Horst Gies und Günter Kern im Blick

„Unfassbare Zerstörung und unfassbare SolidAHRität“

15.10.2021 - 15:39

Etwas mehr als drei Monate ist es nun her, dass das Ahrtal von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes heimgesucht wurde. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli bahnten sich unvorstellbare Wassermassen ihren Weg. Die Ahr erhob sich aus ihrem Bett und hinterließ Zerstörung, Leid und Schmerz. Heute ist der Wiederaufbau in vollem Gange und es ist Zeit für ein Resümee – aber auch einen Blick in die Zukunft. Beides interessierte Hermann Krupp, Geschäftsführer des Krupp Verlages und BLICK aktuell-Chefredakteur, bei dem Redaktionsgespräch mit dem 1. Beigeordneten des Kreises Ahrweiler, Horst Gies und Günter Kern, dem Sonderbeauftragten der rheinland-pfälzischen Landesregierung für den Wiederaufbau im Ahrtal. Interessante Fragen standen auf der Tagesordnung: Wie kann der Katastrophenschutz verbessert werden? Wie geht der Wiederaufbau voran? Und wie wichtig war der Einsatz der freiwilligen Helfer im Tal? Gies und Kern hatten die Antworten.


Zunächst wollte Hermann Krupp von seinen Gästen ein Zwischenfazit hören. „Was würde man heute anders machen als am 14. Juli?“, fragt er. Horst Gies ist ehrlich. „Gute Frage“, sagt er. „Aus heutiger Sicht sind die Vorgänge nur schwer zu bewerten“, fügt der 1. Beigeordnete hinzu. Dem pflichtet Günter Kern bei. „Es gilt jetzt, Antworten auf wichtige Fragen zu finden“, sagt er. Welche Infos hat es in der Nacht gegeben und wann? Warum wurde nicht rechtzeitig reagiert?“, formuliert er die Fragestellung.

Fakt sei jedoch, dass der Katastrophenschutz komplett neu gedacht werden müsse. Der Aufbau eines neuen Sirenennetzes laufe bereits auf Hochtouren, „An der Ahr werden 80 neue Sirenen installiert“, sagt Gies. Ziel sei es, schnellstmöglich zu warnen, „falls etwas kommt“, weiß Gies. Das Besondere an den neuen Sirenen: Es wird nicht nur mit dem typischen Heulton gewarnt. Damit könnten die meisten Menschen ohnehin wenig anfangen. Schließlich sage das Warnsignal nicht aus, was passiert sei. Es könne ja auch brennen. Deshalb habe man sich eines anderen Modells bedient. Bald sind auch Lautsprecherdurchsagen über das Sirenensystem möglich. So könne die Feuerwehr die Bevölkerung vor einer ganz konkreten Gefahr warnen. Die Sirenen laufen bei einem Stromausfall mit Akkubetrieb. Das sei entscheidend. Denn in manchen Orten hatten die Warnsysteme keinen Strom mehr, während es in Dörfern wie Laach oder Reimerzhoven erst gar keine Sirenen gegeben habe. Denn für eine Sirene braucht es eine Feuerwehr, die in den kleinen Ortsteilen gar nicht existiere.

Realisiert werden soll das Sirenennetz in sechs Wochen – eigentlich dauere das bis zu zwei Jahre. Auch die Kosten sind geregelt. Das neue Warnsystem bezahlen Bund und Land. Wichtig sei Gies, dass die neue Technik nicht nur an der Ahr zum Einsatz kommt. Auch in allen anderen Kommunen im Kreis soll das neue System installiert werden. Für eine funktionierende Warninfrastruktur benötige es überdies auch eine funktionierende Zentrale. Die war in der Katastrophennacht in der Kreisverwaltung und war nicht völlig funktionstüchtig. Man sei gerade auf der Suche nach einem Standort an dem auch im Krisenfall gearbeitet werden könne.

Günter Kern fügt hinzu, dass es wichtig sei, die Menschen für drohende Gefahren zu sensibilisieren. Wenn die Katastrophen-App Katwarn ständig Alarm schlägt, werde die allzu oft nicht ernst genommen. Gleichzeitig sei es essentiell, dass es „in den Köpfen“ ankomme, dass der Klimawandel schnell solche Regenmassen wie die des 14. Juli hervorbringen kann. Dabei müssen auch die Medien eine größere Rolle spielen, ist sich Kern sicher.

Horst Gies bringt ein weiteres Thema ein: Effektiver Hochwasserschutz ist keine rein kommunale Angelegenheit. „Es war ja nicht so, dass der Regen in Ahrweiler so stark war“, sagt er. 70 Liter waren es dort an dem schicksalhaften Tag. „Die 220 Liter kamen in NRW runter und flossen dann zu uns“, erklärt Gies. Und selbstverständlich müsse sich auch in den Gemeinden der Oberahr etwas im Hochwasserschutz tun. Deshalb müsse man sich mit Kreisen wie Euskirchen oder auch dem Kreis Vulkaneifel zusammentun und gemeinsame Konzepte erarbeiten. Selbstverständlich müsse sich auch in den Gemeinden der Oberahr etwas im Hochwasserschutz ändern. Es könne jedoch nicht sein, dass man verlange, dass in „Müsch oder Hönningen Rückhaltebecken aus eigenen Mitteln gebaut werden, um das ganze Ahrtal zu schützen“, so Gies. Dies sei abwegig. Denn dafür fehlen die finanziellen Mittel. Vielmehr sei dies eine Aufgabe des ganzen Kreises, das gelte auch für die Kommunen in jenen Gebieten, die nicht vom Hochwasser betroffen waren. Aber hier habe es bereits Gespräche gegeben und die Solidarität sei riesig, wie Gies betont. „Es ist allen bewusst, dass Hochwasserschutz eine Gemeinschaftsaufgabe ist.“ Günter Kern fügt hinzu, wie wichtig die Einigkeit angesichts solch massiver Herausforderungen sei. Der Zusammenhalt sei da, das bemerke man gerade bei der Innovationsgemeinschaft und der Hochwasserpartnerschaft. Nur in der eigenen Kommune zu denken, mache keinen Sinn, sondern „von Dorsel bis Sinzig.“


Gies: „Die Helfer haben uns Hoffnung gegeben“


„Ein häufiges Stichwort ist die deutschlandweite „SolidAHRität“, sagt Krupp. „Wie bewerten Sie die umfassenden Hilfen?“. Horst Gies hat die Antwort: „Es gibt zwei Dinge, die unfassbar sind“, sagt er. „Die unfassbare Zerstörung und die unfassbare Hilfe.“ Gies zitiert in diesem Zusammenhang ein Gespräch mit einem Mann aus Marienthal. Der sagte: „Ich habe den Glauben an die Menschheit wieder gewonnen.“ Gies ist dankbar für die Hilfen – gerade von den jungen Menschen. „Es war unglaublich, wie die jungen Leute mitten im Schlamm angepackt haben“, sagt er. „Und das mit einem unglaublichen Enthusiasmus – mein allerhöchstes Kompliment.“ Gies Fazit fällt eindeutig aus: „Die Menschen haben uns Hoffnung gegeben.“ Günter Kern zeigt sich ebenso fasziniert. „Ich habe mit einer jungen Frau gesprochen, die aus New York zum Helfen kam“, sagt er. Das seien Situationen, in denen die Tränen in die Augen schießen. Und dann waren da noch die Bauern und Landwirte. „Hier habe ich eine klare Botschaft“, so Gies in Richtung derjenigen, die mit schwerem Gerät und Maschinen zur Stelle waren. „Ohne Euch wäre das Tal niemals so weit.“ Gies berichtet von Lohnunternehmern, die an der Mittelahr eine provisorische Straße herrichteten. „Einfach so“, sagt er. „Ich weiß nicht, wie die das gemacht haben“, staunt Gies heute noch.

Auch von der Leistung des THW sind Kern und Gies begeistert. Jedoch nicht erstaunt. Kern: „Es überrascht mich nicht, dass die Behelfsbrücken in so kurzer Zeit standen“, sagt der Beauftragte für den Wiederaufbau und unterstreicht die Professionalität des Technischen Hilfswerks.

Für den Aufbau des zerstörten Ahrtals braucht es jedoch nicht nur den Willen, sondern auch Geld. 15 Milliarden sollen für den Aufbau verwendet werden. „Reicht das überhaupt?“, möchte Krupp wissen. Horst Gies zeigt sich diplomatisch: „Zunächst gilt unser Dank an Bund und Länder, die diese Summe bereitstellen“, sagt der CDU-Politiker aus Ahrweiler. Um die Fragestellung zu beantworten, müsse man die konkrete Schadenssumme kennen, sagt Gies. Dies sei jedoch nicht der Fall. Aber: „Falls das Geld nicht reicht, fragen wir noch einmal nach.“ Denn das Geld sei zugesagt, und ebenso stehe das Versprechen im Raum, dass man im Ahrtal nicht allein gelassen werde. „Zur Not erinnern wir die Bundesregierung noch einmal deutlich daran“, so Gies.


Kern: „Helfer sind nach wie vor dringend nötig


“„Beim Aufbau des Ahrtals gibt es eine lange Liste zum Abarbeiten,“ weiß Krupp. „Was ist davon abgehakt, was muss noch passieren?“ Gies sagt, dass das Ahrtal zum größten Teil geräumt und entschlammt sei. Dies sei jedoch nicht überall der Fall. In Bad Neuenahr hinke man etwas hinterher. Das läge an den Eigentumsverhältnissen. Oft gäbe es Eigentümergemeinschaften, die sich erst untereinander arrangieren mussten, bevor es an das Räumen ging. Ihm sei aufgefallen, dass besonders in kleinen Dörfern die Arbeiten besonders gut funktionierten. Hier gäbe es engagierte Bürgermeister und Ortsvorsteher, die anpacken, und von einem Krisenstab von Freiwilligen unterstützt werden. Grundsätzlich gelte: „Je größer der Ort, desto schwieriger das Aufräumen“, sagt er. Denn in Dörfern wisse man sofort, wo Bedarf herrsche. Das sei auch ein Problem des Krisenstabs gewesen. „Das waren Menschen, die kommen nicht von hier und sollen anhand einer Landkarte entscheiden, wo etwas zu erledigen sei“, so Gies. „Und natürlich konnten die das nicht. Ich könnte das auch nicht, wenn ich die gleiche Arbeit in Norddeutschland oder sonst wo leisten müsse“, ist sich Gies sicher.

Günter Kern bringt es auf den Punkt: „Wenn es in den Orten sechs bis acht Menschen gibt, die wissen was los ist, dann klappt das“, sagt er. Er als Beauftragter der Landesregierung stand dabei mit Rat und Tat zur Seite, Sein „Notfall-Handy“ sei stets angeschaltet und das „24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche.“ Grundsätzlich mache der Wiederaufbau gute Fortschritte. Aber Helfer seien nach wie vor dringend nötig. Außerdem stünden nun brennende Fragen in der Bevölkerung an. „Wie und wo baue ich auf?“ sei eine der dringlichsten. Wärme und Licht sind ebenso wichtig. Daraus ergeben sich konkrete Aufgaben. So sei laut Kern ein stabiles Stromnetz absolut entscheidend. „Es kann nicht sein, dass die Menschen im Herbst ihre Heizlüfter anmachen und dann das Netz zusammenbricht“, so Kern. Zum Thema Wiederaufbau dürfe ein Detail nicht vergessen werden. „Die provisorischen Straßen und Brücken gelten nicht als Aufbaumaßnahme“, sagt er. „Sondern als das, was es ist – ein Provisorium.“ Horst Gies ergänzt: „Ich gehe davon aus, dass diese Brücken des THW zwei bis drei Jahre stehen werden.“ Ob dann wirklich alle zerstörten Brücken wieder aufgebaut werden, müsse noch analysiert werden. Es stelle sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Führe innerhalb eines Ortes eine Brücke zu einem Ufer, wo keiner wohne, dann ist der Sinn zunächst nicht gegeben, sagt Kern. Sind dort jedoch die Weinberge von Winzern, wäre ein Neubau jedoch wieder sinnvoll. Es gelte, den Bedarf bei der Bevölkerung abzufragen, ob eine Brücke Sinn mache oder nicht. Sinn mache es ebenfalls, beim Wiederaufbau den Hochwasserschutz gleich mitzudenken. Ein Beispiel kenne Gies aus Heppingen. Dort werden die Schienen der Ahrtalbahn derzeit neu verlegt. Es gäbe Ideen, diese auf einen kleinen Damm zu bauen, um die Wohnhäuser zusätzlich vor zukünftigem Hochwasser zu schützen. Derzeit werden die Schienen ohne eine solche Erhöhung verlegt, „aber dazu müsse man sich noch mit der Bahn verständigen“, so Gies.

Hermann Krupp interessiert sich besonders für das Thema Wärme. „Wann gibt es wieder Gas überall im Ahrtal?“, fragt der Chefredakteur. Gies ist optimistisch. „Stand heute bin ich mir sicher, dass das Gasnetz im November wieder hergestellt ist“, sagt er. Es sei zu bedenken, dass die Gasleitungen im Ahrtal nur bis Marienthal führen. Weiter westlich wäre vornehmlich mit Öl geheizt worden. Problematisch war, dass das Heizöl ins Wasser der Ahr geriet. Gies gibt einen faszinierenden Hinweis. „Aus vier Millionen Liter Wasser konnten zwei Millionen Liter Öl zurückgewonnen werden“, weiß er.


Wohnraum muss neu gedacht werden


Das nächste Thema lautet Wohnraum. „Wo kommen die Menschen unter, die keine Bleibe mehr haben?“ fragt Krupp. Es gäbe eine Vielzahl von Möglichkeiten, sagt Kern. In Mendig entstand ein Containerdorf, es gäbe Absprachen mit Besitzern von Hotels und Ferienwohnungen. Wichtig seien auch die Tiny Houses, die im November bezugsfertig sein sollen. Sogar eine Unterbringung in einem Krankenhaus sei für Senioren und Pflegebedürftige denkbar. Wichtig sei die Frage: „Wie viel Bedarf herrscht eigentlich?“, so Kern. Das wisse man derzeit gar nicht. Dem pflichtet Horst Gies bei. Zurzeit sei die Zahl der Menschen nicht abzusehen, die eine Unterkunft benötigen.

Krupp blickt einen Schritt weiter. „Wie wird der Aufbau von Wohngebäuden ablaufen“, möchte er wissen. Zunächst sei es wichtig, dass nicht wenige Menschen überhaupt wieder dort weiterleben möchten, wo sie vor der Flut lebten. Das sei nur allzu verständlich, schließlich haben die Menschen Schreckliches erleben müssen. Nun gelte es Ersatzflächen zu finden. „Und dabei müssen wir neu denken!“, weiß Kern. Er nennt ein Beispiel: In Insul sei ein neues Baugebiet entstanden mit 29 möglichen Bauplätzen. Nur 17 wurden genehmigt, denn auf dem Gebiet der restlichen zwölf wurden artgeschützte Schmetterlinge gesehen. „In Zeiten, in denen dringend sicherer Wohnraum vor Ort benötigt würde, müssen wir Themen wie Naturschutz auch einmal neu denken“, sagt Kern. „Wir geben der Natur Flächen – und die Natur gibt uns andere Flächen zurück“.

Bei diesem Thema könnte das Ahrtal sogar eine Modellregion werden, fügt Horst Gies hinzu. „Wir werden zu neuen Lösungen praktisch gezwungen, so Gies. Dies könne jedoch auch eine große Chance bedeuten. Ein weiteres wichtiges Thema ist die derzeitige Abwasserinfrastruktur. „Wie sieht hier die Zukunft aus?“, möchte der BLICK aktuell-Chef wissen. Es gäbe Pläne, die Abwasseraufbereitung zentral über die Kläranlage in Sinzig laufen zu lassen, weiß Gies. Das gelte es noch zu prüfen. Im Rahmen des Wiederaufbaues gäbe aber auch dezentrale Lösungen. So wurden in Rech, Mayschoß und Müsch eigene Anlagen installiert, die jedoch provisorisch sind.


Aus der Misere etwas Gutes schaffen


„Wann ist denn das Ahrtal wieder aufgebaut?“, möchte Krupp wissen. „Wie sieht der Zeitplan aus?“

Horst Gies: „In zwei Jahren sind wir weiter als heute. Und in fünf Jahren sind wir deutlich weiter als heute.“ Natürlich seien mit dem Aufbau Chancen für das Ahrtal verbunden. „Wir waren an dem Punkt Null“, so Gies. Der Aufbau wird vor allem dann gelingen, wenn alle zusammenhalten und das gelte für alle Generationen. Sicher sei, dass „das kein Sprint wird, sondern ein Marathon.“ Auch Günter Kern blickte positiv in die Zukunft des Tals. Es könne eine neue und moderne Region mit schnellem Internet dank Glasfaser und entsprechend dichtem Mobilfunknetz entstehen. Wichtig seien auch neue touristische Konzepte. Kern formuliert einen Schlusssatz: „Am Ende möchten wir hier stehen und sagen können: Schaut her, was wir aus der Misere gemacht haben!“

Text/Fotos: Daniel Robbel

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Kommentare
K. Schmidt:
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