Allgemeine Berichte | 17.07.2022, 17:56 Uhr

Seit Jahrzehnten wird die Kitzrettung durch die Kreisjägerschaft Ahrweiler praktiziert

Kitzrettung – Drohne über alles?

Verantwortlich ist der Landwirt – Drohnen können hilfreiche Ergänzung sein

 Foto: privat
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Kreis Ahrweiler. Morgens, halb fünf im Juni. Am Horizont ein erster Silberstreif, die Dämmerung bricht an. In den hochgewachsenen Wiesen hängt zart der Tau. Es verspricht ein heißer Tag zu werden, das Wetter ist seit Tagen sonnig und trocken. Heute ist Mahd. Da - ein leises Surren durchbricht die Stille des Morgens. Ein professionell ausgestattetes Team in schrillen Warnwesten macht sich bereit, um mit Hilfe einer Drohne nach Rehkitzen zu suchen, bevor der Bauer mit seinem großen Kreiselmäher mit der Mahd beginnt. Systematisch fliegt die Drohne über die Wiese und nimmt ihre Arbeit auf. Das Team wartet am Rand auf seinen Rettungseinsatz. Wir lassen unseren Blick über die Wiese schweifen. Aber was ist das? Steht dort jemand? Im morgendlichen Dunst sehen wir merkwürdige Gebilde, die uns ein bisschen an Vogelscheuchen erinnern. Was ist das? „Diese Fähnchen haben die Jäger gestern Abend aufgestellt“, erklärt mir der Bauer. „Die Ricken, also die Reh-Mütter, sehen die Fahnen, fühlen sich gestört und bringen ihre Kitze in Sicherheit. Die Fähnchen sind ihnen nicht geheuer.“ Das können wir bestätigen, im morgendlichen Zwielicht haben auch wir uns vor den mit dunklen Tüten ummantelten, knapp zwei Meter hohen Stäben erschreckt. Kurz darauf meldet der Drohnen-Pilot: „Die Wiese ist sauber. Keine Kitze.“ Der Bauer nickt zufrieden und klettert in seinen Mähfahrzeug. „Das habe ich mir gedacht“, raunt er mir vorher noch zu. „Wir hatten immer gute Ergebnisse mit den Kitzrettungsmaßnahmen der Jägerschaft. Die Drohne bestelle ich nur zur Ergänzung, das ist ja eine tolle neue Möglichkeit!“ Während hier an unserer Wiese der Balkenmäher seine Runden zieht und das Drohnenteam unverrichteter Dinge seine Ausrüstung zusammenrafft, stehen wir nachdenklich am Rand. Gab es die Kitzrettung denn auch schon vor den Zeiten der Drohnen und Wärmebildkameras? Zurück am Schreibtisch beginnen wir mit der Recherche. Es gibt viel zu entdecken in diesem weiten Feld.

Wiesen - auch die landwirtschaftlich genutzten - sind für viele Wildtiere ein idealer Lebensraum. Vor allem Rehe, Hasen, Kleinsäuger und Bodenbrüter finden hier Nahrung und Schutz. Während viele Tiere vor den Mähmaschinen flüchten, bleiben Rehkitze jedoch instinktiv in der Wiese liegen. „In der Natur hätten die Kitze bei einem Fluchtversuch keine Chance gegen ihre natürlichen Feinde“, erklärt uns Ralf Schmidt vom Landesjagdverband Rheinland-Pfalz. „Daher drücken sie sich fest an den Boden und verharren still in der Hoffnung, dass der Feind sie nicht wittert. Mit fatalen Folgen beim Einsatz von großen Mähmaschinen!“

Kitzrettung ist so alt wie die Mahd mit großem Gerät

Offensichtlich war die Kitzrettung nie so im Fokus der Öffentlichkeit wie heute, es gibt sie aber schon lange: Die Kitzrettung ist so alt wie die Mahd mit großem Gerät. Es gilt nicht nur, den Kitzen den qualvollen Mähtod zu ersparen, sondern auch, die Silageballen frei von tierischen Bestandteilen zu halten. Die Silage beginnt sonst zu gären und wird unbrauchbar. Die Verantwortung für die Kitzrettung liegt beim Landwirt. Er hat die Pflicht, sich zu vergewissern, dass keine Wildtiere - zur Zeit der Mahd sind es vornehmlich die Rehkitze - zu Schaden kommen. Unterlässt er dies, verstößt er gegen das Tierschutzgesetz und gegen seine Hegeverpflichtung. Die Bauernschaft ist inzwischen sehr engagiert und kümmert sich rechtzeitig und gewissenhaft. Ein von der Landwirtschaftskammer Bayern entwickelter Mähknigge und neuartige Warn- und Assistenz-Systeme an den Mähmaschinen helfen den Landwirten dabei. Das allein reicht aber nicht aus. Es braucht weitere Maßnahmen, auch wenn es niemals eine hundertprozentige Sicherheit geben wird.

Dabei gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten. Neu, hochtechnisiert und damit höchst medienwirksam ist das Absuchen der Wiesen mit einer Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist. Diese Methode wurde vom Bundeslandwirtschaftsministerium subventioniert, bis es jüngst in grüne Hände fiel. Der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) stoppte das Projekt, bedauert MdL Horst Gies (CDU) aus dem Kreis Ahrweiler/Rheinland-Pfalz. Die Drohnen werden trotzdem weiter fliegen, doch es gibt viel zu beachten. Neben der kostspieligen Drohne braucht der Pilot nicht nur einen Drohnenführerschein, sondern auch eine entsprechende Versicherung und sogar eine Überflugserlaubnis. Schon allein daran sieht man, dass es utopisch ist, im großen Stil und ausschließlich mit Drohnen arbeiten zu wollen, Subventionierung hin oder her. Da die Mahd lokal fast gleichzeitig stattfindet - Schönwetterperioden müssen genutzt werden - bräuchte es massenhaft Drohnen. Eine weitere Einschränkung bei der Arbeit mit der Wärmebildkamera ist, auch wenn es banal klingt, die Außentemperatur. Die Kamera arbeitet nur dann zuverlässig, wenn der Unterschied zwischen dem gesuchten Objekt und der Umgebungstemperatur ausreichend groß ist. Daher wird beim Einsatz von Drohnen am frühen Morgen gemäht.

Wer aber betreibt die Drohnen? – Das ist recht unterschiedlich. Zum einen sind es engagierte Jagdpächter oder Kreisjägerschaften wie die Kreisgruppe Mayen-Koblenz im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr selbsternannte Kitzretter, die über ganz unterschiedliche Vorkenntnisse und Ausrüstungen verfügen.

Viele effektive Maßnahmen bestehen bereits seit Langem.

Neben der Drohne gibt es weitere effektive Maßnahmen zur Kitzrettung. Bei diesen Maßnahmen kontaktiert der Landwirt vor der Mahd den ansässigen Jagdpächter. Je nach Revier, Beschaffenheit der Wiesen und der Jahreszeit entscheidet dieser sich für eine der etablierten, klassischen Methoden. Die Methoden mit Wildscheuchen oder sogenannten „Fähnchen“ haben wir morgens an der Wiese bereits kennengelernt. Hierbei besorgen die Ricken die Kitzrettung letztendlich selbst, das Kitz kommt nicht mit Menschen in Kontakt. Das ist eine sehr wildtierfreundliche Methode. Durch die Störung am Vorabend und das Vorhandensein von Fremdkörpern, die im Wind rascheln und sich bewegen, werden die Ricken derart beunruhigt, dass sie ihre Kitze selbst aus der Wiese locken und weiter weg ablegen. Diese Methode erfordert ein gewisses Timing, denn selbst die vorsichtigste Ricke wird sich nach ein paar Tagen an die Wildscheuchen gewöhnen. Daher müssen Wildscheuchen einige Stunden vor der Mahd, in der Regel am Vorabend, gesetzt werden. Diese Arbeit kann recht beschwerlich sein, da die Fähnchen fest im Boden verankert werden müssen. Die Jäger wissen aus Erfahrung, an welchen Stellen besonders häufig Kitze abgelegt werden. Das wird beim Setzen der Wildscheuchen berücksichtigt. Der Landwirt kann die Fahnen dann bei der Mahd vom Traktor aus abnehmen und beruhigt mähen: auch die Wildscheuchen sind eine zuverlässige und sichere Methode zur Kitzrettung.

Eine weitere Möglichkeit, die ebenfalls von der ortsansässigen Jägerschaft übernommen wird, ist das Absuchen der Wiesen unmittelbar vor der Mahd. Hierbei braucht es einen regelrechten Suchtrupp, der mit oder ohne Hund dicht an dicht die Wiesen abgeht. Auch diese Methode ist sehr aufwendig, aber ebenso zuverlässig. Die Jäger und ihre Helfer durchsuchen die Wiesen systematisch und können Kitze mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen an den Rand der Wiese tragen. Nach der Mahd beobachten sie das Wild dann genau, um sich zu vergewissern, dass die Ricke ihr Kitz auch wieder annimmt.

Bisher fand die Kitzrettung im Verborgenen statt.

All das wussten wir nicht. Das Engagement der Jägerschaft ist seit Jahrzehnten ganz ohne die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gleichbleibend groß. Die Jäger verstehen dies als Beitrag zur Hege und praktizieren die Kitzrettung derart selbstverständlich, dass der eine oder andere Landwirt fast vergessen könnte, dass er die Verantwortung für die Kitze in der Wiese trägt. Die Jägerschaft wünscht offenbar keine große Aufmerksamkeit für ihr Tun. Sie hätte es gewiss verdient!

Wir lehnen uns nachdenklich im Schreibtischsessel zurück. Ob die freiwilligen Drohnenteams einen genauso langen Atem wie die Jägerschaft haben werden?

Das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Doch wie es sich auch entwickeln mag, eines begreifen wir jetzt: Die Kitzrettung ist eine aufwendige Angelegenheit. Sie wird seit Jahrzehnten erfolgreich betrieben. Und die Drohne ist allenfalls ein weiteres Hilfsmittel, um die Kitze aus den Wiesen zu bergen.

Pressemitteilung Kreisjägerschaft Ahrweiler

 Foto: Willi Rolfes, Vechta

Foto: Willi Rolfes, Vechta Foto: Willi Rolfes

 Foto: privat

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Rehkitz_mit_Ricke.  Foto: Willi Rolfes, Vechta

Rehkitz_mit_Ricke. Foto: Willi Rolfes, Vechta

Foto: privat

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