Allgemeine Berichte | 16.01.2017

Heimatgeschichten - „Mayen-Andernach-Neuwieder Actien-Straße“

Die „Anglo- Mayener Pferdebahn-Gesellschaft“

Eine im 19. Jahrhundert geplante Pferde- eisenbahn sollte das Reisen an den Rhein bequemer machen

Briefmarke Pferde - Straßenbahn 1880.Archiv Franz G. Bell

Mayen. Versetzen wir uns in die Zeit zurück, als Postkutschen auf unseren Straßen verkehrten. Die alte Verbindung zwischen Mayen und Andernach am Rhein - heute als K 93 und B 256 bezeichnet - war in einem schlechten Zustand. Daher schlossen sich die damaligen großen Basaltlavabetriebe in der vorderen Eifel zu einem sinnvollen Projekt zusammen, in dem sie die ausgefahrene unbefestigte Straße für viel Geld ausbauen ließen und, zu deren Finanzierung Aktien ausgegeben wurden. Weiterhin sollten mit einer Straßenbenutzungsgebühr mittel- bis langfristig die Bau- und Unterhaltungskosten wieder ausgeglichen werden. Dann konnten endlich die mit Basaltlavaprodukten schwer beladenen Fuhrwerke ohne große Probleme - bisher ausgefahrene tiefe Spuren, dadurch bei nasser Witterung häufiges Steckenbleiben und Achsenbrüche - zum Verladen auf Schiffe an den Andernacher Kranen (Alter Krahnen) am Rhein gefahren werden.

Die „Aktienstraße“

Die heute noch in Andernach existierende Bezeichnung „Aktienstraße“ erinnert an einen Teilverlauf dieser mautpflichtigen „Mayen-Andernach-Neuwieder Actien-Straße“, auf der ein reger Güterverkehr stattfand. Auch die Personenbeförderung mit den erwähnten Postkutschen wurde mit der neuen Straße attraktiver und vor allem wesentlich bequemer. Als nun die sogenannte Actienstraße offiziell am 1. August 1854 eröffnet wurde, war vom Bau einer Eisenbahn als konkurrierender Transportweg von Andernach durch die Pellenz in die vordere Eifel noch keine Rede. Erst ca. zwanzig Jahre später ging man dazu in konkrete Planungen über. 1873 erhielt die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft die offizielle Genehmigung zum Bau einer Bahn von Andernach nach Niedermendig.

Projekt Pferdeeisenbahn

Im Januar 1877 berichtete die Mayener Zeitung von einem ganz anderen Plan, der zumindest den Personenverkehr auf der Strecke attraktiver gestaltet haben könnte: „…Es ist ein Projekt aufgetaucht, Mayen und Andernach mit einer Pferdeeisenbahn zu verbinden.“ Der Betreiber sollte, wie es in der Zeitung weiter hieß, eine englische Gesellschaft sein. Man berichtete, dass die vorerwähnte Actienstraße dafür als geeignete Strecke angesehen wurde. Konkret hieß es, dass ein Strang bis zum Rhein anzulegen, die Straße in gutem fahrbarem Zustand zu halten sei und dass man für die Benutzung auch Barriere-Geld erheben könne. Auf einer Seite der Actienstraße könne zum Aufbau der Gleise das Bankett und der Graben benutzt werden; für die Fahrbahn müsse eine Mindestbreite von 16 Fuß verbleiben. Die veranschlagten Kosten von 1,2 Mill. Mark wurden ebenfalls erwähnt. Ferner hielt man dieses Projekt seitens der Presse für einen gefährlichen Konkurrenten der noch nicht bestehenden Eisenbahnstrecke Andernach - Niedermendig. (Eine Pferdeeisenbahn muss man sich - wie auf dem Bild der Briefmarke abgebildet - als eine größere, an Gleise gebundene, vom Pferd gezogene Kutsche oder Wagen vorstellen. In Großstädten, wie Berlin und Wien, wurden um diese Zeit so die Straßenbahnen analog betrieben.) Ob nun die Zeitungsmeldung vom Januar 1877 frischen Wind in die Pläne der vorerwähnten Eisenbahnstrecke gebracht hat, lässt sich nicht sicher belegen. Jedenfalls nur zwei Monate später berichtete die Mayener Zeitung aber bereits über den Eisenbahnbau Andernach - Niedermendig: „…Gestern war ein Baumeister der Rheinischen Bahn hier (Niedermendig war gemeint, der Verf.), um für die Errichtung von drei Stationsgebäuden in Plaidt, Kruft und Niedermendig die zu verwendenden Steinsorten auszuwählen. In diesem Frühjahr (1877) soll der langersehnte Bahnbau in Angriff genommen werden.“ Weiter hieß es: „Die Anglo-Mayener Pferdebahn-Gesellschaft wird nunmehr den Vortheil haben, daß sie die Pferdebahnlinie statt von Mayen nach Andernach nur noch bis Niedermendig auszulegen braucht. Sie wird diesen Vortheil zu schätzen wissen.“

Das Aus für die Pferdeeisenbahn

Tatsächlich kam es bei der Bahn alsbald zum ersten Spatenstich und bereits am 1. April 1878 konnte die Strecke von Andernach bis Niedermendig für den Güterverkehr freigegeben werden; gut einen Monat später auch für den Personenverkehr. Damit dürften die Gesellschafter der Anglo-Mayener Pferdebahn in neue Überlegungen getreten sein, ob sich ihr Vorhaben, auch für die kürzere Strecke von Mayen nach Niedermendig, überhaupt noch lohnen könnte. Machte schon die Eisenbahn den Güterverkehr an den Rhein weitgehend konkurrenzlos, so war doch für die Pferdeeisenbahn im Personenverkehr eigentlich auch kaum noch eine Geschäftsgrundlage vorhanden. Als drei Jahre später die Eisenbahn die Linie über Thür und Kottenheim nach Mayen fortführte, wurde das Projekt einer Pferdeeisenbahn endgültig zu den Akten gelegt. Außerdem stellte die Kaiserliche Ober-Postdirektion Ende Mai 1880 ihre dreimal täglich durchgeführte Personenbeförderung per Kutsche zwischen Mayen und Niedermendig ein. Auch die vorerwähnte Actienstraße verlor durch die Bahnlinie von Mayen nach Andernach für den Gütertransport, insbesondere für die Erzeugnisse aus den Basaltlavabrüchen von Mayen, Ettringen, Kottenheim und Niedermendig, ihre ursprüngliche Bedeutung. Und kostendeckend war die Straße bei aller Erleichterung für die Fuhrleute von Anfang an nicht. Die Actienstraße wurde 1897 in eine Provinzialstraße umgewidmet und ging, was die Unterhaltung betraf, an den Kreis Mayen über. Fortan war die Benutzung gebührenfrei.

Franz G. Bell

Briefmarke Pferde - Straßenbahn 1880.Foto: Archiv Franz G. Bell

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