Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Theatergruppe behandelte im Alten Bahnhof Puderbach die deutsche und weltweite Ächtung, Verfolgung und Vernichtung von Juden

Macht und Ohnmacht hautnah erlebbar gemacht

13.11.2018 - 08:18

Puderbach. Die Gräueltaten gegen die Juden in der NS-Zeit zu nennen und vor Wiederholungen zu warnen, das ist das eine. Die Gruppe „Theattraktion“ ging am Samstagabend im Alten Bahnhof von Puderbach noch einen Schritt weiter und machte die Gewalt und das Bedrohliche des Antisemitismus im Dritten Reich und auf der ganzen Welt förmlich spürbar. Eine sehr beklemmende Stimmung machte sich breit unter den Besuchern der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November 1938. Die Akteure von „Theattraktion“ lasen Texte und spielten Szenen. Dabei versetzten sie sich auch in die Rollen der nationalsozialistischen Herrscher, wie sie machttrunken, laut, drohend und maßlos arrogant den eingeschüchterten Juden gegenübertraten. Die Zuschauer konnten spürbar fühlen, wie verängstigend und einschüchternd das auf die ahnungslosen Opfer gewirkt haben muss. Es entstand ein Klima im Alten Bahnhof, wie es sein muss, wenn man als Mensch in einem geschlossenen System, einer Diktatur, schutz- und rechtlos wahnsinnig gewordenen Despoten ausgeliefert ist. Nicht für jeden Anwesenden im Raum war das auszuhalten.

So viele Vorurteile über Juden gibt es auf der Welt. „Theattraktion“ nannte sie alle. In einigen Suren des Koran werden Juden als „Kinderblutsäufer“ beschrieben. Bis heute stellten Juden für viele Völker und Bevölkerungsgruppen das Feindbild schlechthin dar, besonders im Islam. Mit Lesungen, Erklärungen und Sprech-Chorälen brachte die Theatergruppe ihre Inhalte zu Gehör. Sogar die deutschen Sprachwissenschaftler, Volkskundler und Märchenschreiber Jakob und Wilhelm Grimm wurden in die Reihe der die Judenverachtung befeuernden Antisemiten einsortiert, genauso wie der Humordichter Wilhelm Busch, der sich in seinem Stück diskriminierend über den Juden „Schmulchen Schievelbeiner“ lustig macht: „Kurz die Hose, lang der Rock, krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau, Hut nach hinten, Miene schlau – so ist Schmulchen Schievelbeiner. Schöner ist doch unsereiner!“

Die rassistisch geprägten Vorurteile und pauschalen Verunglimpfungen jüdischer Mitmenschen gipfeln in dem Vorwurf: „Sie haben Jesus gekreuzigt!“

Sehr nah kam den Besuchern der Vorstellung der an den Juden betriebene systematische Völkermord durch die Benennung der in Puderbach und der nahen Kreisstadt Altenkirchen lebenden Juden, die grundlos verhaftet, aus ihren Häusern und Wohnungen verschleppt, deportiert und in den Konzentrationslagern vergast wurden. Die bekannten Namen der Familien, der bekannten und heute noch so heißenden Straßen zu hören – das machte sehr betroffen. Von 5.000 in Viehwaggons nach Treblinka transportierten Juden kamen nur 2.000 lebend dort an, halb verhungert, halb verrückt geworden durch die Qualen des unmenschlichen Transports. Aus den Gaskammern purzelten die Toten heraus wie Kartoffeln, beschrieb es ein Augenzeuge in einem nachgespielten Interview. Einer der Vergasten war Robert Salomon, acht Jahre alt. Schrecklich war auch der Anblick eines historischen Fotos von fünf jüdischen Frauen, einer Mutter mit ihren vier Töchtern, die vor ihrer Erschießung in die Kamera eines SS-Fotografen blickten. „Es sind ja nur ein paar Wochen“, täuschte sich ein deutsch-jüdisches Ehepaar gegenseitig über die notwendig gewordene „vorübergehende“ Trennung. Doch es sollten mehr als zehn Jahre vergehen, bis Juden in Deutschland wieder gefahrlos leben konnten. Wobei sich das mit der Gefahrlosigkeit in Grenzen hält: Zum Ende des Abends lasen die Bühnenakteure in schneller Folge Nachrichtenschlagzeilen aus allen Ländern der Erde vor, wo es Anschläge auf jüdische Einrichtungen und gegen die Unversehrtheit jüdischer Mitbürger gegeben hatte – allesamt in der heutigen Zeit.

Was ist der Mensch? Die Frage drängte sich immer wieder auf an diesem notwendigen Abend. Was macht Menschen zu solchen Tätern? Wie können Opfer solches Leid ertragen? Wie kann nach all‘ dem ein Zusammenleben funktionieren? Vielleicht gab das zum Schluss gespielte und gesungene Lied der 1944 im KZ Auschwitz umgebrachten jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber eine Antwort auf diese Fragen. In ihrem „Emigrantenlied“ heißt es: „Denn alles wird gut, denn alles wird gut, ertrag geduldig das Warten. Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut, die Welt wird wieder zum Garten! Dann endet die Zwietracht, der Hass und die Gier, und alles Leid hat ein Ende. Dann sagt dein Feind “Bruder Mensch„ zu dir und reicht beschämt dir die Hände.“

Artikel bewerten

rating rating rating rating rating
19.11.2018 20:37 Uhr
Carl Gneist

Wer immer diese Rezension geschrieben hat:
Außergewöhnlich gut geschrieben für einen lokalen Blog. Als Regisseur und Texter des semiprofessionellen Ensembles THEATTRAKTION, das vor allem mit eigenen Salons und Revuen auftritt, aber bewusst nicht die übliche Webside betreibt, kann ich nur sagen: Wir haben einen gut geschriebenen, atmosphärisch dichten Text vor uns, dessen Autor wir unsere große Anerkennung aussprechen.
Carl Gneist



Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.
Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag erstellen zu können.
Weitere Berichte

Zeugenaufruf nach Körperverletzung in Koblenz

Zeugen für brutale Attacke in der Altstadt gesucht!

Koblenz. Nicht unerhebliche Verletzungen erlitt ein 31-jähriger Koblenzer nach einem Gaststättenbesuch in der Nacht zu Ostersonntag in der Koblenzer Altstadt. Aus unbekannten Gründen wurde dieser gegen 2.50 Uhr von zwei männlichen Tätern in der Gemüsegasse brutal attackiert. Beide Täter traten mehrfach auf den am Boden liegenden Geschädigten ein. Erst als ein Türsteher auf die Situation aufmerksam wurde und dem Geschädigten zu  Hilfe eilte, ließen die Täter von der Person ab und flüchteten. mehr...

Weitere Berichte
Heizungspumpe:
Stromfresser im Keller

Energietipp der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Heizungspumpe: Stromfresser im Keller

Kreis Neuwied. Im Heizungskeller schlummert oft großes Ein-sparpotenzial. Die Heizungsumwälzpumpe transportiert das warme Wasser vom Heizkessel zu den Heizkörpern oder der Fußbodenheizung, damit es in den Wohnräumen warm wird. mehr...

Ein nicht alltägliches Event

Kunst-Workshops in der Kreisverwaltung Mayen-Koblenz

Ein nicht alltägliches Event

Koblenz. Ein nicht alltägliches Event bietet die Kunstakademie Rheinland im Haus der Kreisverwaltung Mayen-Koblenz an. Im Rahmen der dort präsentierten Kunstausstellung Rhine Art werden am Samstag, 27.... mehr...

Gemeindeverwaltung Wachtberg

Integration des Schülerspezialverkehrs

Berkum. Die Gemeindeverwaltung Wachtberg lädt die Erziehungsberechtigten von Schülerinnen und Schülern der Wachtberger Grundschulen, der kommenden Schulneulinge sowie der Hans-Dietrich-Genscher-Schule... mehr...

Politik

Ergebnisse zur Feldstärkenmessung in Wallersheim im Bereich der Grundschule liegen vor

Werte liegen um den Faktor 1000 unter den Grenzwerten

Wallersheim. Im August 2018 beantragte die CDU Fraktion eine Feldmessung gem. § 5 der 26. BImSchV im Bereich der Hochspannungsleitungen, entlang der geplanten Ultranet-Strecke im Koblenzer Stadtgebiet, durchzuführen. mehr...

Wanderung entlang
des Streuobstwiesenwegs

FWG Kettig lädt ein

Wanderung entlang des Streuobstwiesenwegs

Kettig. Passend zur beginnenden Kirschblüte lädt die FWG Kettig alle Interessierten zu einer Wanderung entlang des Streuobstwiesenwegs am Sonntag, 5. Mai um 11 Uhr ein. Während der Wanderung beantwortet FWG-Vorstandsmitglied und Landwirtschaftsmeister Werner Schmorleitz Fragen zum Obstanbau. mehr...

Es war ein voller Erfolg

Ortsteilbegehung der CDU Karthause

Es war ein voller Erfolg

Karthause. Anlässlich der traditionellen CDU Ortsteilbegehung im Stadtteil Karthause konnte der Vorsitzende Leo Biewer erneut hochkarätige Teilnehmer begrüßen. Bürgermeisterin Ulrike Mohrs und Baudezernent... mehr...

Sport
Zuschauermagnet Kazmirek
führt Deichmeeting-Feld an

Deichmeeting 2019 wirft seine Schatten voraus

Zuschauermagnet Kazmirek führt Deichmeeting-Feld an

Neuwied. Arthur Abele gewann im vergangenen Jahr Gold bei der Europameisterschaft, Kai Kazmirek belegte bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Platz vier und sicherte sich 2017 WM-Bronze – Ergebnisse wie diese zeigen, dass Deutschland zu den absoluten Top-Nationen im Zehnkampf gehört. mehr...

Ohne Gegentor fürs
Finalturnier qualifiziert

Vorrundenturnier der Fußball-Kreismeisterschaft der Grundschulen des Kreises MYK

Ohne Gegentor fürs Finalturnier qualifiziert

Weißenthurm. Nicht nur die Mädchen der Grundschule Weißenthurm spielen erfolgreichen Fußball, auch die gemischte Mannschaft mit den besten Fußballern und einer Fußballerin zeigten beim Vorrundenturnier... mehr...

Großreinemachen in Wormersdorf

Bogenschützen Rheinbach

Großreinemachen in Wormersdorf

Wormersdorf. Laub fegen, vom Herbststurm „abgehängte“ Pfeilfangmatten reparieren und wieder anbringen, Scheibenständer neu ausrichten und um- und unfallsicher aufstellen, Strauchschnitt beseitigen, Rasen... mehr...

Wirtschaft

Arbeiten am Stromnetz

Geplanter Stromausfall

Staudt. Am Sonntag, 5. Mai, wartet die Energienetze Mittelrhein (enm) das Stromnetz in Staudt. Für diese Arbeiten schaltet die enm, die Netzgesellschaft in der Unternehmensgruppe Energieversorgung Mittelrhein... mehr...

Neuen Chefarzt und neue
Leitende Ärztin begrüßt

- Anzeige -Dr. Büchter und Dr. Türoff neu am St. Nikolaus-Stiftshospital

Neuen Chefarzt und neue Leitende Ärztin begrüßt

Andernach. „Die Einführung von zwei neuen Ärzten in wichtigen Führungspositionen ist für ein Krankenhaus ein besonderes Ereignis“, sagte Geschäftsführerin Cornelia Kaltenborn. Das St. Nikolaus-Stiftshospital begrüßte Dr. mehr...

- Anzeige -Nettebad eröffnet die Liegewiese

Sonnenschein und Schwimm- vergnügen kombinieren

Mayen. Der April hält in diesem Jahr schon viele Sonnentage mit angenehmen Temperaturen bereit. Klar, dass alle Menschen nach draußen und die warmen Temperaturen genießen möchten. Im Nettebad Mayen kann... mehr...

 
Lesen Sie Jetzt:
Umfrage

Wie feiert ihr zu Hause das Osterfest?

Gemeinsam Eier bemalen oder färben
Das Zuhause mit Osterhasen und Zweigen schmücken
Einen Osterzopf oder Osterlamm backen
Ostereier verstecken und suchen
Osternester basteln
Bei uns wird Ostern nicht gefeiert
zusteller gesucht
Anzeige
 
 
Kommentare
Helmut Gelhardt:
Sebastian Hebeisen hat das Richtige gesagt! Lassen wir Herr Klasen toben. Das ist unerheblich. Helmut Gelhardt, Mitglied des Sozialverbands KAB
Uwe Klasen:
Wir dürfen Europa weder den linken Spaltern und Gleichmachern, noch dem Toben der zentralistischen Planwirtschaft überlassen!
Antje Schulz:
Die AfD, die sich gerne als Opfer aufspielt, macht mal wieder mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam. Interessant wäre auch zu erfahren, was Dr. Jan Bollinger, der Kreisvorsitzende der AfD Neuwied, dazu meint. Bollinger ist zugleich auch Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag.
Service
LESETIPPS
GelesenEmpfohlen
Anzeige Online bestellen

Geben Sie Ihre Anzeige in wenigen Schritten einfach selbst auf - Rund um die Uhr auf unserer Online-Anzeigenaufgabe! Wählen Sie hier einfach die passende Rubrik aus.