Josef Gottschalk, 26, um. Die aus Kupferblech getriebene Tafel fiel Hardy Rehmann (Vorsitzender) und Rudolf Menacher vom Sinziger Denkmalverein in die Hände. Vorangegangen war eine Sondierungsaktion des Landeshauptarchivs Koblenz, um zu ermitteln, was vom Sinziger Stadtarchiv, das mangels geeigneter Lagemöglichkeiten nach Koblenz ziehen wird, für archivwürdig erachtet wird.

Der Denkmalverein erhielt, unterstützt durch den städtischen Büroleiter Christian Weidenbach und Pressesprecherin Andrea Stolletz-Maagh, die Gelegenheit, jene Materialien zu sichten, welche für die Koblenzer Einrichtung kaum oder nicht von Belang sind. Im Bares-Haus auf dem Kirchplatz befand sich die Tafel zwischen Büchern, Akten, gerahmten Luftaufnahmen. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, wann und wie sie in den Archivbestand gelangte.

Für gesichert darf indes ihr kulturgeschichtlich hoher Wert gelten, stellt sie doch für Sinzig den einzigen Überrest der Synagoge dar, die im Oktober 1867 mit glanzvollen Feierlichkeiten eingeweiht wurde. „Mit Sicherheit“ stamme sie aus der Synagoge, erklärt Menacher, Gymnasiallehrer im Ruhestand aus Remagen, der mit dem Kollegen Hans-Ulrich Reiffen das Buch „Knoblauch und Weihrauch“ verfasste. „Sie wurde brutal aus der Mauer, wo sie befestigt war, herausgebrochen. Deshalb ist sie so verbogen. Ob das in der Pogromnacht geschah oder, wie ich vermute, vor dem Abriss der Synagoge, ist nicht bekannt.“


Vaterlandsliebe der Juden


An die drei jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern auch die Tafeln am Kriegerdenkmal der Stadt Sinzig. Dass die Eheleute Friesem dennoch eine eigene Tafel stiften, hat mehrere Gründe. Für die deutschen Juden stellte die Teilnahme am Ersten Weltkrieg ihre Vaterlandsliebe unter Beweis. Sie waren teilweise deutschnationale Monarchisten. Menacher: „Umso schlimmer muss es für sie gewesen sein, dass schon 1916 von antisemitischen völkischen Kreisen Zweifel an ihrer Einsatzbereitschaft geweckt wurden.“ Diese verdichteten sich nach Kriegsende zur „Dolchstoßlegende“, die den Juden vorwarf, sich vor dem Kriegseinsatz gedrückt und an der Heimatfront die deutsche Kriegswirtschaft geschwächt zu haben.

Das Gegenteil ist richtig. Überdurchschnittlich viele Juden waren im Kriegseinsatz gewesen. Auch der prozentuale Anteil der Kriegstoten war unter den Juden besonders hoch. Bei den Interviews für „Knoblauch und Weihrauch“ fiel den Autoren auf, „dass sehr viele Zeitzeugen wussten, welche jüdischen Männer mit den Eisernen Kreuzen I und II ausgezeichnet worden waren.“

Aber Menacher benennt zudem das persönliche Motiv der Friesems: Der Gefallene Ernst Friesem war der elf Jahre jüngere einzige Bruder von Leo Friesem. Und Ludwig Bähr verheiratet mit Jenny, geborene Friesem, war sein Schwager. Die Eltern des dritten jüdischen Gefallenen, Josef Gottschalk, zogen nach 1900 mit einigen Kindern von Königsfeld nach Sinzig. Für Josef Gottschalk gibt das Gedenkbuch des RJF (Reichsbund jüdischer Frontsoldaten) zwar Hamm/Westfalen als Wohnort an. Doch ist denkbar, dass er noch nicht lange dort wohnte.


1.700 Jahre jüdisches Lebenin Deutschland“


Seit 1700 Jahren leben Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Das Festjahr 2021 wird bundesweit mit vielen Veranstaltungen gewürdigt. Auf eine Anfrage aus Köln erließ der römische Kaiser Konstantin vor 1700 Jahren ein Edikt, wonach Juden in Ämter der Kurie und der Stadtverwaltung berufen werden konnten. Dieses Dekret aus dem Jahr 321 gilt als der älteste Beleg für die Existenz jüdischer Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands und als historischer Beleg dafür, dass Juden bereits seit der Spätantike ein wichtiger Bestandteil der mitteleuropäischen Kultur waren. In Sinzig haben sich spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts Juden niedergelassen.

HG

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